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Auf der Insel schwimmen sie im Geld

Der neue TV-Vertrag über rund 2,7 Milliarden Pfund ermöglicht den Premier-League-Klubs Shoppingtouren. Bisher halten sich die englischen Teams aber noch zurück.

Raphael Honigstein, London
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Luke Shaw (r.) ist nur Insidern ein Begriff –trotzdem wechselte er vor Jahresfrist für 30 Millionen Pfund von Southampton zu Manchester United.

Luke Shaw (r.) ist nur Insidern ein Begriff –trotzdem wechselte er vor Jahresfrist für 30 Millionen Pfund von Southampton zu Manchester United.

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Als einen «schwarzen Stern, der unaufhörlich Menschen, Ressourcen und Energie aufsaugt» bezeichnete im vergangenen Jahr Alex Salmond, der Parteichef der schottischen Nationalpartei (SNP), die britische Hauptstadt. Was für London, die nimmersatte zehn Millionen-Metropole an der Themse gilt, dürfte demnächst auch auf jene Organisation zutreffen, die hier im mondänen Stadtteil Marylebone ihren Sitz hat: die Premier League. Der neue, ab 2016 in Kraft tretende Fernsehvertrag sichert der Liga pro Jahr (inklusive der Auslandsrechte) um die 2,7 Milliarden Pfund zu. Selbst der Tabellenletzte auf der Insel wird dann deutlich mehr als 100 Millionen Pfund im Jahr an TV-Einnahmen generieren – genügend Geld, um mit einem Schlag etablierte europäische Grossklubs wie Ajax (Amsterdam) oder den Hamburger SV hinter sich zu lassen.

Die inflationären Folgen dieser neuen, riesigen Kapital-Welle zeichnen sich bereits ab. Der Marktwert eines talentierten Jungnationalspielers wie Liverpools Raheem Sterling (20) liegt bereits bei etwa 60 Millionen Pfund. Manchester City, der von Millionen aus Abu Dhabi alimentierte Klub, würde den Flügelstürmer gerne verpflichten. Die von der Uefa Anfang der Woche angekündigten Lockerung der Financial-Fairplay-Auflagen werden die Spitzenklubs zusätzlich ermutigen, Tief in die Tasche zu greifen.

Einheimisches Schaffen wird teurer

Gerade einheimische Spieler, die in der vergangenen Saison nur ein knappes Drittel aller Beschäftigten ausmachten, kommt der Boom zugute. Englische Klubs kaufen, selbst wenn sie von Ausländern geführt und trainiert werden, noch immer am liebsten Engländer, die bereits Premier-League-erprobt sind. Diese Marotte führt zu bizarren Deals wie dem 30-Millionen-Pfund-Transfer von Rechtsverteidiger Luke Shaw von Southampton zu Manchester United im Vorjahr. So lange sich die 20-Eliteklubs die Millionen unter sich hin und her schieben und die Gehälter hochtreiben, muss der Rest Europas die englische Finanzübermacht nur bedingt fürchten.

Anders als in den 90er Jahren, als die Premier League ebenfalls deutlich mehr Geld als die kontinentale Konkurrenz generierte, dieses aber recht planlos aus dem Fenster warf, sind die meisten Vereine professioneller geworden, was das Scouting im Ausland angeht. Wer nicht die wenigen wirklich guten Engländer bekommt, findet Alternativen auf dem Festland. Die zwei teuersten Neuverpflichtungen sind bisher der Niederländer Memphis Depay (31 Millionen Pfund, von PSV Eindhoven zu Manchester United) und Hoffenheims Brasilianer Roberto Firmino, der für nicht viel weniger aus dem Kraichgau an die Mersey zum FC Liverpool umsiedelt.

Superstar fehlt der Premier League

Chelsea wird den Kolumbianer Falcao, der bei Manchester United eine miserable Saison verlebte, vom AS Monaco ausleihen; Stoke City – und auch Everton – sind gerüchteweise stark am Schweizer Nationalmannschafts-Star Xherdan Shaqiri interessiert (siehe Text unten). Der Trend wird weiter zu ausländischen Importen gehen, die trotz des höheren Risikos aufgrund der Eingewöhnung deutlich realistischer taxiert sind. Mittelfristig wird der Anteil der Profis, die für Roy Hodgsons Nationalelf spielen dürfen, in der «Prem» noch weiter zurückgehen.

Auf die ganz grossen Superstar-Deals warten die Fans im Vereinigten Königreich jedoch noch. Das hängt zum einen damit zusammen, dass viele Vereine gerne bis zum Ende der Transferperiode zögern, um dann ausländische Spieler einzukaufen, die anderswo nicht mehr gebraucht werden. Mesut Özil kam so im September 2013 von Real Madrid zum FC Arsenal. Ungeachtet dessen haben es Premier-League-Klubs traditionell schon lange schwer, absolute Weltstars vom Schlage eines Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo zu verpflichten. Dieser Typ Spieler bevorzugt seit jeher Spanien. Seit Ronaldos Weggang von United im Jahre 2009 musste die Insel ohne den weltbesten Kicker auskommen. Chelseas Eden Hazard, der Spieler des Jahres 2015, spielt bei allen Fähigkeiten noch nicht auf einem vergleichbaren Niveau.

Mit Sergio Ramos (Real Madrid) könnten die Red Devils zumindest noch einen Weltmeister ins Old Trafford locken; der von Coach Louis van Gaal heftig umworbene Thomas Müller wird in München bleiben. Der meist-diskutierte Transfer ist Chelsea-Torwart Petr Cechs Wechsel zum FC Arsenal. Mit dem 33-jährigen Tschechen, so glauben die Gunners-Sympathisanten, hat Arsène Wenger endlich wieder einen Torhüter, mit dem sich die Meisterschaft gewinnen lässt. Doch das ist nur eine Momentaufnahme. Auch wenn das Thermometer in den nächsten Wochen nicht mehr so hoch klettern wird, wie am rekordträchtigen Mittwoch (35 Grad in London), geht die wirklich heisse Phase erst noch los.

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