Auch wenn sich die Grasshoppers in der grössten sportlichen Krise seit 1949 befinden, ihr Ansehen arg gelitten hat und sich nur noch wenige Zuschauer zu den Heimspielen in den Letzigrund verirren: Der erfolgreichste Verein in der Geschichte des Schweizer Klubfussballs generiert noch immer ein hohes öffentliches Interesse.

Bei der Vorstellung von Stephan Rietiker am Mittwoch in der Zürcher Innenstadt lauschten mehrere Dutzend Journalisten den Worten des designierten Verwaltungsratspräsidenten des 27-fachen Schweizer Meisters und 19-fachen Cupsiegers. Allein der Interview-Marathon nach der Pressekonferenz dauerte eine knappe halbe Stunde.

Neuer GC-Präsident: «Das ist kein Himmelfahrtskommando»

Neuer GC-Präsident: «Das ist kein Himmelfahrtskommando»

"GC ist ein schwieriger Patient, aber nicht unheilbar", sagte der einst an der Universität Zürich ausgebildete Arzt. Der Fokus gilt dem Ligaerhalt, diesem Ziel will Rietiker vorerst alles unterordnen. "Wir haben keine Schonzeit, es geht ans Lebendige."

Alles andere soll parallel oder später geklärt werden. Ende Saison scheidet CEO Manuel Huber aus, seit der Entlassung von Mathias Walther fehlt ein Sportchef, eine erste Evaluation über die Besetzung dieser beiden Schlüsselpositionen habe bereits stattgefunden. "Ich bin zwar kein Fussball-Experte", sagte Rietiker. "Aber ich werde mir die geeigneten Spezialisten holen, um sportlich Erfolg zu haben."

"Ich habe gerne schwierige Situationen"Der einst im Triemli- und im Universitätsspital praktizierende Arzt, der in der Medizinaltechnik Karriere gemacht hat, will den Verein nicht auf den Kopf stellen.

"Zuerst gibt es eine saubere Analyse, dann handeln wir. Ich mache nichts Unüberlegtes. Wir schiessen nicht aus der Hüfte." Mit kriselnden Unternehmen hat Rietiker in seiner beruflichen Karriere bei Sulzer Medica oder Life-Watch reichlich Erfahrungen gesammelt. "Ich bin in meinem Leben durch einige Stahlbäder gegangen."

Doch warum tut sich Rietiker GC an? Im Misserfolgsfall droht ihm, als Abstiegspräsident in die Klub-Historie einzugehen? "Ich habe gerne schwierige Situationen", sagt der 62-Jährige, der laut eigener Aussage vor rund drei Wochen von Vorgänger Stephan Anliker kontaktiert worden ist. "Es gibt fast keine Situation im Leben, die unlösbar ist." Als Zürcher und langjähriges Mitglied des "Donnerstag-Clubs" ist Rietiker mit dem Traditionsverein emotional verbunden. "Ich will, dass es GC wieder gut geht."

Als Chef will er mit allen Beteiligten so schnell wie möglich den Dialog suchen - auch mit den Fans. Diese seien bei der Mission Ligaerhalt "superwichtig".

Allerdings vertrete er eine Nulltoleranz-Politik. "Wir können als Klub nicht tolerieren, dass sich Einzelne vergessen und es zu Ausschreitungen und Gewalt kommt."

Das letzte Meisterschaftsspiel in Sitten war nach dem wiederholten Abwurf von Feuerwerkskörpern aus dem GC-Fansektor abgebrochen worden.

Rietiker machte unmissverständlich klar, dass er auch im Fall eines Abstiegs als Captain an Bord bleibt. Sein persönlicher Zeithorizont ist vorerst auf eineinhalb Jahre ausgelegt. "Dann sehen wir weiter. Aber ich habe mir keine Limite gesetzt."

Bis Ende der Saison 2019/20 ist auch die Finanzierung durch die Hauptaktionäre Stephan Anliker und Peter Stüber gesichert. Ob Rietiker, der für sein Mandat entlöhnt wird, dereinst selber Geld einschiessen wird, lässt er offen.

Dass die Marke GC trotz anhaltender Negativschlagzeilen beschädigt ist, glaubt Rietiker nicht. Mittelfristig will er den Klub finanziell breiter aufstellen, um die Abhängigkeit von einzelnen Investoren zu verringern.

Mit der Aussicht auf den Bau des neuen Stadions, zusätzlichen Sponsoren und einem verbesserten Marketing sieht er Potenzial, dieses Vorhaben umzusetzen. "Das Ziel müsste sein, dass GC ein eigenständiges, tragfähiges Unternehmen ist", sagt Rietiker. An diesem Vorhaben sind seine Vorgänger allerdings alle gescheitert.