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Auf dem Sprungbrett in eine höhere Liga: Davide Mariani bei Levski Sofia

Eine feste Grösse im Team von Levski Sofia: Davide Mariani.

Eine feste Grösse im Team von Levski Sofia: Davide Mariani.

Der Schweizer Davide Mariani spielt für Levski Sofia – und geniesst den aktuellen Höhenflug. Gemeinsam mit seinem Multikulti-Team kann der Fussballspieler zum ersten Mal in seiner Karriere um einen Meistertitel spielen.

Vor ein paar Tagen ist Davide Mariani von seinem kurzen Heimaturlaub nach Sofia zurückgekehrt. Der Spitzenkampf gegen Ludorez Rasgrad vom Samstag erfordert die volle Konzentration.

Seit vier Monaten und mit einem Dreijahresvertrag ausgestattet, spielt der 27-Jährige für Levski Sofia in Bulgariens Parva-Liga und hat, sofern das nicht schon am Telefon passiert ist, seiner Familie und den Freunden nur viel Gutes zu erzählen gehabt. «Es gibt tatsächlich nichts, worüber ich mich beklagen könnte», sagt Mariani. «Ich fühle mich überaus wohl hier.»

Eine gute Chance für die Karriere

Bulgarien? Sofia? Levski? Wenn Schweizer Profifussballer von einem Klub im Ausland träumen, dann nicht unbedingt von einem in diesem Land, dieser Stadt und diesem Verein. Auch Mariani hat das nicht getan.

«Es ist nicht so gewesen, dass ich schon immer nach Bulgarien wechseln wollte. Ich war zuvor noch nie da», sagt der in Zürich aufgewachsene Sohn einer Mexikanerin und eines Italieners. «Aber dann wurde ich von Levski für drei Tage eingeladen. Man hat mir die Stadt und den Klub gezeigt und mich davon überzeugt, dass es eine gute Chance für meine Karriere ist, hier zu spielen. Auch ein Sprungbrett in eine grössere Liga.»

Mariani verhehlt indes nicht, dass es für ihn auch finanziell passt. Sein Berater Dino Lamberti sagt: «In finanzieller Hinsicht hat Levski ihm den Wert gegeben, den er sich in den letzten zwei Jahren mit seinen Leistungen in der Super League erarbeitet hat. In keinem Verein in der Schweiz könnte er mehr verdienen.»

Aleksandrovs Erinnerungen

Der Aarauer Assistenztrainer Petar Aleksandrov, der den bulgarischen Fussball in- und auswendig kennt, zweifelt nicht an dieser Aussage. «Ich weiss zwar nicht, woher das Geld kommt, aber es ist nun mal da. Rasgrad hat ja ebenfalls Geld wie Heu.»

Auch Aleksandrov hat mal für Levski gespielt, seinen Lieblingsklub seit Kindsbeinen. Nach dem sensationellen Meistertitel mit Aarau hatte er im folgenden Winter für ein halbes Jahr zu Levski gewechselt, um seine WM-Chancen mit der Nationalmannschaft Bulgariens zu wahren. Mit zehn Toren und dem Gewinn des Doubles gelang dies bestens. «Wir spielten damals im Nationalstadion und zu den Derbys kamen 60 000 Zuschauer.»

«Die Hilfsbereitschaft ist unglaublich»

Von solchen Zahlen kann heute nicht mehr die Rede sein. Im Schnitt verfolgen 6000 die Partien von Levski im Georgi-Asparuchov-Stadion. An der Beliebtheit des 26-fachen Meisters – nur ZSKA Sofia ist mit 31 Titeln erfolgreicher – hat sich nichts geändert. «Überall, wo wir spielen, ist die Tribüne blau – in unseren Farben. Ich werde an jeder Ecke angesprochen und alle fragen mich, ob sie etwas für mich tun können. Die Hilfsbereitschaft ist unglaublich. Das gibt noch mehr Motivation und Verantwortungsgefühl», sagt Mariani.

«Es war fast schon rührend zu sehen, wie manche unserer Fans vor Glück weinten, nachdem wir das Derby gegen ZSKA gewonnen hatten.» Levski ist der Klub des Volkes mit viel Tradition und hat in seinen besten Tagen auch gut im Europacup mitgespielt.

Fanatische Fans

Wie fanatisch die Fans sind, bekam vor fünf Jahren Trainer Ivajlo Petev zu spüren. Sein Leistungsausweis, zwei Meistertitel in Folge mit Rasgrad, hatten die Levski-Verantwortlichen bewogen, den damals 38-Jährigen zu verpflichten, dabei die Rechnung aber ohne die Ultras gemacht.

Während der Vorstellungspressekonferenz zwangen sie den Neuen, die Klubjacke mit dem Levski-Logo auszuziehen und sofort den Raum zu verlassen. 24 Stunden später trat Petev zurück. Der Grund für die Abneigung der Fans: Der spätere Nationaltrainer soll Sympathien für ZSKA Sofia haben.

Der Traum vom ersten Titel seit zehn Jahren

Dass Mariani derzeit von den Anhängern und deren freundlicher Gesinnung schwärmen kann, hängt mit den vielen Siegen zusammen, die Tabellenführer Levski vom ersten Titel seit zehn Jahren träumen lässt. «Sieben oder acht Teams der 14er-Liga haben Super-League-Niveau», sagt Mariani.

Vergessen ist das eher klägliche Aus in der Europa-League-Qualifikation gegen Vaduz, das den renommierten italienischen Trainer Delio Rossi den Kopf gekostet hatte. «Er hat mir einiges beigebracht. Ich habe mich bei ihm dafür bedankt», sagt Mariani. «Im Defensivverhalten habe ich einen Zacken zugelegt.»

«Wir wollen immer gewinnen»

Aber auch mit dem neuen Trainer, dem Slowenen Slavisa Stojanovic, kann es Mariani gut. «Er lässt mir alle Freiheiten», sagt der zentrale Mittelfeldspieler, der in allen Partien zu Einsatz gekommen ist und sechs Skorerpunkte gesammelt hat. «Wir spielen immer auf Angriff und wollen immer gewinnen. Wenn wir in der 91. Minute ausgleichen, jubeln wir nicht, sondern greifen nach dem Sieg», sagt Mariani.

Ein Multikulti-Team

Lewski ist ein Multikultiteam mit Spielern aus Bulgarien, Brasilien, Frankreich, den Kapverden, aus Tunesien, Rumänien, Estland, Senegal, Portugal, Tschechien, Island, Serbien, der Slowakei und der Schweiz. «Die Verständigung ist kein Problem», sagt Mariani, dessen grosser Vorteil es war, gleich zu Beginn in einem dreiwöchigen(!) Trainingslager die Teamkollegen bestens kennenzulernen. «Einzig im normalen Leben, wenn ich zum Beispiel auf die Bank muss, kann es angesichts von Formularen in kyrillischer Schrift kompliziert werden. Da muss ich mir dann etwas einfallen lassen», sagt Mariani.

Auf einem guten Weg

Er wohnt in einer neuen Wohnung in einem guten Quartier, «wie in Zürich im Kreis 3 oder 5 und in einer sehr aufregenden Stadt», sagt der Zürcher. «Es wird mir nie langweilig, ich habe immer etwas zu tun. In Lugano war mein Leben eintöniger», sagt Mariani.

Er meint damit nicht das Verweilen an der Playstation, sondern das konsequente Profileben. «Ich weiss mittlerweile, wie der Hase läuft. Ich bin hier ganz auf meine Laufbahn fokussiert und kann erstmals in meiner Karriere um einen Meistertitel spielen», sagt Mariani. «Ich denke, Levski und ich sind auf einem guten Weg.»

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