Oskar Beck

Das Unfassbare hört gar nicht mehr auf, die Deutschen werden immer beliebter. Auch jetzt wieder, bei dieser WM. Was ist das plötzlich für ein lockerer, lebensbejahender Fussball, sie grätschen ihn nicht mehr, sie spielen ihn, ach was: Sie singen ihn – wie Lena. Und nun auch noch die Kanzlerin.

Am Samstag sind wir im Stadion Ellis Park in Johannesburg gesessen und haben die Zeit bis zum Anstoss des Spanienspiels gegen Paraguay vor dem Fernseher im Medienzentrum totgeschlagen, mit diesem gefühlten 8:0 der DFB-Wunderkinder gegen die unschlagbaren Argentinier – hell begeistert haben die wildfremdesten Ausländer den deutschen Kollegen auf die Schultern geklopft, aber am ausgelassensten war ihr Jubel, wenn nach jedem Tor als Running Gag in Grossaufnahme wieder Angela Merkel kam, wie sie fassungslos, mitgerissen, überwältigt und ziellos über die Tribüne irrte, um irgendeinen zu finden, den sie noch nicht umarmt und geküsst hatte.

Seit sie beim Sommermärchen 2006 mit Franz Beckenbauer auf der Tribüne diesen Boogie-Woogie tanzte, wussten wir zwar, wozu sie beim Gefühlsausbruch fähig ist, aber so fulminant war die Merkel noch nie. Nicht einmal vor Sepp Blatter hat sie Halt gemacht und ist sogar Jacob Zuma sorglos um den Hals gefallen, diesem notorischen Frauenbeglücker – nach Kloses 4:0 hat Südafrikas Präsident sie ausdrücklich beglückwünscht zu ihrer aufregenden Robe damals in der Oper in Oslo, mit der sie es als «Bild»-Girl fast auf
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Ja, sie darf

5:0 für Deutschland, Tor Merkel. Die Opposition wird das jetzt anders sehen und sich fragen, ob die Kanzlerin dem Steuerzahler so eine Lustreise zumuten darf – nur um als aufgeregtes Huhn im Korb zwischen Zuma und Blatter einen sonnigen Nachmittag zu verbringen und im fernen Afrika die Hymne zu singen, um von ihren Schnitzern in Berlin abzulenken.

Sie darf. Sie war richtig gut am Samstag, und sie hat das Vergnügen nicht nur mit dem Angenehmen, sondern auch noch mit dem Nützlichen verbunden, im Rahmen der gehobenen Aussenpolitik. Vor dem Spiel war sie in einem Township in Kapstadt. «Messi, Messi», haben die Buben dort gerufen, bekleidet mit argentinischen Trikots. «Kinder», hat sie zu ihnen gesagt, «auch wir haben tolle Spieler, ihr werdet es sehen.» Danach hat sie im Stadion den Schweinis und Poldis den Rücken gestärkt und hinterher in der Kabine danke gesagt.

Oder nur ihres? So sieht es der politische Gegner, jedenfalls zerreisst der sich jetzt vermutlich den Mund und wundert sich, dass die Merkel nicht auch noch fotogen mit dem Fallschirm ins Stadion abgesprungen ist, punktgenau auf den Anstosskreis.

Offen und ausgelassen

Politiker machen so was ja ganz gerne. Politiker wissen, wo die Kameras stehen, und mit Vorliebe erliegen sie der magnetischen Anziehungskraft der Tribüne und legen dort oben ihr Fussballerherz blank. Aber muss wirklich alles Kalkül sein? Bei Bill Clinton hatte man neulich nicht den Eindruck – der hat beim Aus der Amerikaner auf der Tribüne gelitten wie ein Hund.

Mit Angela Merkel ist es ähnlich, sie ist beim Jubeln in Kapstadt nicht als Politikerin aufgefallen – sie war Mensch. Gefreut hat sie sich, echt und ehrlich, da war nichts gespielt, das war keine Schauspielerei, keine Schwalbe auf der Tribüne. So offen und ausgelassen hat sie schon damals beim Sommermärchen den Beckenbauer geherzt und gebusselt oder bei der EM 2008 in der Halbzeit den auf die Wiener Tribüne verbannten Jogi Löw dort oben zum Gipfeltreffen empfangen.

Verstand blockiert

Das alles kommt bei ihr aus dem Bauch, wie diese geballte Freude am Samstag, in diesem emotionalen Ausnahmezustand ist nichts mehr kalkuliert, denn dem Zuma, diesem gefürchteten Frauenbegatter, wirft man sich als Frau ja nicht freiwillig an die Brust, da muss vorher schon das Gefühl den Verstand blockieren – wenn dieses 4:0 am Samstag nicht in Kapstadt, sondern, sagen wir mal, vor dreissig Jahren in Uganda stattgefunden hätte, wäre Angela Merkel auch Idi Amin um den Hals gefallen.

Wann bläst die Kanzlerin vollends in eine Vuvuzela – am Mittwoch im Halbfinal oder erst beim Endspiel?

Gefühlte acht von zehn Deutschen sind ab sofort jedenfalls dafür, dass sie ihren Stundenplan mit dem WM-Spielplan abstimmt, die Amtsgeschäfte in Berlin ruhen lässt und stattdessen nach dem Sieg gegen die Spanier mit dem frustrierten König Juan Carlos auf der Tribüne das Hemd tauscht und am Sonntag nach dem Finale den holländischen Kronprinzen Willem Alexander mit seiner doppelt geprügelten Maxima (ist sie nicht Argentinierin?) tröstet – gerne auch mit drei schwarz-rot-goldenen Adidasstreifen auf den Backen.

«Fussball», hat der altgrüne Aussenminister Joschka Fischer einmal gesagt, «ist des Mannes zweitgrösstes Glück» – dieses Recht gönnt sich jetzt auch die Kanzlerin als Frau, und die ausländischen Journalistenkollegen im Pressezentrum im Ellis Park waren so begeistert wie seit Lena nicht mehr. Schön für die Deutschen. Sie werden immer mehr Mensch.