Tritt Juventus überhaupt an? Wer in den Tagen vor dem Final in der Champions League den Turiner Spielern zugehört hat, bezweifelt, ob sie heute Abend den Mut haben, ihre Kabine zu verlassen. Denn die Angst geht um bei Juve. Die Angst vor dem Dreizack mit den Weltklassestürmern Lionel Messi, Luis Suarez und Neymar.

«Diese drei flössen jedem Gegner Furcht ein», sagt Verteidiger Leonardo Bonucci. «Ich werde grosse Bedenken haben, wenn sie auf mein Tor laufen», gibt Goalie Gianluigi Buffon zu. Selbst wenn diese Statements auch taktisches Kalkül sind: Selten ist ein Finalist mit einem solch gigantischen Respekt einer gegnerischen Angriffsreihe begegnet.

Mit Recht. Vor einer Woche hat der MSN-Sturm des FC Barcelona, den grossartigen Rekord von Real Madrid gebrochen. 118 Tore hatten Ronaldo, Higuain und Benzema in der Saison 2011/12 in Pflichtspielen geschossen. Seit dem Final in der Copa del Rey gehört die Bestleistung nun aber Barcelonas Trio infernale.

Lichtsteiners Rezept

Beim 3:1-Sieg über Bilbao schraubte dieses sein gemeinsames Konto auf sagenhafte 120 Tore. Schon nach dem 3:0 gegen die Bayern hatte die Sportzeitung «AS» geschrieben: «Messi kochte, Suarez servierte und Neymar liquidierte.» 25 der 28 Tore in der Champions League gehen auf das Konto des Dreizacks, dessen Marktwert bei 260 Millionen Euro liegt.

Immerhin besitzt Juventus auch Spieler wie Stephan Lichtsteiner, die bereit sind, den Kampf aufzunehmen. «Barcelonas Angreifern darf man keinen Raum lassen, sie dürfen nicht anspielbar sein», kennt der Schweizer, der es vor allem mit Neymar zu tun haben wird, das Rezept.

So haben indes auch die Profis von Bilbao gedacht. Zu dritt haben sie Messi eingekesselt, sind vom Argentinier aber wie Statisten behandelt worden, und nachdem dieser auch noch den vierten Basken ins Leere hat laufen lassen, ist der Ball schon im Netz gelegen. Anders als an der WM sprüht Messi vor Spielfreude und treibt die Gegner zur Verzweiflung.

«Messi wurde erwachsener»

Das Traumtor hat unterstrichen, zu welch grossartiger Form er aufgelaufen ist. Dank Neymar, dank Suarez. Viele Jahre war das Spiel des FC Barcelona ganz auf Messi fixiert, doch mit dem besten Spieler Brasiliens und dem besten Spieler Uruguays hat der beste Spieler der Welt zwei Teamkollegen gefunden, die den Angriff der Katalanen zum Besten in der Geschichte des Klubfussballs machen.

«Ich habe mit vielen grossen Offensivspielern zusammengespielt», sagt Messi, «mit Eto’o, Henry, Pedro, Villa, Sanchez und vor allem Ronaldinho. Aber es ist schwer, die Sturmbesetzung mit Neymar, Suarez und mir zu toppen. Mit ihnen zu spielen, ist ein grosses Glück.»

Gerardo Martino, argentinischer Nationalcoach und letztes Jahr noch Trainer des FC Barcelona, sagt: «Mit 27 Jahren ist Messi erwachsener geworden.» Er meint damit: Aus der Diva, die 2009 Zlatan Ibrahimovic eifersüchtig weggemobbt hatte, ist ein Teamplayer geworden.

Immer unberechenbarer

Messi gefällt sich plötzlich in der Rolle, Neymar und Suarez in Szene zu setzen und hat schon doppelt so viele Assists (30) wie 13/14 geliefert. «Ein Könner und Gönner», hat die «FAZ» dazu geschrieben. Kürzlich hat Messi sogar einen Penalty grosszügig Neymar überlassen. Eine Geste, die bisher niemand für möglich gehalten hätte.

Spanische Medien schreiben diese Entwicklung dem Zuzug von Suarez zu. Dieser habe Messis Leben revolutioniert, der Einzelgänger endlich einen Freund gefunden und die Familien seien dick befreundet. Seit Beisser Suarez nach abgesessener Sperre ab dem 25. Oktober 2014 mitspielen darf, hat sich das Barça-Spiel verändert.

Fundamental allerdings erst, seit der Torjäger vom rechten Flügel auf die Mittelstürmerposition gewechselt hat und Messi nun nominell den Rechtsaussen gibt. Mit Suarez hat sich Barcelona nach Trainer Luis Enriques Ankunft einen nächsten Schritt vom reinen Tiki-Taka-Stil entfernt. Sein Spiel ist «schmutziger» und direkter geworden. «Barça ist nun viel unberechenbarer», sagt die spanische Trainerlegende Javier Irureta.