Im Fernsehen reden Sie gutes Hochdeutsch. Schämen Sie sich für den markanten Vorarlbergerdialekt?

Adi Hütter: Nein, überhaupt nicht. Meine Eltern stammen aus der Steiermark und sind 1986 nach Vorarlberg gezogen – wie viele andere –, um in der Schweiz oder in Liechtenstein zu arbeiten. Als Vorarlberger kommst du in Innerösterreich nicht allzu weit. Wenn du dort mit Vorarlbergerdalekt sprichst, verstehen dich die Menschen nicht. Ich habe mir angewöhnt, in der Öffentlichkeit Hochdeutsch zu reden.

Wie reden Sie mit der Mannschaft?

Auch Hochdeutsch.

Nicht Französisch?

In Österreich lernt man in der Schule Englisch, nicht Französisch. Bei YB müssen alle französischsprechenden Spieler in einen Deutsch-Kurs.

Wo man sich umhört: Es wird positiv über Sie geredet. Es fallen Begriffe wie ehrgeizig, korrekt, ehrlich.

Mich selber zu charakterisieren, mag ich nicht. Aber wenn das alle sagen, sind das wohl Attribute, die auf mich zutreffen. Ehrgeizig muss man sein, sonst hat man in diesem Job nichts verloren. Ehrlich zu sein ist für mich selbstverständlich. Aber es ist manchmal sehr schwierig, korrekt zu sein.

Man wird nie korrekt sein können in meinem Job. Denn es werden immer welche auf der Ersatzbank sitzen. Entscheidend ist aber, wie ich das dem Spieler vermittle. Kommunikation ist wohl der wichtigste Aspekt meiner Arbeit.

Sind Sie ein Menschenfänger?

(lacht) Nein, das bin ich nicht. Ich denke, es ist wichtig, Menschen abzuholen. Ich versuche einfach korrekt und gerecht zu sein. Das ist schwierig.

Sie machen nicht den Eindruck des kumpelhaften Trainers, der sich zusammen mit den Spielern von den Fans feiern lässt.

Für mich ist das Nähe- und Distanzverhältnis sehr wichtig. Wenn ein Trainer den Spielern zu nahe ist, kann das gefährlich werden. Aber noch gefährlicher ist es, zu distanziert zu sein. Ich versuche, mich in der Mitte zu bewegen. Ich sehe mich nicht nur als Trainer, sondern auch als Coach und manchmal sogar als Partner.

«Ich sehe mich nicht nur als Trainer, sondern auch als Coach und manchmal sogar als Partner.»

Adi Hütter

«Ich sehe mich nicht nur als Trainer, sondern auch als Coach und manchmal sogar als Partner.»

Wenn ein Spieler private Probleme hat, will ich, dass er damit zu mir kommt, wir darüber sprechen können und er meine Hilfe annimmt. Wenn ich das Innenleben des Spielers nicht kenne, kann ich ihn nur aufgrund seiner Darbietungen auf dem Platz beurteilen. Doch das reicht mir nicht.

Aber ein Freund der Spieler sind Sie nicht?

Nein. Das sage ich ganz klar, das wissen sie. Aber ich bin auch weit davon entfernt, ihr Gegner zu sein. Wir sitzen zwar im selben Boot und ich bin der, der auf der Kommandobrücke das Tempo vorgibt. Aber Freund? Nein. Freundlich? Ja!

Ist es nicht logisch, wenn man sich nach einem Sieg näher kommt und nach einer Niederlage eher distanzierter verhält?

Für mich wäre das der falsche Weg.

Das heisst?

Wenn wir gewinnen, trage ich auch meinen Teil dazu bei. Ich entziehe mich nie der Verantwortung, bei einer Niederlage ohnehin nicht. Oder anders gesagt: Tausche ich kurz vor Schluss einen Spieler aus, der drei Tore erzielt hat, gratuliere ich ihm herzlich.

Wenn der gleiche Spieler zwei Wochen später nicht auf seine Leistung kommt, kann ich ihn bei der Auswechslung doch nicht ignorieren. Nein, dann verhalte ich mich genau gleich. Das hat mit Respekt zu tun.

Aber wie viel Verständnis haben Sie für eine Null-Leistung wie in der ersten Halbzeit gegen GC? Sind Sie in solchen Situationen auch mal enttäuscht von den Spielern?

Nein, das ist für mich ein wesentlicher Punkt. Wenn ich enttäuscht von einem Spieler bin, dann bin ich enttäuscht vom Menschen. Aber das ist nicht akzeptabel. Ich kann nur enttäuscht sein von der Leistung, aber nicht vom Menschen. Wir reden hier schliesslich von Fussball. Es ist kein Verbrechen, wenn ein Spieler mal nicht sein Rendement erreicht. Ausserdem muss man schon sehen, woher wir kommen.

«Es ist kein Verbrechen, wenn ein Spieler mal nicht sein Rendement erreicht.»

Adi Hütter

«Es ist kein Verbrechen, wenn ein Spieler mal nicht sein Rendement erreicht.»

YB verpflichtet nicht Spieler vom FC Basel oder aus der Bundesliga. Nein, YB bietet jungen, hungrigen Spielern eine sehr interessante Plattform. Und nicht zu vergessen: Wir haben in diesem Jahr 55 Spiele absolviert, allein 33 seit dem 22. Juli. Das ist enorm. Bayern München hat deutlich unter 30 absolviert.

Kommt Ihnen im Hinblick auf den Zweikampf mit Basel das Aus in der Europa League gelegen?

Nein. Wir wollten uns für die Gruppenphase der Europa League qualifizieren, das haben wir erreicht. Natürlich dürfen wir mit der Kampagne in der Gruppenphase nicht zufrieden sein. Aber im Cup stehen wir im Halbfinal und in der Meisterschaft überwintern wir an der Tabellenspitze – das ist nicht allzu schlecht.

Sie untertreiben. Sie haben riesige Freude an Ihrer Mannschaft.

Ja, das habe ich. Denn ich sehe Spieler, die sich richtig gut entwickelt haben.

So, wie Sie auch. Als Sie zu YB gekommen sind, sahen wir zwar das konsequenteste Pressing, das je in dieser Liga demonstriert worden ist. Beeindruckend, aber auf die Länge auch durchschaubar. Jetzt hingegen tritt YB variantenreicher auf, ist unberechenbarer.

Als es darum ging, ob ich YB übernehmen soll, schaute ich mir eine Partie gegen GC an. YB war chancenlos, am Ende stand es aber 2:3. YB war ganz schlecht. Es wurde nur quer gespielt. Es war kein Tempo, keine Dynamik im Spiel. Ich habe mir gedacht: Okay, das ist eine interessante Aufgabe, weil man da viel verändern kann. Also haben wir von Beginn weg intensiv am Pressing gearbeitet.

Denn wir hatten die Spieler dazu. Steffen, Sulejmani, Zakaria, Kubo, Bertone. Alles dynamische, schnelle Spieler. Spieler auch, die sich einschläfern, wenn sie nur quer verschieben und abwarten. Aber man kann nicht immer rennen, rennen, rennen. Jeden dritten, vierten Tag. Das geht nicht.

Wie geht es denn?

Man muss variabel sein – insbesondere auch als Trainer. Und, ganz wichtig: heisses Herz, kühler Kopf. Das heisst, man muss nicht permanent aggressiv nach vorne verteidigen. Aber wenn man es tut, sollte man sich dafür belohnen. Ich will, dass meine Mannschaft synchron auftritt.

Das heisst, dass alle auf dem Platz das Gleiche machen. Aber das ist nicht immer einfach. Eine meiner Lieblingsmannschaften ist Napoli, weil die das so gut können. Früher, in Altach und in Grödig, war ich ein reiner Ballbesitz-Trainer. Und ich habe Barcelona bewundert.

Aber Barcelona spielt auch gut gegen den Ball.

Gewiss. Irgendwann habe ich versucht, die Sichtweise im Fussball zu verändern. Ich habe mich nicht mehr nur darauf konzentriert, was meine Spieler mit dem Ball machen, sondern was sie tun, wenn sie den Ball nicht haben.

«Irgendwann habe ich versucht, die Sichtweise im Fussball zu verändern.»

Adi Hütter

«Irgendwann habe ich versucht, die Sichtweise im Fussball zu verändern.»

Und dann entwickelten Sie den Mut, offensiv zu verteidigen?

Ja, das war in Grödig, nachdem wir in die Bundesliga aufgestiegen sind und unter anderem unseren Top-Torschützen verloren haben. Wir waren Aussenseiter. Aber ich wollte keinen Aussenseiter-Fussball spielen lassen. Ich wollte nicht, dass wir uns nur auf Konter und Standardsituationen beschränken. Nein, meine Devise lautete: Wir greifen auch als Aufsteiger alle an!

Mit dem Klub aus dem 7200-Einwohner-Dorf erreichten Sie Platz 3. Ihr Mut wurde belohnt. Was hat das mit Ihnen gemacht?
Es hat mich bestärkt, weiter mutig zu sein. Als Spieler war ich das nicht. Da habe ich Sicherheit und Status in Österreich der Ungewissheit in Deutschland vorgezogen.

Vor eineinhalb Jahren sagten Sie: Unser Ziel muss es sein, den FC Basel richtig zu fordern, ihn in Bedrängnis zu bringen. Ist YB nun dazu in der Lage?

Wir haben zwei Punkte Vorsprung. Die Basler hatten am Anfang Probleme. Mir war indes immer bewusst, dass sie irgendwann in die Spur finden. Aber klar ist: Es reicht für uns nicht zum Titel, wenn Basel nur gegen uns Punkte liegen lässt.

Wie geht Ihre Mannschaft damit um, dass sie vom FCB gejagt wird?

Wir hatten fast immer eine passende Antwort. Mit diesem Druck müssen wir einfach umgehen.

Das ist leicht gesagt.

Ich denke nicht, dass die Mannschaft den Atem spürt. Das ist für uns auch kein Thema, das wir diskutieren. Die gute Phase der Basler ist beeindruckend. Aber ich habe mir weder etwas auf den 7-Punkte-Vorsprung nach 10 Runden eingebildet, noch bin ich jetzt nervös. Ich verstehe, dass Journalisten eine knackige Aussage wünschen. Aber ich bin Realist, kein Blender.

«Ich verstehe, dass Journalisten eine knackige Aussage wünschen. Aber ich bin Realist, kein Blender.»

Adi Hütter

«Ich verstehe, dass Journalisten eine knackige Aussage wünschen. Aber ich bin Realist, kein Blender.»

Doch in Bern wähnte man sich schon mal im Meisterrausch. Da wirkte der kontrollierte Herr Hütter bisweilen wie ein Fremder.

Ich bin nicht der, der schwammig daherredet. Ich habe eine klare Botschaft. Aber ich drehe nicht durch, wenn wir mal vorne sind. Man muss auch mal das Hirn einschalten. Natürlich, die Emotionen reiten uns alle, aber man muss die Emotionen auch im Griff haben.

Gibt es Momente, in denen Sie sich auch mal gehen lassen?

Ja, aber nicht, wenn ich mitten in einem hochintensiven Prozess stecke.

Wann lassen Sie sich gehen?

Privat, mit meinen Freunden. Dann habe ich sehr viel Spass. Ich bin ja kein Roboter.

Österreicher gelten als gesellige Menschen.

Grundsätzlich bin ich gesellig. Und glauben Sie mir: Ich kann auch lustig sein. Aber ich wurde bei YB nicht als Clown angestellt. Als Trainer habe ich eine Vorbild-Funktion, eine riesengrosse Verantwortung.

«Grundsätzlich bin ich gesellig. Und glauben Sie mir: Ich kann auch lustig sein.»

YB-Trainer Adi Hütter

«Grundsätzlich bin ich gesellig. Und glauben Sie mir: Ich kann auch lustig sein.»

Aber es gibt Trainer, die sind volksnäher als Sie.

Sie finden mich nicht volksnah?

Ja, Sie sind distanziert, stets kontrolliert, aber nicht unsympathisch. Sie sind vielleicht der meist respektierte Trainer in Bern seit vielen Jahren. Aber kaum jener, der am meisten geliebt wird.

Wenn ich mich im Umfeld umhöre, sind die allermeisten zufrieden mit mir. Jeder hat seine eigene Art.

Nehmen Sie sich bewusst zurück?

Nein, nein. Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, rede ich mit jedem.

Aber da sind Sie selten anzutreffen.

Für was bin ich hier? Ich bin für die Sache hier. Und die Sache lautet: Können wir es schaffen, den Menschen, die schon seit 30 Jahren auf einen Titel warten, etwas zurückzugeben? Das ist mein Auftrag. Das ist das, was ich will. Ich weiss nicht, ob ich es schaffe, wenn ich nebenbei ein bisschen Golf spiele und diesen oder jenen Anlass besuche. Würde ich mehr am gesellschaftlichen Leben hier teilnehmen, wäre ich wahrscheinlich nicht mehr Trainer in Bern.

Bern verzeiht viel.

Es ist ein Privileg, hier Trainer zu sein. YB ist ein super Verein. Aber ich bin erst glücklich, wenn wir erreichen, was wir uns vorgenommen haben.

YB lechzt nach einem Titel. Aber auch Sie brauchen den Titel mit YB, um Ihre Karriere voranzutreiben. Sind YB und Hütter eine Zweckgemeinschaft?

Es wird hier immer einen Trainer geben. Egal, ob er Forte, Rueda oder Petkovic heisst – völlig wurst. Das ist bei jedem Verein so. Es ist wichtig, dass man sich wohl fühlt. Die Konstellation, wie sie jetzt ist, passt. Die Menschen mögen mich. Und es gibt bei YB keinen, den ich nicht mag.

Vor etwas mehr als einem Jahr, bevor Christoph Spycher Sportchef wurde und die Posse von und mit Urs Siegenthaler aufgeführt wurde, hat es Sie in Bern kurzzeitig – sorry für den Ausdruck – angeschissen.

Ja, wenn man zurückdenkt, war das Heimspiel gegen Donezk das Beste, was die Mannschaft abgeliefert hatte. Danach bereiteten wir uns auf die Liga vor, und plötzlich war nur noch Zirkus und Theater. Das hat mich gestört.

Aber mein bitterster Moment in Bern war das Cup-Out gegen Winterthur nach einer 2:0-Führung zur Pause. Spätestens da war klar: Wir müssen uns verändern. Wir müssen junge, hungrige und dynamische Spieler finden. Deshalb haben wir im Sommer keinen Spieler geholt, der älter als 24 ist.

Österreich hat kürzlich einen Nationaltrainer gesucht …

… und einen gefunden.

Aber nicht in Bern. Warum wollten Sie nicht Nationaltrainer werden?

Es war mir eine Ehre, Kandidat zu sein. Aber zum jetzigen Zeitpunkt ist das nichts für mich. Ich will ständig mit einer Mannschaft arbeiten, nicht nur alle paar Monate. Ich will viele Spiele bestreiten. Und ich habe vielleicht auch das Nationaltrainer-Alter noch nicht erreicht. Aber zum engeren Kandidatenkreis zu zählen, ist eine Bestätigung für meine Arbeit.

«Und ich habe vielleicht auch das Nationaltrainer-Alter noch nicht erreicht.»

Adi Hütter

«Und ich habe vielleicht auch das Nationaltrainer-Alter noch nicht erreicht.»

Was, wenn sich diese Chance kein zweites Mal bietet?

Wenn ich weiter erfolgreich arbeite, kommt die Chance wieder. Und vielleicht passt irgendwann auch für mich der Zeitpunkt.

Ihre Frau ist, so hört man, häufiger in Bern als früher.

Und das ist auch besser für mich. Wir haben eine 18-jährige Tochter, die die Matura abgeschlossen hat. Meine Frau und meine Tochter sind mir sehr wichtig. Sie geben mir einerseits Rückhalt und andererseits die Freiheit, meinen Job auch weit weg von zu Hause auszuüben. Diese Toleranz ist grossartig.

Ihre Familie blieb stets in Salzburg, während Sie in Vorarlberg oder in Bern arbeiteten. Hatten Sie nie Bedenken, in der Entwicklung Ihrer Tochter etwas zu verpassen?

Wenn ich unser Verhältnis heute sehe, denke ich nein. Sie ist auch sehr ehrgeizig. Für mich war wichtig, dass meine Frau ständig bei ihr war. Als ich nach Altach ging, habe ich die beiden nur noch alle 14 Tage gesehen. Das war nicht immer lustig. Insbesondere, wenn ich jeweils ging und die beiden in der Türe stehen sah. Das prägt.

Vielleicht habe ich auch deshalb ein irrsinniges Verhältnis zu meiner Tochter. Aber man muss sich nicht jeden Tag sehen, damit die Liebe gross bleibt.

Ist das Nach-Hause-Kommen jeweils wie ein neues Kennenlernen?

Irgendwie schon. Es ist auch spannend. Aber manchmal nicht einfach. Besonders nach einer Niederlage. Man sitzt dann in der Wohnung und grübelt, aber es vergeht auch wieder. Aber ich sagte immer: Wenn sich zu Hause etwas in die falsche Richtung entwickelt, riskiere ich nichts auf Kosten des Sports. Dann schmeisse ich den Job sofort hin. Die Familie darf nicht unter meinem Egoismus leiden. In einer solchen Situation war ich zum Glück nie.