Fussball

Als zwei Fussballbesessene den ersten Frauen-Klub gründeten

© Fabio Baranzini

Monika Stahel (67) und ihre Schwester Silvia Lerch-Stahel (68) gründeten vor 52 Jahren den ersten Frauenfussballverein der Schweiz. Sie erzählen, wie sie die WM erlebten, die Sonntag mit dem Final Japan - USA zu Ende geht.

Voller Stolz zeigt Silvia Lerch-Stahel die Überzieh-Schweizer-Flaggen an den Rückspiegeln ihres grauen Audis. «Ich glaube, ich bin die Einzige in der ganzen Schweiz, die wegen der Frauen-Nati damit herumfährt», meint die 68-Jährige lachend. «Aber warum soll ich das nicht tun? Schliesslich bin ich begeistert davon, wie die Schweizerinnen in Kanada gespielt haben.»

Das war vor dem Turnier noch anders. Silvia Lerch-Stahel sass vor dem ersten WM-Auftritt der Schweizerinnen mit gemischten Gefühlen vor dem TV-Gerät. «Ich war irgendwie etwas eifersüchtig, weil sie das tun konnten, was wir damals unbedingt wollten, aber nicht konnten.»

Gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Monika hat Silvia Lerch-Stahel aus dem aargauischen Murgenthal vor 52 Jahren den ersten Frauen-Fussballclub der Schweiz gegründet – den FC Goitschel.

«Wir wollten den Männern zeigen, dass wir auch Fussball spielen können», erinnert sich Monika Stahel. «Wir waren richtig besessen vom Fussball und haben an den Grümpelturnieren jeweils nach Spielerinnen Ausschau gehalten, die in unser Team passen könnten. Diese haben wir quasi eingekauft – auch wenn sie natürlich gratis kamen», ergänzt sie lachend.

Begeistert von der Frauen-Nati

Die Gründung eines eigenen Vereins reichte den Stahel-Geschwistern aber nicht. Vier Jahre danach – im Jahr 1967 – stellten die beiden beim Fussballverband den Antrag zur Gründung einer Frauen-Liga. Doch dieser Vorschlag wurde abgelehnt.

Den WM-Achtelfinal der Schweizerinnen gegen Kanada verfolgten die Geschwister morgens um halb zwei live. Silvia Lerch-Stahel sass in Murgenthal vor dem TV, ihre Schwester in Diessenhofen, wo sie seit ein paar Jahren wohnt. «Ich war unglaublich nervös und habe mitgelitten. Wir haben uns immer wieder SMS hin und her geschickt und über das Spiel diskutiert», sagt Monika Stahel. «Ich war unglaublich enttäuscht, dass die Schweizerinnen nicht gewannen. Sie waren das bessere Team.»

Auch ihre Schwester trauert der Niederlage nach. Aber sie zeigt sich dennoch begeistert von den WM-Auftritten der Schweizerinnen. «Sie haben schnell gespielt und bis zum Schluss gekämpft. Nach einem Foulspiel sind sie sofort wieder aufgestanden und nicht wie die Männer lange auf dem Rasen gelegen.» Ihre Schwester hört dem flammenden Plädoyer für den Frauenfussball schmunzelnd zu und fügt am Schluss an: «Jetzt kommt dein alter Fanatismus für den Fussball wieder zum Vorschein.»

Wieder auf den Geschmack gekommen

Dieser Fanatismus, der die beiden Schwestern verbindet, spornte sie auch an, nach der Ablehnung ihres Antrags zur Gründung einer Frauen-Liga weiter für die Akzeptanz des Frauenfussballs in der Schweiz zu kämpfen. Sie liessen sich 1968 als erste Frauen des Landes zu Schiedsrichterinnen ausbilden und beteiligten sich am Aufbau einer Frauenabteilung beim FC Aarau.

Trotz dieser Erfolge beendeten Silvia und Monika Stahel kurz darauf ihre Laufbahnen, ohne je ein offizielles Meisterschaftsspiel bestritten zu haben. Was danach im hiesigen Frauenfussball geschah, verfolgten die Pionierinnen nicht mehr. Erst durch die Frauen-WM in Kanada kamen sie wieder auf den Geschmack.

Monika Stahel und Silvia Lerch-Stahel sind überzeugt, dass die WM in Kanada dem Frauenfussball in der Schweiz helfen wird. «Ich hoffe, dass die Akzeptanz weiter steigt und auch die Medien vermehrt darüber berichten. Dann wird der Frauenfussball noch populärer», sagt Silvia Lerch-Stahel. Ihre Schwester geht mit gutem Beispiel voran: Sie will als Nächstes ein Spiel der NLA-Frauenmannschaft des FC Neunkirch besuchen, der nur rund 20 Kilometer von ihrem Wohnort Diessenhofen entfernt liegt.

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