Hintergrund
Auf den Spuren des «Verrückten» Martin Schmidt

Wer ist eigentlich Martin Schmidt? Die «Schweiz am Sonntag» macht sich auf die Suche nach den Ursprüngen seiner Geschichte. Sie beginnt in einer Alphütte auf der wunderbaren Belalp.

Etienne Wuillemin
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Die Sonne lacht über der Belalp. Hier tankt der neue Mainz-Trainer Martin Schmidt Energie.

Die Sonne lacht über der Belalp. Hier tankt der neue Mainz-Trainer Martin Schmidt Energie.

Alex Spichale

Eigentlich ist es nur ein Trainerwechsel. Der sechste bereits in dieser Bundesliga-Saison. Diesmal in Mainz. Aber diesmal ist alles ein wenig anders. Martin Schmidt heisst der Neue. Ein 47-jähriger Walliser mit einem Faible für schnelles Skifahren und wildes Mountainbiken. Er hat sechs Geschwister. Und dass seine Freundin ein 22 Jahre jüngeres Model ist, macht die Aufregung in Deutschland nur noch grösser. Grund genug, sich auf die Spuren von Schmidt zu machen.

Es ist Donnerstagmorgen, das Wallis zeigt sich von seiner schönsten Seite. Die Reise beginnt in Raron, einem 1800-Seelen-Dörfchen zwischen Sion und Brig. Auf der Homepage des 2.-Ligisten steht: «Unser Martin hat den Aufstieg zum Bundesligatrainer geschafft! Wir gratulieren recht herzlich!!!»

Der Empfang auf dem Fussballplatz Rhoneglut ist, nun ja, etwas harzig. Der grosse Parkplatz ist zwar völlig leer, doch unser Auto ist gleichwohl unerwünscht. «Sehen Sie denn nicht, dass die Parkplätze für die Firma reserviert sind?», fragt ein Einheimischer. Und dann: «Nun sagen Sie, weshalb sind Sie hier?» Als der Einheimische erfährt, dass sich die Gäste für die Spuren von Martin Schmidt interessieren, erschrickt er: «Ach, herrje, Sie kommen extra vom Aargau ins Wallis – und jetzt wird Ihr erster Eindruck von einem blöden Menschen vermasselt.»

«Martin ist einmalig»

Alles halb so schlimm. Die Szenerie um den etwas maroden, aber wunderbar heimeligen Fussballplatz entschädigt mehr als genug. Auf dieser Anlage hat die Trainerkarriere von Martin Schmidt vor zwölf Jahren also begonnen.

Einer, der die Anfänge aus nächster Nähe mitbekommen hat, ist Rolf Amacker. Der mittlerweile 35-Jährige war einer von Schmidts Spielern beim FC Raron. Er kommt schnell ins Erzählen. «Ich erlebte viele Trainer – aber einer wie Martin? Nein! Martin ist einmalig. Er hat aus jedem Spieler das Beste herausgeholt. In der Garderobe, da hat er nicht nur vom Team gesprochen. Er hat die Stärken von jedem Einzelnen vor der ganzen Mannschaft erwähnt.»

Erste Niederlage mit Mainz

Der Trainer Martin Schmidt ist in der Schweiz ein relativ unbeschriebenes Blatt. Er ist in der Bundesliga angelangt, ohne je einen Schweizer Verein in der Super League trainiert zu haben. Mit dem FC Raron schaffte er den Durchmarsch bis in die 2. Liga interregional. Danach übernahm er die U21 von Thun. Mit dieser überzeugte er an einem Vorbereitungsturnier in Deutschland den damaligen Mainz-Trainer Thomas Tuchel so sehr, dass er einen Job im Mainzer Nachwuchs erhielt. Nun schaffte Martin Schmidt den Aufstieg zum Trainer der Profis. Nach dem 3:1-Sieg im Derby gegen Frankfurt zum Start verlor Schmidts Team gestern in Hoffenheim trotz guter Leistung 0:2.

Fast hat der Zuhörer das Gefühl, Amacker freue sich mehr als Schmidt selbst über dessen Berufung zum Bundesligatrainer. Der Sanitär sagt: «Irgendwie ist es skurril, vor ein paar Jahren stand er vor uns Hobby-Kickern, jetzt können wir den TV anschalten und sehen ihn auf der grossen Bühne.» Amacker erzählt, wie er die erste Medienkonferenz von Schmidt geschaut hat. «Als ich ihn reden hörte, schloss ich die Augen – und es kam mir vor, als wäre er mit uns in der Garderobe. Er erzählte die genau gleichen Dinge wie damals.»

Kreuzband siebenmal gerissen

Wir fahren weiter. Durch Schmidts Geburtsort Naters, hinauf nach Blatten, an den Fuss der Belalp. Die Fahrt auf den Berg dauert nur wenige Minuten. Zusammen mit Beatrice Page – einer von Schmidts fünf Schwestern – und Hund Naiko machen wir uns auf den Weg zu jener Alphütte, in der die Familie Schmidt früher jeweils den Sommer verbrachte. Und Page erzählt die Geschichte ihrer Kindheit.

Damals dauerten die Sommerferien noch von Juni bis September. Auf der Alp unterstützten die sieben Kinder ihre Eltern und den Grossvater. «Wir hatten etwa acht Kühe, jeder hatte seine Aufgaben, Martin und ich brachten meist die Milch in die Sennerei. Es war ein wunderbares Leben dort oben, 20 bis 30 Kinder, immer etwas los, die Zeit war fast nie ein Faktor. Manchmal badeten wir in einem Bach. Oder, nach strengen Wintern, konnten wir gar noch schlitteln.» Und abends, in der Hütte, da schliefen alle zusammen auf einer grossen Matratze im Wohnzimmer.

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie viel Energie man aus diesem Panorama schöpfen kann. «Wenn Martin etwas vermisst als Fussballtrainer, dann die vielen Skitage», sagt Page. Schmidt hat ein Flair für Skifahren und Mountainbiken. Sieben Kreuzbandrisse erlitt er in seinem Leben. Aber einige der kolportierten Geschichten über ihn entspringen der Fantasie. Er war weder Schafhirt noch Bergsteiger.

Textilfirma in Brig

Bis ganz vor die Alphütte ist der Weg nicht frei. Zu tief liegt der Schnee. Hund Naiko wälzt sich noch einmal durch den Schnee. Dann gehts zurück ins Tal. Nach Brig.

Im Zentrum befindet sich die «Texcon». Miranda Schöpfer öffnet die Tür und führt die Gäste durch den Textilladen. Die neue Stickerei-Maschine ist hochmodern, eine Anschaffung von hohem Wert. Vor 11 Jahren hat sie mit ihrem Bruder – Schmidt – den Laden, der Kleidung für kleine bis mittelgrosse Firmen anbietet, gegründet.

«Kurz nach dem letzten Ausbau ging Martin nach Mainz. Erst dachte ich: Oh, Gott, was mache ich jetzt alleine? Aber ich realisierte schnell: Martin ist immer für mich da. Wenn ich eine Idee habe, frage ich ihn rasch nach seiner Meinung – und bekomme innert Kürze Antwort.»

Immer eine Lösung gefunden

Wie aber kommt ein gelernter Automechaniker, der eine Garage besitzt, auf die Idee, plötzlich im Kleidungsgeschäft tätig zu sein? Schöpfer erklärt es so: «In einer Garage repariert man häufig defekte Autos, am Ende stehen hohe Rechnungen für die Kunden. Er merkte, dass es der richtige Zeitpunkt ist, um etwas zu ändern und er mit Bekleidungskonzepten seinen Kunden viel Freude bereiten kann.»

Gesagt, getan. Ob in der Kleiderbranche oder auf dem Fussballplatz, Schmidt bleibt Schmidt. «Es kam öfters vor, dass er bis 23 Uhr im Büro an Ideen tüftelte. Gab es ein Problem, sagte er jeweils: ‹Geht nicht gibts nicht!› Und irgendwann stand die Lösung bereit», erzählt Schöpfer.

Plant die Texcon bereits ein personalisiertes Martin-Schmidt-Fan-Shirt für die Fans in Mainz? «Bis jetzt noch nicht», sagt Schöpfer, «wobei, es wäre ja sehr einfach. Man müsste nur das Logo mit ein paar Walliser Sternen ergänzen.»