Im Hintergrund wird derzeit daran gearbeitet, die Champions League noch exklusiver zu machen. Die Planungssicherheit und die Verdienstmöglichkeiten für die ganz grossen europäischen Klubs sollen erhöht werden. Ab 2024 könnten die Topvereine eine Liga bilden, eine Phalanx, in der es für die "Kleinen" noch schwieriger wird einzubrechen. Es wird für die Teams mit kleinen Budgets in Zukunft bestimmt nicht einfacher, sich zu behaupten, was schon seit einigen Jahren ohnehin eine Herkulesaufgabe ist angesichts des finanziellen Ungleichgewichts im europäischen Fussball.

Ob damit der richtige Weg eingeschlagen wird, ist fraglich. Befürworter der Reform können darauf verweisen, dass Ajax Amsterdam der erste Klub ausserhalb der Top-5-Ligen ist, der seit 2005 in den Halbfinal vorgestossen ist. Es sind Barcelona, Bayern München, Real Madrid und Co., die normalerweise den Ton angeben und für die TV-Quoten sorgen. Für die Romantiker ist Ajax Amsterdam das beste Argument gegen eine (fast) geschlossene Gesellschaft. Die Niederländer sind als Überraschungsteam in dieser Saison die Attraktion, mehr noch als Messis Barcelona oder Salahs Liverpool.

Während die üblichen Titelanwärter in der Champions League ihr Niveau dank vielen Transfer-Millionen problemlos halten können, müssen die weniger reichen Verfolger ihre Mannschaften immer wieder neu aufbauen und auf den grossen Coup hoffen, auf die perfekte Zusammenstellung, die dann bald mal wieder zerfällt. Ajax Amsterdam wird im kommenden Sommer eine ganze Reihe seiner momentanen "Spektakelmacher" verlieren - Frenkie de Jong (21) geht zu Barcelona, Matthijs de Ligt (19) könnte ihm folgen, und auch Donny van de Beek wird wie viele andere Ajax-Spieler von Topklubs begehrt.

Die Nachfolger sollen zwar in der Nachwuchsakademie "De Toekomst" (die Zukunft) bereit stehen, doch bis sie eine international schlagfertige Truppe bilden wie ihre Vorgänger, wird es dauern. Vieles muss passen, weil das Geld für personelle Korrekturen beschränkt ist. Die Mannschaft, die im Viertelfinal-Rückspiel bei Juventus Turin gewonnen hat, hat 50 Millionen Euro an Ablöse gekostet. Das Jahresbudget beträgt rund 100 Millionen Euro. Das ist in etwa fünfmal weniger, als die beste europäische Konkurrenz zur Verfügung hat.

Der Neuaufbau der Ehemaligen

Dass Ajax das finanzielle Manko zumindest in dieser Saison kompensieren konnte, liegt an seinen alten Tugenden, der Talentförderung und der Spielphilosophie. Verschiedene Akteure leisteten einen wichtigen Beitrag zur Renaissance des Amsterdamer Vereins, der zwar seit der Jahrhundertwende immer wieder gute Spieler hervorbrachte, aber doch nie mehr den Anschluss an die europäische Spitze fand.

2010 strukturierte der vor drei Jahren verstorbene Johan Cruyff die Nachwuchsakademie mit klaren Leitlinien neu. Seine Philosophie ist im Spiel von De Jong und dessen Mitspielern zu erkennen: Tempo, Pressing und individuelle Freiheiten in einer klar definierten Organisation. "Alles, was jetzt passiert, ist kein Zufallsprodukt. Ich denke, Johan muss - dort, wo er jetzt ist - stolz sein, auf das Erreichte", sagt Edwin van der Sar, der frühere Goalie und derzeitige Geschäftsführer von Ajax. Zusammen mit Sportchef Marc Overmars hat er die Ideen umgesetzt. Nun könnte auch er im Sommer den Klub verlassen. Manchester United möchte ihn offenbar gern als Geschäftsführer engagieren.

Seine Arbeit in Amsterdam spricht für Van der Sar. Der 48-Jährige, zusammen mit Overmars 1995 Champions-League-Sieger mit Ajax, hat als CEO alle Puzzleteile zusammengebracht. Die jungen Spieler aus dem eigenen Nachwuchs haben einige erfahrene Teamkollegen wie Daley Blind, Lasse Schöne oder Dusan Tadic an ihrer Seite und werden geleitet von einem Trainer, der die Ajax-Philosophie verkörpert, obwohl er nie für den Klub gespielt hat. Der 49-jährige Erik ten Hag betreute die zweite Mannschaft von Bayern München, als Pep Guardiola, einer der "Cruyff-Jünger" beim deutschen Rekordmeister, das Sagen hatte. Seit Dezember 2017 ist er bei Ajax.

Ten Hag weiss, dass er nächste Saison vieles neu aufbauen muss. Es ist für Ajax in diesen Wochen deshalb eine selten gewordene Möglichkeit, in einen Champions-League-Final einzuziehen. Es wäre, den Meistercup mitgezählt, der siebte seiner Geschichte. Doch schon der Halbfinal wird eine kleine Hymne an die Ajax-Philosophie. Mit Jan Vertonghen, Davinson Sanchez, Toby Alderweireld und Christian Eriksen stehen bei Tottenham vier Spieler unter Vertrag, die bei den Niederländern ihre europäische Profikarriere gestartet haben.