Der Jubel war grenzenlos. Der GC-Sieg im Derby am vergangenen Sonntag in der 93. Minute so süss wie keiner mehr seit dem Cupsieg im April 2013. Im ganzen Trubel um den entscheidenden Treffer von Florian Kamberi ging einer fast ein bisschen vergessen. Einer, der das Spiel mit seinen zwei wunderbaren Toren zuvor geprägt hatte: Shani Tarashaj.

Es ist Donnerstagnachmittag, die Sonne brennt vom Himmel, als Tarashaj im GC-Campus über seinen aufsehenerregenden Saisonstart spricht. Drei Spiele, drei Tore – noch imposanter ist, dass er dafür gemäss der Liga-Statistik nur drei Schüsse brauchte. Torquote 100 Prozent! «Stimmt», sagt er und lacht. «So schön wie im Derby fühlten sich meine Tore noch nie an.»

Tarashaj hat, so viel lässt sich bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison sagen, das Potenzial zum Shootingstar der Liga. Dass sein geglückter Saisonstart auch Gefahren birgt, darauf weist GC-Trainer Pierluigi Tami hin: «So schnell, wie es hochgeht, kann es auch wieder runtergehen. Er braucht dieses Bewusstsein. Zuvor war er immer ‹der Junge›, doch nun werden die Erwartungen steigen. Und die Frage ist: Wie hungrig ist er, seine Leistungen in jedem einzelnen Spiel zu bestätigen?»

Seit dem letzten Februar ist Tarashaj 20 Jahre alt. Geboren ist er im Zürcher Säuliamt, in Hausen am Albis. Seine Eltern haben Wurzeln im Kosovo, sie stammen aus Prizren. Shani wächst zusammen mit vier Schwestern auf. Drei sind älter, eine jünger. Als kleiner Bub verehrt er Ronaldo. «Nicht CR7, sondern den Brasilianer!», präzisiert er. Selbst dessen legendär grässliche Dreiecks-Halbglatzen-Frisur kopiert er. In Hausen startet Tarashaj auch seine Karriere. «Für mich gab es immer nur Fussball. Die Schule hat mich eher weniger interessiert», erinnert er sich. Als Tarashaj 11 ist, zieht die Familie nach Adliswil. Tarashaj wechselt zu Red Star.

2008 kommt es mit Red Star zu einem wegweisenden Freundschaftsspiel gegen GC. 5:1 gewinnt Red Star, fünffacher Torschütze: Shani Tarashaj. «Nach dem Spiel ging es nicht lange und ich bekam ein Telefon von GC – ich durfte zum Probetraining», erzählt er. Er geht zum Training. «Und dann, schon nach 15 Minuten riefen sie mich ins Büro. Ich dachte: Was ist los? Ich will doch trainieren. GC erklärte mir, dass sie mich sofort wollen.» Es ist der Beginn von Tarashajs GC-Zeit.

Lange geht es steil bergauf für Tarashaj. Er spielt in jeder Nachwuchs-Auswahl, auch mit der Schweiz. Seine Torquote ist stets hervorragend. Im Winter 2013 darf er unter Uli Forte erstmals mit dem GC-Fanionteam trainieren. Es ist der Beginn der bislang schwierigsten Zeit seiner Karriere. «Ich kam in ein grossartiges Team hinein. Bis dahin war ich es immer gewohnt, zu spielen. Und dann plötzlich bin ich nur Ersatz. Es war nicht einfach, immer geduldig zu bleiben, immer dranzubleiben, nie aufzugeben.»

Unter dem neuen Trainer Tami ist für Tarashaj nun die Gunst der Stunde gekommen. Tami war es bereits, der ihn ins Schweizer U21-Nationalteam geholt hat. Beim Debüt gegen Lettland (7:1) gelangen ihm ein Tor und vier Assists. Auffällig ist, wie schnell Tarashaj vor dem Tor jeweils den Abschluss sucht. «Mein Vater hat mir schon ganz früh immer gesagt: Wenn du in der Nähe des Strafraums bist, weiche dem Gegner aus, schau, wo das Tor ist – und schiess!», sagt Tarashaj.

Diese Qualitäten kennt auch GC-CEO Manuel Huber. «Er ist nicht einer, der zehn Mal in die Wolken schiesst, bevor er ein Tor erzielt», sagt er. Zusammen mit Trainer Tami will Huber nun dafür sorgen, dass «unsere Jungen nach ein paar guten Spielen nicht gleich das Gefühl haben, sie seien schon Superstars.»

Wie viele andere Doppelbürger steht auch Tarashaj vor der Wahl, für welches Land er dereinst spielen möchte. «Es ist eine schwierige Entscheidung. Die Schweiz hat mir sehr viel gegeben, aber ein Teil meines Herzens ist natürlich auch albanisch.» Die Albaner versuchen bereits rege, Tarashaj von sich zu überzeugen. Je mehr Tore noch folgen, desto früher wird er auch im Dunstkreis der Schweizer Nationalmannschaft auftauchen.

Heute gegen Lugano ist die nächste Möglichkeit dazu. An die Tessiner hat Tarashaj gute Erinnerungen. Er war es, der GC im Cup gegen Lugano vor einem Jahr mit seinem ersten Tor fürs Fanionteam vor einer grossen Enttäuschung bewahrte.