Super League
Adi Hütter lernt das bekannte YB-Problem doch noch kennen

Adi Hütter legte als Trainer bei den Young Boys einen Traumstart hin. Doch mittlerweile ist auch der Österreicher auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt worden und steht plötzlich vor einem Trümmerhaufen.

Markus Brütsch
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Adi Hütter sieht bei YB mittlerweile einen Trümmerhaufen vor sich.

Adi Hütter sieht bei YB mittlerweile einen Trümmerhaufen vor sich.

Keystone

Eine knappe Stunde nach dem Abpfiff spricht Adi Hütter einen bemerkenswerten Satz: «Es geht in dieser Saison darum, die Mannschaft so vorzubereiten, damit sie ganz vorne mitspielen kann.» Nach dem Out in der Europa-League-Qualifikation gegen Karabach unter Interimstrainer Harald Gämperle sind die Young Boys am Donnerstagabend nach einer 1:3-Heimniederlage gegen den FCZ auch aus dem Schweizer Cup ausgeschieden. Und weil sie in der Super League vor der 14. Runde schon zwölf Punkte hinter dem Leader FC Basel liegen, geht es für YB in der Meisterschaft «nur» noch darum, sich für einen Europacupplatz zu qualifizieren.

Nach einem Blitzstart mit fünf Siegen gegen Vaduz, Chiasso, Basel, Thun und GC muss Trainer Hütter nach zweimonatiger Tätigkeit bei YB zur Kenntnis nehmen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. «Ich bin schwer enttäuscht», sagte der Österreicher nach dem dritten Spiel in Folge ohne Sieg. Einem 1:1 in Vaduz war die folgenschwere Niederlage in Basel gefolgt, die zur Konsequenz hatte, dass Hütter sich nun weigert, weiter vom Angriff auf den FCB und dem Meistertitel zu sprechen.

Sehnsucht nach einem Titel

Und nach dem Ausscheiden im Cup liegt die Saison für YB schon fast in Trümmern, kann der Dreijahresplan von Fredy Bickel nicht mehr aufgehen. Der Sportchef hatte vor gut drei Jahren bei seinem Amtsantritt in Bern das Ziel ausgegeben, bis 2016 einen Pokal nach Bern zu holen. Auf einen Titel wartet Gelb-Schwarz seit dem Cupsieg 1987.

Hütter ist kein Träumer. Vermutlich ist er selber überrascht gewesen, wie fulminant er ergebnismässig an seinem neuen Arbeitsplatz gestartet ist. Denn normal ist es nicht, dass eine Mannschaft mitten in einer Saison auf einen neuen Spielstil setzt und die Resultate sofort stimmen. «Ein solches Projekt braucht Zeit und Geduld», sagt Hütter über seinen Balleroberungsfussball.

«Ich bin mir bewusst, dass es Rückschläge gibt, wenn man so ganz anders spielen will. In einer solchen Phase sind wir jetzt.» Wenn Hütter die verbleibenden 23 Super-League-Partien quasi zur Vorbereitung auf die Saison 16/17 erklärt, hat dies nichts mit Resignation zu tun, sondern vielmehr mit dem Sinn für die Realität. Er weiss, dass besonders seine vielen jungen Spieler noch starken Schwankungen unterworfen sind.

Verbesserungspotenzial bei der Mentalität

«Es gilt, aus den beiden Niederlagen zu lernen», sagt Hütter. Aus jener in Basel zum Beispiel, dass ein bereits verwarnter Spieler wie Grégory Wüthrich den Goalie nicht so ungestüm angehen darf, dass er danach vom Platz fliegt. Aus jener gegen den FCZ etwa, dass sein Team auch bei einem mehrminütigen Unterbruch wie bei der Verletzung des Zürcher Keepers Favre fokussiert bleibt, nicht mehr völlig den Faden verliert und dem Gegner sogar noch zwei Treffer zugesteht.

Wie lernfähig seine Spieler sind, können sie heute Nachmittag im Stade de Suisse zeigen, wenn sie erneut auf den FCZ treffen, diesmal in der Liga. Unter erschwerten Bedingungen, weil mit Steve von Bergen (verletzt), Milan Vilotic und Wüthrich (beide gesperrt) gleich drei Innenverteidiger ausfallen. «Auch wenn wir nicht mehr vom Titel sprechen: Wir geben nicht auf und wollen jedes Spiel gewinnen», will Hütter eine Reaktion sehen.

Denn der 45-Jährige hat nach der Schlappe noch einen zweiten bedeutsamen Satz gesprochen: «Ich habe gesehen, wie meine Spieler arg enttäuscht waren nach dem erneuten Rückstand, und ich habe den hundertprozentigen Willen vermisst, das Spiel noch zu drehen. Diese Mentalität hat mir nicht gefallen.» Erstmals hatte am Donnerstag auch Hütter Bekanntschaft mit dem Problem von YB gemacht, das die Berner im Prinzip seit 1987 zu lösen versuchen.