Beim Tinguely-Brunnen in Basel legt die FCB-Legende Karli Odermatt den rechten Arm beinahe väterlich auf die Schulter von FC-Aarau-Mittelfeldspieler Alain Schultz und sagt: «Alain ist ein guter Typ, ein ehrlicher, korrekter Mensch. Ihn als Freund zu haben, ist wunderbar.»

Schultz gibt die Komplimente zurück: «Ich lernte Karli als Bub kennen. Mein Vater Richard ist Coiffeur am Barfüsserplatz. Karli kam regelmässig in den Salon und liess sich die Haare schneiden. Er ist für mich Onkel und Götti zugleich. Als Fussballer ist er mein Vorbild», fügt Schultz hinzu. «Ich habe viele Videos von ihm. Karli hat eine einzigartige Karriere hinter sich. Er ist Original, Idol und Kultfigur zugleich. Genauso wie der Tinguely-Brunnen ist Karli ein Wahrzeichen von Basel.»

Der 70-jährige Odermatt und der 30-jährige Schultz strahlen um die Wette und machen Sprüche. 40 Jahre Altersunterschied ist kein Hindernis für eine Freundschaft. Es spielt auch keine Rolle, dass die sportliche Laufbahn von Odermatt um einiges eindrücklicher ist als die von Schultz. Odermatt hat für die Schweiz 50 Länderspiele bestritten und zehn Tore erzielt. Nach dem Wechsel vom Jugendverein Concordia zum FC Basel gelangen ihm zwischen 1962 und 1975 in 296 Partien 95 Tore. Mit dem FCB wurde er fünfmal Schweizer Meister und dreimal Cupsieger. Von 1975 bis 1979 stand er bei YB unter Vertrag und markierte in 111 Spielen 12 Tore.

Im Vergleich zu Odermatt ist der Leistungsausweis von Schultz ziemlich bescheiden. Der zentrale Mittelfeldspieler aus Binningen galt als grosses Talent und spielte bis zu seinem 17. Lebensjahr für den FCB. Wegen Unstimmigkeiten mit dem damaligen Juniorentrainer Marcel Hottiger wechselte Schultz zu Aarau. Seine beste Zeit hatte der schussgewaltige Techniker 2009 und 2010 bei GC. Unter Trainer Ciriaco Sforza wurde er zum Stammspieler.

Dann meldete sich die Verletzungshexe: Schultz zog sich einen Leistenbruch zu. Statt sofort zu operieren, liess er sich auf ärztlichen Rat mit Kortison fit spritzen und nahm vor den Spielen starke Tabletten. Im Laufe der Zeit wurden die Schmerzen immer stärker. Nach einer Operation an der linken Leiste musste er eine sechsmonatige Zwangspause einlegen. 2010 wechselte er zum FC Wohlen. Ein Jahr später gab ihm Kantonsrivale Aarau einen Dreijahresvertrag. Dank gezielter Therapie und Rumpfstabilisations-Übungen kann Schultz heute wieder beschwerdefrei trainieren und spielen.

Den grossen Durchbruch schaffte er allerdings nie. «Alain hat viel Talent, aber im Fussball läuft nicht immer alles nach Plan», erklärt Odermatt. «Vieles hängt von Kleinigkeiten ab. Das Verletzungsrisiko ist gross. Zudem ist ein Spieler oft auf den Goodwill der Trainer angewiesen.» Der frühere FCB-Regisseur hält trotz aller Vorbehalte grosse Stücke auf die Nummer 10 des FC Aarau und weist auf dessen Qualitäten hin: «Ich habe Alain schon als Junior beobachtet. Er hat in etwa die gleichen Stärken wie ich. Seine Freistösse und Corners sind brandgefährlich. Er schlägt zudem genaue Pässe. Alain ist ein Teamplayer und hat keine Allüren.»

Odermatt: «Ich war nie Profi»

Weiter geht es zum Café Kohlmanns. Odermatt bestellt zwar nur ein stilles Wasser, kommt aber trotzdem mehr und mehr in Fahrt. «Ein Rückblick auf meine Profikarriere? Ich war nie Profi. Ich war reiner Amateur», sagt der gelernte Offset-Drucker. «Zudem verkaufte ich während dreissig Jahren Kaffeemaschinen. Olympia-Kaffeemaschinen.» Heute arbeitet er in der Marketing-Abteilung des FCB und betreut während der Heimspiele Sponsoren und Gäste. «Ich bewege mich vorwiegend in der VIP-Zone. Ich bin so etwas wie der Ambassador des FC Basel.»

Geht es nicht um Fussball, so geniesst Odermatt das Leben in vollen Zügen. Als Mitglied der Wagen-Clique «Mittwuch-Pfuuser» pilgert er während der Fasnacht von Beiz zu Beiz. Odermatt gilt darüber hinaus als exzellenter Weinkenner. Die Gefahr, dass ihm der rote Saft ausgeht, ist klein: Er besitzt in Maisprach einen Weinberg. Wie man hört, soll sein Blauburgunder hervorragend schmecken. Am glücklichsten ist er allerdings, wenn er mit seinem Kumpel Richard Schultz fischen gehen oder Pilze sammeln darf. Dann kramen die zwei in der Erinnerungskiste. Und sind glücklich und zufrieden.