WM Serie
13 Tore an einer WM: Mit geliehenen Schuhen zum Torschützenkönig

«Monsieur Dynamite» Just Fontain schoss an der WM 1958 sagenhafte 13 Tore für Frankreich. Das ist immernoch Rekord. Dabei stand er zu Beginn nicht einmal im Aufgebot. Weil seine Fussballschuhe abgenützt waren, lehnte er sich jene eines Kollegen.

Janine Müller
Merken
Drucken
Teilen
Nicht zu stoppen: Just Fontaine.

Nicht zu stoppen: Just Fontaine.

Keystone

An der Weltmeisterschaft 1958 in Schweden ging sein Stern auf: Nein, nicht der von Pélé und auch nicht der von Garrincha. Gemeint ist Just Fontaine, der Torschützenkönig dieser WM.

WM-Serie

«Die Nordwestschweiz» stellt in einer WM-Serie je eine spezielle Geschichte der bisherigen Weltmeisterschaften vor. Heute die WM 1958 in Schweden.
Weltmeister: Brasilien

Fontaine war nach Lucien Laurent - Schütze des ersten WM-Tors - der zweite Franzose, der an einer WM für Aufsehen sorgte. 13 Tore schoss er während der Weltmeisterschaft 1958. Das ist noch heute Rekord. Zum Vergleich: Ronaldo brauchte für 15 Tore drei Turniere.

Dabei stand Just Fontaine, auch «Monsieur Dynamite» genannt, zunächst gar nicht im Aufgebot. Dann aber verletzte sich Stammstürmer Raimond Bliar und Fontaine rückte ins Kader nach. Mit im Gepäck: der Gewinn des Doubles in der französischen Meisterschaft mit Stade Reims und die Auszeichnung als Torschützenkönig in der Liga (34 Tore in 26 Spielen).

Nicht bedacht hatte «Monsieur Dynamite», dass nach einer solchen Saison die Fussballschuhe etwas gelitten haben. «Wir hatten damals nur zwei Paar Schuhe. Einen Ausrüster gab es nicht. Ich hatte nichts mehr», sagte Fontaine damals. Teamkollege Stéphane Bruey lieh ihm kurzerhand ein Paar aus, schliesslich war er nur Ersatzspieler. «Der Gedanke amüsiert mich, dass meine Tore durch das Zusammenspiel zweier Seelen entstanden, die in ein und denselben Latschen steckten», erzählte Fontaine später.

Fontaine erzielte pro Spiel mindestens ein Tor. Und das aus allen Lagen. Sieben mit dem rechten Fuss, fünf mit links und eines mit dem Kopf. Doch der Rekord war «Justo», wie er auch gerne genannt wurde, egal. Zu gross war die Enttäuschung über das Out im Halbfinal gegen Brasilien. Und einmal sagte er gar: «Ich hätte gerne fünf, sechs Jahre Fussball gegen den WM-Rekord getauscht.» Grund war eine Verletzung, die den Ausnahmestürmer bereits im Alter von 27 Jahren dazu zwang, seine Karriere zu beenden. 1960 brach er sich das Bein. 1961 passierte es gleich nochmals an derselben Stelle. Dazu kam auch noch eine Verletzung der Achillessehne. Fussballspielen war fortan undenkbar.
So wurde Fontaine, der in seiner Jugendzeit eigentlich viel lieber Velofahrer geworden wäre, Trainer. Er coachte bei Paris St-Germain, bei Toulouse, war später auch Nationalcoach von Frankreich und Marokko. In Toulouse, seinem Wohnort, eröffnete er bereits 1961 ein Sportgeschäft. Und er gründete die französische Spielervereinigung, die er auch präsidierte. Er gehört neben Zinédine Zidane zu den beliebtesten Fussballspielern in Frankreich.