Fussball
«Als Sechser kannst du verhungern»

Wenn zwei Fussball-Profis Journalisten spielen: Im grossen Interview fragt FCZ-Verteidiger Loris Benito den Trainer Urs Meier, warum er ihn nicht im Mittelfeld einsetzt.

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Vertauschte Rolle: FCZ-Verteidiger Loris Benito (links) interviewt seinen Trainer Urs Meier.

Vertauschte Rolle: FCZ-Verteidiger Loris Benito (links) interviewt seinen Trainer Urs Meier.

Alex Spichale

Loris Benito: Trainer, wir sind eben aus den Bergen im Berner Oberland zurückgekehrt. Wie gefällt es Ihnen in den Bergen?

Urs Meier: Ich hatte riesige Freude, als ich euch beim Melken zuschauen konnte. Denn ich stamme aus einer Bauernfamilie und bin mit Melken und Heuen aufgewachsen. Es war jedenfalls ein gelungener Teamevent im Diemtigtal.

Unser neuer israelischer Spieler Avi Rikan hat die Zitzen sofort in die Hände genommen. Was denken Sie, wie schnell er sich beim FC Zürich integrieren wird?

Ich habe bei unserem ersten Treffen festgestellt, dass er ein unkomplizierter und weltoffener Typ ist. Auch im Gespräch wird offensichtlich, dass er dank seinen Einsätzen in der israelischen Nationalmannschaft über internationale Erfahrungen verfügt. Ich denke, er wird sich sehr schnell bei uns integrieren.

Bevor wir ins Diemtigtal reisten, haben wir uns in Österreich auf die Saison vorbereitet. Welche Eindrücke haben Sie dort gewonnen?

Das Training, das Essen, die Infrastruktur – abgesehen vom Wetter war die Woche im Tirol fantastisch.

Das kann ich nur bestätigen. Warum sind Sie von Zürich in den Aargau gezogen?

Unter anderem, weil ich 1999 den FC Baden übernommen habe. Und ich muss sagen: Auch als Zürcher fühle ich mich in Rütihof sehr wohl. Wenn wir innerhalb der Familie das Thema Wohnortwechsel angeschnitten haben, ist meine Tochter die Erste, die sich dagegen wehrt.

Wir sind uns schon früher einige Male auf einem Fussballplatz im Aargau begegnet. Wussten Sie, wer ich bin?

Natürlich, die Familie Benito ist im Aargau ein Begriff. Und ich hatte natürlich grosse Freude an deinem Wechsel zum FC Zürich. Mir gefallen solche Herzblut-Fussballer.

Beim FCZ habe ich schon im zentralen Mittelfeld, als Innenverteidiger oder auch als linker Aussenverteidiger gespielt. Wo sehen Sie meine Stärken?

Diese Polyvalenz zeichnet dich aus. Es ist eine grosse Stärke eines Spielers, wenn er auf verschiedenen Positionen eingesetzt werden kann. Das ist nicht selbstverständlich und spricht für dich. Als Aussenverteidiger kommen deine grossen Stärken wie Dynamik, Spielübersicht und Zweikampfverhalten am besten zum Tragen. Als Aussenverteidiger kannst du dich am besten ausleben.

Sie waren auch Aussenverteidiger.

Eigentlich war ich mal Stürmer mit guten Skorerqualitäten.

Welche Qualitäten hatten Sie, die ich noch nicht habe?

Ich war bereits 29, als ich bei GC von Ottmar Hitzfeld vom Stürmer zum Aussenverteidiger umgeschult worden bin. Wenn man wie du schon sehr früh als Aussenverteidiger geschult wird, hat man ganz andere Qualitäten. Für mich war die Position Neuland. Ich musste mein Spiel und meine Gewohnheiten völlig umstellen. Vielleicht hat es auch deswegen dieses berühmte Eigentor gegeben (Red. Urs Meier traf im Viertelfinal des Cupsieger-Cups mit einem wunderbaren Kopfball ins eigene Tor zum 2:0 für Sampdoria Genua). So wie es du machst, und wenn du dich so weiterentwickelst wie bisher, hast du als linker Aussenverteidiger eine ganz grosse Karriere in Aussicht.

Es gibt Leute, die sagen, ich hätte meine besten Spiele im zentralen Mittelfeld gemacht.

Wie bereits angetönt: Du hast viele Qualitäten. Aber für eine internationale Karriere ist die Position als linker Aussenverteidiger interessanter.

Weil die Konkurrenz auf dieser Position kleiner ist?

Nein, man hat auf der Aussenbahn extrem viel Einfluss aufs Spiel. Heute ist der Aussenverteidiger beinahe ein Spielmacher. Im zentralen, defensiven Mittelfeld ist man extrem abhängig von der Philosophie des Trainers. Der eine erwartet nur defensive Arbeit. Der andere will einen Zweiwegspieler. Der Aussenverteidiger hingegen agiert fast überall immer offensiv und defensiv. Als Sechser kannst du auch mal verhungern, weil du kaum Bälle kriegst. Das bedeutet: Es gibt viele Sechser, die ein grosses Potenzial haben, dieses aber aus taktischen Gründen gar nicht ausschöpfen können. Das kann dir als Aussenverteidiger nicht passieren, weil es kaum noch Trainer gibt, die ihren Aussenverteidigern verbieten, vorwärts zu marschieren.

Also habe ich als Aussenverteidiger mehr Freiheiten?

Zweifellos. Und du stehst erst am Anfang einer grossen Karriere. Aber du bist auch noch in der Entwicklung. Es wäre also töricht, wenn wir diese Entwicklung behindern würden, in dem wir dich im zentralen Mittelfeld zu stark in ein taktisches Korsett zwängen würden. Die Position des Aussenverteidigers ist jedenfalls perfekt auf dich zugeschnitten.

Wer ist der beste linke Aussenverteidiger in der Super League?

Du bist auf einem guten Weg, der beste Linksverteidiger zu werden. Aber es gibt auch eine starke Konkurrenz. Doch du kannst es schaffen. Denn ich spüre bei dir den Drang, dich ständig verbessern zu wollen und der Beste zu werden. Dein positiver Charakter wird dir helfen, deine Ziele zu erreichen. Entscheidend dabei ist aber auch, dass du demütig und bescheiden bleibst. Es geht nicht nur für dich, sondern für alle anderen auch darum, die gute Rückrunde der letzten Saison zu bestätigen.

Wären wir in der Vorrunde so erfolgreich gewesen wie in der Rückrunde (Red. 2,11 Punkte pro Spiel), hätten wir mehr Punkte geholt als der FC Basel.

Alles, was war, zählt heute nichts mehr. Es gibt keinen glücklichen Meister. Sondern es gibt nur einen verdienten Meister, weil ein Meister nie zufällig am meisten Punkte hat. Es ist eine grosse Herausforderung für mich, allen Spielern klarzumachen, dass es jetzt wieder bei null beginnt. Denn unsere grösste Gefahr ist, dass wir nach der super Rückrunde denken, es ginge automatisch so weiter.

Aufgezeichnet: François Schmid-Bechtel