Europa League

Auch Erwachsene dürfen träumen - Marchesano und der FCZ fiebern dem Europa-League-Spiel gegen Napoli entgegen

1,68 Meter klein, aber ein Grosser am Ball: Antonio Marchesano (Mitte) möchte spielen wie seine Vorbilder Del Piero und Zidane.

1,68 Meter klein, aber ein Grosser am Ball: Antonio Marchesano (Mitte) möchte spielen wie seine Vorbilder Del Piero und Zidane.

Das Kribbeln hat früher eingesetzt als gewöhnlich. Vermutlich bei den meisten Spielern des FC Zürich; vor allem aber bei Antonio Marchesano.

Dieser sitzt an einem der Tische in der Lobby der Zürcher Saalsporthalle und gibt Einblick in seine berufliche Gefühlswelt. Schon gleich nach der Auslosung im Dezember hatte er einem Radiosender aus Neapel ein Interview gegeben.

Und wenn er damals dasselbe gesagt hat wie heute, dann wissen die Tifosi am Fusse des Vesuv, dass ihre Lieblinge im Letzigrund mit einigem Widerstand rechnen müssen. «Wir wollen gewinnen», sagt Marchesano. «Und eine Runde weiterkommen.»

Eine mutige Ansage

Die SSC Napoli ist ja nicht irgendein Verein, sondern der italienische Vizemeister. Der in der Serie A auch jetzt wieder Tabellenzweiter ist, elf Punkte hinter Juventus zwar, aber neun Zähler vor Inter und gar dreizehn vor der AC Milan.

Doch der 3:2-Erfolg über Bayer Leverkusen in der Gruppenphase der Europa League, der erste Sieg über einen Bundesligaklub, gibt dem FCZ Selbstvertrauen. «Obwohl ich Napoli schon noch etwas höher einschätze», sagt Marchesano. Er hatte zwar gehofft, sie würden in den Sechzehntelfinals auf einen etwas leichteren Gegner treffen, doch wenn es schon ein Schwergewicht sein musste, dann Napoli.

«Ich bin Schweizer»

Seine Eltern sind einst aus Kalabrien, ganz im Süden des Landes, noch viel weiter südlich als Neapel liegt, in die Schweiz eingewandert und haben sich im Tessin niedergelassen. Obwohl Marchesano in Bellinzona geboren wurde und aufgewachsen ist, besitzt er neben dem Schweizer Pass auch noch den italienischen. «Den benütze ich aber nie, ich bin Schweizer», betont der zentrale Mittelfeldspieler.

Marchesano hat auch den italienischen Pass, doch diesen benütze er nicht.

Marchesano hat auch den italienischen Pass, doch diesen benütze er nicht.

Was an seiner Liebe zum italienischen Fussball nichts ändert. «Im Tessin verfolgt man nun mal intensiv die Serie A. Ab und zu habe ich in Italien Spiele besucht und davon geträumt, einmal hier zu spielen», sagt Marchesano. Er sei von klein auf Juve-Fan gewesen und sei es heute noch. Seine grossen Vorbilder waren Alessandro Del Piero und Zinédine Zidane. Auf dem Markt von Ponte Tresa kaufte er sich einst sein erstes weiss-schwarzes Trikot.

Dreissig Ticketbestellungen

Auch wenn jetzt der Gegner nicht Juventus heisst, ist es verständlich, dass er in diesen Tagen ziemlich aufgeregt ist. Aber nicht nur er. «Es kommen viele Fans aus dem Tessin nach Zürich, auch meine Familie», erzählt Marchesano. Dreissig Ticketbestellungen sind bei ihm eingegangen.

Er kann die Aufstellung der SSC Napoli auswendig aufsagen, spricht voller Bewunderung über Carlo Ancelotti, einen der weltbesten Trainer, und auch wenn er davon überzeugt ist, dass ihr Trainer Ludovic Magnin sie perfekt auf den Gegner einstellen wird, so hat sich auch Marchesano selber seine Gedanken gemacht, welches der Schlüssel zu einem Sieg sein könnte.

«Wir müssen so spielen wie gegen Leverkusen. Das war unser bestes Spiel, seit ich beim FCZ bin. Wir hatten keine Angst vor dem Gegner und strotzten vor Selbstvertrauen. Wir sollten hoch stehen und den Ball weit vom eigenen Tor fernhalten. Wenn wir glauben, wir müssten neunzig Minuten verteidigen, dann geht es schief gegen Stürmer wie Insigne, Mertens und Callejon.»

Fokus auf diesem Wettbewerb 

Marchesano sagt, er habe sich vor zwei Wochen das Cupspiel von Napoli gegen Milan, das die Mailänder 2:0 gewannen, angeschaut und Schwächen erkannt. «Wenn man sich gegen das Pressing clever anstellt und es überspielt, bieten sich Räume», hat Marchesano beobachtet.

Kommt hinzu, dass er sich durchaus vorstellen kann, dass der FCZ unterschätzt wird. «In Italien gibt es diese Mentalität. Andrerseits kann Napoli die Meisterschaft und den Cup nicht mehr gewinnen. Also bleibt nur die Europa League, was dafür spricht, dass der Fokus besonders auf diesen Wettbewerb gerichtet ist.»

Mit 24 000 Zuschauern ist der Letzigrund wieder einmal ausverkauft. Obgleich viele Italiener im Stadion sein werden, glaubt Marchesano nicht, dass es für den FCZ ein Auswärtsspiel wird. «Nicht alle werden Napoli unterstützen. Die Juve-Fans unter ihnen sicher nicht.» Er wünscht sich ein Resultat, das für das Rückspiel in zwei Wochen alles offenlässt.

Bubentraum 

Marchesano war noch nie in Neapel. Er freut sich auf den Auftritt im Stadion San-Paolo. Sein Bubentraum, einmal in der Serie A zu spielen, ist noch nicht ganz erloschen.

«Aber ich bin mittlerweile 28-jährig und stehe mit beiden Füssen auf dem Boden», sagt Marchesano, der im vergangenen Mai beim Cupsieg gegen YB Torschütze war und seit acht Wochen Vater einer Tochter ist. «Aber klar. Auch Erwachsene dürfen noch träumen.»

Was gibt es da Besseres, als eine Bühne mit FCZ gegen Napoli? «Ich gebe wie immer alles. Schauen wir mal, was dabei herauskommt», sagt Marchesano.

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