Am Donnerstagabend hat es sich Anto Grgic vor dem Fernseher gemütlich gemacht und dem FC Basel beim 1:0-Sieg im Europacupspiel in Arnheim auf die Füsse geschaut. Er wollte sehen, was am Sonntag im St. Jakob-Park auf ihn und den FC Sion zukommt; ob Rotblau unter Marcel Koller tatsächlich ein anderes Gesicht zeigt.

«Es scheint, dass der neue Trainer Kräfte freisetzt», sagt Grgic. «Doch wir müssen auf uns schauen und im Kollektiv stark sein.» Nach den überzeugenden Siegen in St. Gallen und gegen Xamax ist die Partie in Basel für die Walliser eine Nagelprobe. Auch Grgic ist gespannt darauf, wie sich seine Mannschaft verkauft. Er sagt: «Wir haben uns unter Maurizio Jacobacci gut entwickelt.» Der Trainer gibt das Lob zurück: «Anto ist ein Profi, wie ihn sich ein Trainer wünscht. Ein Box-to-Box-Spieler, stark im Kopfball, stark im Abschluss und stark bei ruhenden Bällen.»

Achterbahnfahrt in der ersten Saison

Als vor drei Wochen die Super League loslegte, hat Grgic dem Journalisten des «Walliser Boten» in den Notizblock diktiert: «Wir Routinierten müssen den Jungen helfen.» Sion hatte auf dem Transfermarkt in eine Handvoll blutjunger Talente aus verschiedenen Ländern investiert, und Grgic, selbst erst 21 Jahre alt, weiss aus eigener Erfahrung genau, wie gut es einem Jungen im Ausland tut, wenn man sich um ihn kümmert.

In drei Jahren Profifussball hat Grgic schon die ganze Palette an Freud und Leid erfahren, die der Fussball zu bieten hat. Gleich in seiner ersten Saison ist er tüchtig Achterbahn gefahren. Ist glücklich gewesen, dass er sich als 18-Jähriger beim FC Zürich einen Stammplatz erkämpfen konnte. War todtraurig, als der Abstieg in die Challenge League besiegelt war. Und wieder etwas fröhlicher, als er kurz danach mit dem FCZ Cupsieger wurde und bereits in der Tasche hatte, worauf andere eine Karriere lang warten: einen Titel.

Mit 19 ins Ausland

Vorwürfe wegen des Abstiegs, die brauchte er sich nicht zu machen. Immerhin hatte er so gut gespielt, dass er nach seinem ersten Profijahr bereits auswählen konnte, wo im Ausland er künftig sein Geld verdienen wollte. Obwohl auch der VfB Stuttgart abgestiegen war, entschied er sich, dessen Offerte anzunehmen und einen Vertrag bis 2020 zu unterschreiben. Weil er erst 19 Jahre alt war, bekam er zu hören, dass es zu früh sei fürs Ausland und er besser noch etwas länger in der Super League spielen würde.

Dabei kann Grgic nun wirklich nicht nachgesagt werden, er sei nicht bodenständig. Nachdem ihn vor ein paar Jahren der grosse FC Chelsea eingeladen hatte, die Trainingsanlagen zu besichtigen, und ihn dann nach London in den Nachwuchs holen wollte, sagte Grgic den «Blues» ab. Er wollte seine KV-Lehre fortsetzen und sich zuerst in der Super League behaupten. «Nach dem einen Jahr beim FCZ fühlte ich mich dann fürs Ausland bereit und habe den Entscheid nie bereut», sagt Grgic.

Mit Stuttgart aufgestiegen

Nach einem halben Jahr der Angewöhnung in Stuttgart spielte er in der Rückrunde öfter und half mit, den sofortigen Wiederaufstieg zu realisieren. «Es war ein fantastisches Erlebnis, zu sehen, wie sich die harte Arbeit während einer ganzen Saison am Ende auszahlte», sagt Grgic.
Im Sommer 2017 war er dann am Knöchel verletzt, und als er wieder fit war, spürte er, dass Trainer Hannes Wolf nicht auf ihn setzte.

So kam er in der 1. Bundesliga nur zu einem Kurzeinsatz gegen Freiburg und drängte im Winter darauf, ausgeliehen zu werden, um Spielpraxis zu sammeln. Der FC Sion machte das Rennen, verpflichtete den Aufbauer bis zum Ende dieser Saison und kann dann eine Kaufoption ziehen.

Mindestens bis zum Ende dieser Saison wird Grgic für Sion spielen.

  

So weit will Grgic aber nicht denken. Er weiss, wie schnelllebig der Fussball ist. Er möchte sich ganz darauf konzentrieren, Fortschritte zu machen. Er kann sich dabei auf Mitspieler Pajtim Kasami verlassen, der ihm schon manch guten Tipp gegeben hat. Einmal mit diesem zusammen in der Nationalmannschaft spielen – ja, das wäre schon etwas, was ihm gefallen würde. «Aber fragen Sie lieber den Nationaltrainer», lacht Grgic, der in der U21-Nati Stammspieler ist.

Fährt er allerdings in diesem Stil weiter, wie er die Saison begonnen hat, dann wird Vladimir Petkovic nicht darum herumkommen, den physisch starken 1,88-Meter-Mann aufzubieten. Zumal vielleicht plötzlich auch die Kroaten auf die Idee kommen, beim schweizerisch-kroatischen Doppelbürger anzuklopfen. Grgic erzählt, wie er bei der Weltmeisterschaft in Russland mit den Kroaten mitgefiebert habe. «Schade, hat es nicht zum Titel gereicht», sagt der Zürcher.

Drei Tore und ein Assist gelangen ihm in den ersten drei Spielen: Anto Grgic ist in Form.

  

Drei Tore hat Grgic in den ersten drei Partien der neuen Super-League-Saison erzielt und dazu einen Assist verbucht. Vor allem sein brillantes Freistosstor in St. Gallen hat Wellen geschlagen. «Da steckt viel Trainingsarbeit dahinter, und es war auch Glück dabei», sagt der Spezialist des FC Sion für die ruhenden Bälle.

Grgic wohnt in Martigny und fühlt sich wohl im Wallis. Er ist erstaunt, wie ruhig es beim FC Sion ist, von dem man doch ein so ganz anderes Bild hat. «Aber die Ruhe passt zu mir, ich bin ein ruhiger Mensch», sagt Grgic. «Zu ruhig», findet Jacobacci. «Er ist ein zu stiller Leader, muss mehr reden und dirigieren.» Doch vielleicht kommt das ja noch. Der Trainer sagt: «Anto hat das Potenzial, um im Ausland eine tolle Karriere zu machen.»