Bräuchten die SBB ein neues Werbegesicht, Anthony Favre passte perfekt ins Schema des strebsamen, besonnenen, intellektuellen Pendlers. Der 32-jährige Torhüter des FC Zürich nutzt nicht nur täglich den öffentlichen Verkehr, er hat sich zwischen Bern und Zürich auch die komplexe Materie des Rechnungswesens angeeignet. «Bis vergangenen November habe ich einen Abendkurs für Buchhaltung besucht. Im Zug hatte ich dann Zeit zum Lernen», sagt Favre.

Der Waadtländer, der seit zwei Jahren dem Kader des FC Zürich angehört, lebt mit seiner Freundin in Bern. Da sein Herzblatt in der Hauptstadt einen guten Job und er als Fussballer meist relativ früh Feierabend habe, sei rasch klar gewesen, dass Favre die Reise auf sich nehme.

So kommt es, dass der gelernte Kaufmann, der auch über einen Berufsmatura-Abschluss verfügt, bereits über einen weiteren Buchhaltungskurs nachdenkt. Zeit im Zug hat er reichlich. «Die erste Priorität hat aber klar der Fussball», sagt Favre.

Nach ersten Schritten beim FC Echallens, Jugendjahren bei Yverdon und Servette, einem Engagement beim FC Baulmes und fast acht Jahren bei Lausanne-Sports wechselte Favre 2013 in die Deutschschweiz zum FC Wil. Nach einem Jahr in der Ostschweiz hat der FC Zürich den 32-Jährigen an sich gebunden – zuerst auf Leihbasis, später fix.

Ein Start mit Hindernissen

Das erste Jahr im Letzigrund verlief nicht so, wie sich das Anthony Favre vorgestellt hat. Ausser bei zwei Einsätzen für die U21-Mannschaft in der Promotion League musste er stets mit der Ersatzbank vorliebnehmen. Dem damaligen FCZ-Keeper David Da Costa wurde der Vorrang gewährt.

Doch das Blatt wendete sich. Im April 2015 trennte sich der FCZ überraschend von Da Costa – offiziell aus sportlichen Gründen. Favres Chance? Noch nicht. In den Startlöchern stand der junge Yanick Brecher, er übernahm das Trikot mit der Nummer 1. Doch im November musste der 22-Jährige den Platz zwischen den Pfosten räumen. Zu viele Tore hat der FCZ kassiert und nur ein Ligaspiel gewonnen.

Favre wurde Stammtorhüter. Im Cup setzte Trainer Sami Hyypiä schon seit Saisonbeginn auf ihn, nun auch in der Meisterschaft. Auch, weil sich Favre im Cup mit starken Leistungen empfahl. Mit 3:1 in Bern, 4:1 in Thun und 3:0 in Sion spielte sich der FCZ bis in den Cup-Final vor.

Im Mai treten die Zürcher nun gegen Lugano zum «Final dihei» an und haben die Chance auf den ersten Cup-Sieg vor heimischem Publikum im Letzigrund. Nur: «Das rettet unsere Saison nicht», sagt Favre. In der Meisterschaft liegt der FCZ mit 22 Punkten auf Tabellenrang acht. Nur einen Zähler vor dem letztplatzierten Vaduz.

Das ist zu wenig für den ambitionierten Klub. Darum fordert Favre: «Wir müssen in der Meisterschaft so spielen wie im Cup. Wir müssen denken, jedes Spiel sei ein Cup-Spiel.»
Im heutigen Derby gegen GC zählt demnach nur ein Sieg.

Denn Unentschieden existieren im Cup nicht. Davon hat der FCZ diese Saison schon reichlich eingefahren – zehn, um genau zu sein. Favre ist aber zuversichtlich, dass es besser wird: «Die ganze Verteidigung ist besser geworden.» Die neu gewonnene Stabilität in der Zürcher Abwehrkette kann bis zu einem gewissen Grad auf Leonardo Sánchez zurückgeführt werden.

Mit der Verpflichtung des Argentiniers als neuen Abwehrchef hat die FCZ-Chefetage um Präsident Ancillo Canepa – so weit sich das nach fünf Einsätzen beurteilen lässt – ein goldenes Händchen bewiesen. «Sanchez strahlt viel Ruhe und Sicherheit aus», lobt Favre.

Überhaupt hat Anthony Favre an diesem Nachmittag nach dem Training in der Zürcher Saalsporthalle nicht viel zu kritisieren. Der Verein, die Stadt, die Liga gefallen ihm; über die Arbeit vom finnischen Trainer Sami Hyypiä verliert er kein schlechtes Wort. Favre gilt als stiller Schaffer, bezeichnet sich selber als ruhig und kollegial.

Der Ex-FCZ-Trainer als Namensvetter

So wird auch Lucien Favre beschrieben. Vergangene Saison hat dieser Borussia Mönchengladbach als Trainer in die Champions League geführt. Auch er ist nicht für seine Spässe bekannt, auch ihm haftet diese sympathische Bodenständigkeit an, auch er hat seine Wurzeln im Kanton Waadt – und: auch er heisst Favre.

«Lucien und ich kommen aus demselben Dorf. Wir waren Nachbarn und kennen uns gut», sagt Anthony Favre und fügt lachend hinzu: «Aber in unserer Heimat heissen 400 von 800 Einwohnern Favre. Wir sind also nicht verwandt.»

Für Lucien Favre ging es 2007 nach vier Jahren an den Seitenlinien des FC Zürich weiter in die Bundesliga. Für Anthony geht es vorerst nur heim nach Bern. «Bitte entschuldigen Sie, mein Deutsch ist nicht so gut», sagt Favre noch, als er sich nach dem Gespräch auf den Weg zum Bahnhof macht. Damit unterschätzt er sich. Glück für ihn, dass er von Trainer Hyypiä Anfang November nicht unterschätzt wurde.