Heiliger Stürmer
Ägyptens Nationalheiliger Mohamed Salah: Ein Besuch in seinem Heimatdorf

Ganz Ägypten wird am Bildschirm mitfiebern, wenn am Dienstag die Champions League beginnt. Der Grund: Super-Stürmer Mohamed Salah vom FC Liverpool. Vielen im Land ist er die grösste und einzige Freude – ein Besuch in seinem Heimatdorf Nagrig.

Susanna Petrin, Nagrig
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Kaum Grasbüschel: Hier hat auch Klein Salah stundenlang gekickt.
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Die Karriere von Mohamed Salah in Bildern
Seit 2011 spielt Mo Salah in der Ägyptischen Nationalmannschaft.
In Europa war seine erste Station der FC Basel.
Anfang des Jahres 2014 wagte Salah den Sprung in die Premier League zu Chelsea, wo er sich aber nicht durchsetzen konnte.
Deshalb wurde er nach Italien ausgeliehen – zuerst zu Fiorentina...
...und dann zu Roma, wo er den Durchbruch geschafft hat.
Mittlerweile schiesst Mohamed Salah seine Tore für Liverpool – dort hat er sich zu einem der besten Spieler weltweit entwickelt.

Kaum Grasbüschel: Hier hat auch Klein Salah stundenlang gekickt.

Islam Safwat

Gibt man Nagrig auf «Google Maps» ein, taucht Mohamed Salahs Kopf auf. Der Starfussballer hat das kleine ägyptische Dorf im Nildelta auf die Karten dieser Welt gebracht. Es ist seine Heimat. Nagrig ist rund 150 Kilometer von der Hauptstadt Kairo entfernt, was bei den gegebenen Strassenverhältnissen drei Autostunden entspricht.

Diese Entfernung spielt eine wichtige Rolle in Salahs Biographie: Als Teenager fuhr er fürs Fussballtraining diese Strecke einige Jahre fast täglich hin und zurück. Die ersten Kilometer auf einem Eselskarren, dann mit Sammelbussen. Manchmal hatte der Vater Zeit, ihn zu fahren. Mindestens sechs Fahrstunden täglich, dazwischen körperliche Anstrengung, dazu die Schule. Manche sagen, er habe gar bis zu 10 Stunden Fahrtzeit pro Tag in Kauf genommen.

In seinem Heimatland erzählen sich die Menschen Dutzende von Anekdoten über ihren «Mo» Salah. So manche sind nur zu etwa 65 Prozent wahr. Zum Beispiel die Geschichte über den Einbrecher, der während eines Fussballmatches das Haus der Eltern ausraubte. Der Mann wurde erwischt, der Vater wollte Anzeige erstatten.

Doch Mo Salah intervenierte, verzieh ihm und besorgte dem jungen Mann obendrein Geld und einen Job. Eine andere Geschichte soll zu 100 Prozent wahr sein: Der Ex-Präsident des Kairoer Fussballklubs Zamalek wollte Salah eine Luxusvilla schenken. Salah lehnte dankend ab und bat den Mann, er möge das Geld doch lieber für ein Sauerstoffgerät im Spital seiner Heimatregion spenden. So geschah es.

Seine Herkunft nicht vergessen

Sämtliche Salah-Sagen erzählen im Kern dasselbe: Es ist die Geschichte eines Jungen aus einer gewöhnlichen Familie in einem armen Dorf. Mit Talent und Willensstärke spielt sich der Junge hoch zum weltweit bewunderten, reichen Superstar.

Trotzdem bleibt er am Boden, bleibt bescheiden, fromm, grosszügig. Erteilt sein Glück und seinen Wohlstand mit denjenigen, mit denen es das Schicksal weniger gut meinte. Er hat die nicht vergessen, da wo er herkommt. Er hat nicht vergessen, wo er herkommt.

Nagrig. Rund 1500 Einwohner, erdige Strassen, einfache, leicht heruntergekommene Gebäude. Ziegen und Hühner laufen durch die gestampften Wege zwischen den Häusern, Jugendliche hören laute Musik. Bereits vorpubertierende Mädchen tragen hier ein Kopftuch, im Café haben Frauen nichts zu suchen – nicht einmal, wenn ein wichtiges Fussballspiel mit Salah auf der Leinwand übertragen wird. Die meisten Einwohner sind Bauern.

Salahs Vater besass Land und eine Jasminfabrik. Das Haus, in dem Salah mit seinen zwei Geschwistern aufwuchs, fällt mit seinen runden Balkonen als eines der speziellsten im Dorf auf.

Seine heutige Ehefrau Magi ist seine Jugendliebe aus demselben Dorf, das Paar hat eine Tochter. Die Eltern wohnen noch immer hier, werden aber vor Journalisten und Bittstellern abgeschirmt; zu viele, die entweder das Gespräch suchten oder Geld wollten, pilgerten schon hierher.

Hände schütteln und Selfies

Von Salahs Elternhaus aus erreicht ein rennender Bub in zwei Minuten den ausgedörrten Platz beim Jugendzentrum. Nur wenige Grasbüschel haben Sonne und Getrampel überlebt. Hier soll Mohamed Salah als Kind täglich stundenlang Fussball gespielt haben. Die kleinen Buben von heute tun es ihm nach. Ein jeder hofft, der nächste Salah zu werden.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Dorfes trainieren die Teenager auf einem gepflegten Fussballrasen. Den gab es zu Salahs Jugendzeit noch nicht, den hat er selber neulich dem Dorf gespendet. Fast alle Kinder und Jugendlichen haben Salah schon mindestens einmal die Hand geschüttelt oder auf Selfies mit ihm posiert. Viele haben an Ramadan kleine Geschenke von ihm erhalten. Er besuche das Heimatdorf etwa ein-, zweimal im Jahr.

«Mohamed Salah ist ein Gottesgeschenk», sagen die Leute. Gerade wird mit seinem Geld eine neue religiöse Schule gebaut und das Jugendzentrum renoviert. Salah hat bereits eine Kläranlage gespendet, eine Ambulanz und einen wohltätigen Essensmarkt. Über seine Stiftung erhalten gut 400 Menschen im Dorf ein monatliches Einkommen: Witwen, Kranke, Arbeitslose.

In einem kleinen Raum voller Schulartikel und Salah-Fotos verwaltet Mohamed El Bahnasy als Direktor die Geldflüsse der Stiftung. Weisser Bart, langes, weisses Gewand, gütiger Blick. Es gäbe da noch etwas Grösseres, das Salah gespendet habe, sagt er, aber es schicke sich nicht, darüber zu sprechen: «Das wissen nur Allah und Salah.»

Überhaupt stehe nicht das Materielle, sondern das Spirituelle im Vordergrund: «Es geht nicht um das Füllen der Taschen, sondern darum, die Herzen der Armen froh zu machen», betont Mohamed El Bahnasy: «Mo Salah ist vielen hier die einzige Freude in diesem Leben, er gibt ihnen Anlass zur Hoffnung, dass es doch noch Gutes gibt.»

Für das Image des Islams

Nicht zuletzt lässt Mohamed Salah hoffen, dass er das Image des Islams verbessert. «Was Mohamed Salah für den Islam gemacht hat, das haben Islamwissenschafter über Jahrhunderte nicht geschafft», sagt El Bahnasy. «Die Islamwissenschafter reden über den Islam, Mohamed Salah lebt den Islam.» Und als Bartträger könne er vielleicht klarmachen, dass ein Muslim mit Bart nicht zwangsläufig ein Terrorist sei.

Ähnlich sieht es der Bürgermeister des Dorfes: «Mohamed Salah hat geschafft, was Imame über Jahrhunderte nicht geschafft haben.» Er sei auch eine «moralische Ikone», ein Vorbild für alle im Dorf.

Man merkt, dass sich einige Stehsätze über Salah verbreitet und verfestigt haben. Alle im Dorf reden ähnlich über ihn, alle nur in den höchsten Tönen. Daran ändern auch das schlechte Abschneiden der ägyptischen Mannschaft an der WM oder das peinliche Posieren für ein Foto mit dem tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow nichts.

Nagrig zum besten Dorf Ägyptens

Der Bürgermeister, Maher Shetia, lässt Soft Drinks auf einer von zwei Sofagruppen seiner Wohnung servieren; Säulen mit goldfarbenen Kapitellen markieren seinen Status. Dank Salah habe er von Basel erfahren, erzählt er.

Via FC Basel sei Salah international bekannt geworden – und mit ihm sein Dorf. Er wünsche sich, dass Nagrig sich zum besten Dorf Ägyptens entwickle, sagt der Bürgermeister, auch Salah zu Ehren. Und er hoffe, dass weitere junge Menschen aus Nagrig es schaffen, erfolgreich zu werden in der Welt.

Ob ein solcher ägyptischer Traum sich noch des Öfteren erfüllen kann, daran zweifelt Stiftungsdirektor Bahnasy. Doch schön wäre es: «Mo Salah ist ein einziger Mensch. Wenn wir hier tausendMo Salahs hätten, wäre es noch besser.»

Salah: Durchgestartet in Liverpool

«Mo Salah, Mo Salah, running down the wing, Egyptian King». So feierten die Fans des FC Liverpool den Mann, der die «Reds» mit zehn Toren in zwölf Spielen in den Final der Champions League in der vergangenen Saison geschossen hatte.

Sie waren sich sicher: Der Ägypter würde nun auch im Endspiel in Kiew gegen Real Madrid dafür sorgen, dass der Henkelpott nach Liverpool kommt. Genau das befürchtete wohl Real Madrids Captain Ramos, weshalb er Salah aus dem Spiel foulte.

Ohne ihre Sturmrakete verloren die Engländer zwar und Ägypten später mit einem nur halbwegs genesenen Salah die WM-Hoffnungen, doch in Erinnerung bleibt für immer, welch grossartige Saison der frühere Basler Spieler abgeliefert hatte.

Wie er unter Trainer Jürgen Klopp durchgestartet war, mit 32 Toren Torschützenkönig und Englands Fussballer des Jahres wurde und bei der Wahl zum Staatspräsidenten Ägyptens eine Million Stimmen erhielt. Nun macht Salah da weiter, wo er im Frühsommer aufgehört hat.

In der neuen Saison hat er schon wieder zwei Tore für Liverpool geschossen und am vergangenen Samstag zwei für Ägypten beim 6:0 gegen Niger. Paris Saint-Germain ist gewarnt, wenn es am Dienstag in der Champions League in Liverpool antritt. (br)