Schweizer Ausnahmetalent

Auf dem Sprung an die Fussball-EM? Aufregende Wochen für Nico Elvedi

Nico Elvedi (rechts) schnuppert Nati-Luft.

Nico Elvedi (rechts) schnuppert Nati-Luft.

Es warten vollgepackte Wochen auf Nico Elvedi. In Mönchengladbach will er seinen Stammplatz verteidigen, im Frühsommer schliesst er seine KV-Lehre ab und vielleicht kommt sogar das Aufgebot für die Europameisterschaft in Frankreich.

Natürlich hätte Nico Elvedi nur allzu gerne gegen Bosnien-Herzegowina sein Debüt gegeben. Es wäre perfekt gewesen, im Letzigrund das erste Länderspiel zu bestreiten. Dort, wo er vor gut zwei Jahren beim FC Zürich seine vielversprechende Profikarriere lanciert hatte. Die Enttäuschung, dass Coach Vladimir Petkovic dann doch darauf verzichtet hat, ihn einzuwechseln, hält sich beim U21-Nationalspieler indes in Grenzen. «Es war schön, dass ich ein Aufgebot erhalten habe und in die Nati reinschnuppern durfte. Meine Gladbacher Klubkollegen Yann und Granit haben mir dabei geholfen», sagt Elvedi.

Und vielleicht ist der Zürcher mit Bündner Wurzeln am Dienstag – ohne zu spielen – sogar ein Sieger gewesen. Fabian Schär und Philippe Senderos, seine Konkurrenten in der Innenverteidigung, haben schwach gespielt. «Klar habe ich die EM irgendwo im Hinterkopf», sagt Elvedi, «aber um den Schlaf bringt mich dies nicht.»

Die Hymne gehört

Zumal die Bundesliga jetzt seine ganze Konzentration erfordert. Schon am Sonntag steht das für die Champions-League-Qualifikation wegweisende Spiel gegen Hertha auf dem Programm. In die Königsklasse möchte Elvedi unbedingt. Sein bisher einziger Auftritt dort hat trotz der 2:4-Niederlage bei Manchester City Appetit auf mehr gemacht. Elvedi sagt: «Als wir auf dem Rasen standen und die Champions-League-Hymne hörten, da ist mir durch den Kopf gegangen: Hey Nico, davon hast du als Bub immer geträumt. Jetzt bist du tatsächlich selber dabei!» Dass er danach bei seinem 90-Minuten-Einsatz gegen Cracks wie Sterling, de Bruyne und Silva einiges an Lehrgeld bezahlen musste, gehört nun mal zum Entwicklungsprozess eines Grünschnabels.

Als Elvedi im Sommer letzten Jahres den FCZ mit 18-Super-League-Spielen im Rucksack verliess, um in Mönchengladbach mit einem Vierjahresvertrag seinen neuen Job anzutreten, war sein erster Wunsch, sich möglichst schnell ans Trainingsniveau anzupassen und bei den Spielen mit der U23 unter Trainer André Schubert eine gute Figur abzugeben. Doch nachdem die 1. Mannschaft die ersten fünf Spiele allesamt verloren und Cheftrainer Lucien Favre den Rücktritt gegeben hatte, fragte sich Elvedi: Was wird jetzt aus mir? «Ich hatte vor dem Transfer zwar nie mit Favre gesprochen, aber nur Gutes über ihn gehört. Er war ein wichtiger Grund gewesen, nach Gladbach zu gehen», sagt Elvedi. «Ich war schon geschockt, als er ging. Es war der erste Trainerwechsel in meiner Laufbahn. In den paar Wochen der gemeinsamen Zusammenarbeit hatte mir Favre mit individuellen Videoanalysen bereits viel beigebracht.»

Doch die Sorgen waren bald verschwunden. Schubert wurde Favres Nachfolger. Am 7. November erhielt Elvedi von diesem gegen Ingolstadt (0:0) die beiden ersten Einsatzminuten in der Bundesliga. Er war damit bis vor drei Wochen, als Albian Ajeti für Augsburg seinen Einstand gab, mit 19 Jahren, einem Monat und acht Tagen der jüngste Schweizer Bundesligadebütant.

Sieg und Assist gegen Bayern

Am 5. Dezember folgte gar die erstmalige Berufung in die Startformation. Anderen wäre angesichts der Affiche das Herz in die Hosen gerutscht: 54 000 Fans wollten im Borussia-Park die erste Niederlage von Krösus Bayern München sehen. Doch Elvedi blieb im Duell mit dem gleichaltrigen französischen Supertalent Kingsley Coman ruhig. «Ich bekam ihn in den Griff», erinnert sich Elvedi. Gladbach siegte 3:1, und nicht nur Sommer und Xhaka wurden gefeiert, bewundert wurde die Kaltschnäuzigkeit Elvedis, der auch noch die Vorlage zum 2:0 geliefert hatte. «Er ist ein Eisvogel. Cool, ohne Angst. Es ist ihm egal, wer sein Gegenspieler ist», hat Schubert gesagt.

Dieser hat in der letzten Woche Nicos Zwillingsbruder Jan kennen gelernt. Beim FC Winterthur unter Vertrag, aber selten eingesetzt, durfte dieser mit Mönchengladbach ein Testspiel gegen Bielefeld bestreiten. Jan habe ordentlich gespielt, sagte Schubert. Er liess offen, ob der zweite Elvedi bei Borussia eine Chance bekommt.

Nico, seit dem Bayern-Spiel Stammspieler, meist rechts in der Dreierkette, muss seinen Platz nun gegen den wieder fitten Tony Jantschke verteidigen. Es warten vollgepackte Wochen. Nicht nur in der Bundesliga. Im Frühsommer schliesst er seine vierjährige KV-Lehre ab. Das Praktikum absolviert er derzeit auf der Gladbacher Geschäftsstelle. Sollte er dann im Wonnemonat Mai auch noch ins EM-Kader rutschen – es wäre weit mehr als nur das Sahnehäubchen auf ein aufregendes Jahr. «Manchmal kann ich selber kaum glauben, wie schnell alles gegangen ist», sagt Elvedi.

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