Fussball
10 Jahre Thuner Wahnsinn

Im Mai 2005 wurde der kleine FC Thun Vizemeister. Heute ist er hervorragender Dritter in der Super League. Im dazwischen liegenden Jahrzehnt ist bei den Oberländern so viel geschehen wie bei anderen Vereinen in der ganzen Klubgeschichte nicht.

Markus Brütsch
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Ein häufiges Bild in den letzten Jahren: Jubelnde Thuner.

Ein häufiges Bild in den letzten Jahren: Jubelnde Thuner.

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Vier der Hauptdarsteller sind Kurt Weder, Andres Gerber, Markus Lüthi und Urs Schönenberger. Die «Nordwestschweiz» hat sie besucht.

Andres Gerber

Andres Gerber

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Schifflände. Er ist der Einzige, der das letzte Jahrzehnt des FC Thun lückenlos mitgemacht hat, und sagt: «Es ist der absolute Wahnsinn, was hier passiert ist.» Im Sommer 2003 ist der Flügelspieler von GC ins Oberland gekommen, zwei Jahre später ist er Vizemeister. «Wir sind damals wie ein Komet am Fussballhimmel erschienen, eine Sensation», sagt der 42-Jährige.

«Mir läuft es heute noch kalt den Rücken runter, wenn ich daran denke, wie wir uns dann vor 31 000 Zuschauern im Stade de Suisse gegen Kiew und Malmö für die Champions League qualifizierten»,sagt Gerber, dessen Namensvetter Werner damals der Sportchef war. Auch ein Jahrhunderthochwasser, welches das Stadion Lachen am Thunersee flutet, kann die Euphorie nicht bremsen. «Wir schwebten auf Wolke sieben und schlugen uns gegen Arsenal, Ajax und Sparta Prag ordentlich.»

Hinter den Kulissen spürt der feinfühlige Captain indes, wie das Ganze zu bröckeln beginnt. Mit neuen Spielern aus aller Welt geht die Identität des FC Thun verloren. Niemand kommt mit der gigantischen Publizität und den Millionen klar, die plötzlich in die Kasse gespült kommen. «Alle waren überfordert. Es war eine Mission impossible. Heute wären wir gewarnt», sagt Gerber. «Die Vorwürfe, dass von den Klubverantwortlichen Geld in eigene Taschen abgezweigt worden sei, haben sich jedoch als haltlos erwiesen.»

Im November 2007 wird der Verein von einem Skandal erschüttert. Spieler sollen mit einer Minderjährigen Sex gehabt haben. «Wir standen genauso im Fokus wie in der Champions League», sagt Gerber. «Als wir zum Training aus der Garderobe kamen, empfing uns ein Blitzlichtgewitter. Wir wurden wie Schwerverbrecher behandelt.»

Die finanzielle Situation hatte sich mittlerweile bedenklich verschlechtert. Nur dank der Finanzspritzen der künftigen Stadionbauer bleibt der Klub am Leben. Nach dem Unfall von Kurt Weder wird Markus Stähli im Mai 2008 Präsident, der Thuner Abstieg unter Trainer René van Eck ist schon zuvor besiegelt gewesen.

Vizemeister, Champions League, Hochwasser, Sexskandal, Pleite – was soll da noch folgen? «Der Wettskandal!», sagt Gerber. Einige Spieler schiessen absichtlich neben das Tor und manipulieren Wettspiele. Wieder ist Thun gegen Ende 2009 europaweit in aller Munde; die fehlbaren Spieler werden entlassen.

2009 wird Murat Yakin Trainer und Gerber Sportchef. Er sagt: «Während der ersten beiden Jahre bin ich geschwommen. Yakins Netzwerk hat mir jedoch extrem geholfen.» Der FC Thun steigt auf, etabliert sich in der Super League und zieht 2011 ins neue Stadion ein. Gerber holt Trainer Urs Fischer, der mit Thun in die Gruppenphase der Europa League einzieht und die Oberländer in der zweiten Saison auf den dritten Platz führt. «Der aktuelle dritte Platz hat für mich denselben Stellenwert wie die Erfolge 2005. Ich bin ein glücklicher Sportchef», sagt Gerber. Seine Vision: Meistertitel.

Kurt Weder

Kurt Weder

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Immobilienfirma an der Bahnhofstrasse in Thun. Er ist entspannt, hat am vergangenen Sonntag das Spiel des FC Thun gegen Zürich besucht und sagt zum neuen Stadion: «Es ist top, könnte aber etwas bessere Vermarktungsmöglichkeiten bieten.»

Der 71-Jährige ist acht Jahre Präsident des FC Thun gewesen. Nun erzählt er aus der Zeit, als es im Oberland rockte und rollte wie verrückt. Zusammen mit Trainer Hanspeter Latour (Weder: «Ein gottver gessener Motivator) hat er den Verein 2002 in die Super League geführt. Zwei Jahre später nimmt der FC Thun Fahrt auf: Rang 2 nach der Vorrunde, Abgang von Latour zu GC, Verpflichtung von Urs Schönenberger («Ein Antreiber»), Vizemeister. «Weil Goalie Jakupovic in Kiew den Match seines Lebens spielt» (Weder), kommen die Thuner via Malmö in die Champions League. Und an ihre Grenzen und drüber. «Wir stockten personell auf und arbeiteten rund um die Uhr», sagt Weder. Die «SonntagsZeitung» nennt ihn den «Vater des Thuner Wunders». Um die Hochwasserprobleme im Stadion Lachen kümmert sich derweil Sportchef Werner Gerber, wegen seiner Fähigkeiten, unbekannte Spieler auszugraben, auch Trüffelschwein genannt.

Die Champions League bringt Einnahmen von 19 Millionen Franken. Im Februar 2006 entlässt Weder Trainer Schönenberger. «Ich musste es tun, weil er keine Uefa-Pro-Lizenz hatte», sagt Weder. «Dann begann das Kesseltreiben gegen mich. Natürlich hatten wir Fehler gemacht, vergriffen uns bei der Wahl neuer Trainer und Spieler und zahlten zwangsläufig viel zu hohe Löhne.» Vorwürfe, die Champions-League-Millionen seien verschleudert worden oder in dunklen Kanälen versickert, weist er zurück. Er ist gut dokumentiert und zeigt die Aufstellung der Ausgabeposten. Von der Stadionmiete (3,5 Millionen Franken für das Stade de Suisse) über Spielerprämien (2,6 Mio.) und Investitionen in die Infrastruktur wie die neue Tribüne, den Container, den Totomaten sowie die Übernahme der Markenrechte usw. (1,6 Mio.) bis zu den durch die AG gekauften Spielerrechten (netto 2,6 Mio). Unter dem Strich steht ein Überschuss von 5,6 Millionen, die zurückgestellt werden, um in den kommenden Jahren das strukturelle Defizit abzudecken.

Über den Sexskandal 2007 sagt Weder nur: «Das war das Himmeltraurigste in meiner Amtszeit. Wegen warmer Luft, wie sich letztlich herausstellte, wird ein Provinzklub niedergeprügelt. Und dann alle diese Moralapostel!» Nach der im Februar 2006 verlorenen Abstimmung gleist Weder das Stadionprojekt neu auf. Am 15. Januar 2008 sind die Planungen abgeschlossen. Am Tag darauf verunfallt Weder bei einem Treppensturz schwer, erleidet Lähmungserscheinungen und gibt das Präsidentenamt ab. Er bleibt viereinhalb Monate im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. Dort läuft er am 8. Juni zur Tür hinaus und fährt direkt nach Basel zum EM-Eröffnungsspiel Schweiz - Tschechien.«Ich habe ein zweites Leben geschenkt bekommen», sagt Weder.

Urs Schönenberger

Urs Schönenberger

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Trainer Urs «Longo» Schönenberger sitzt mit seinem 13-jährigen Sohn Jay im Letzigrund: FCZ gegen Vaduz. Er lässt sich von Kurt Weder Grüsse ausrichten. Von jenem Mann, der ihn im Februar 2006 nach dem ersten Rückrundenspiel und vier Tage vor dem Uefa-Cup-Match gegen den Hamburger SV entlassen hat. «Noch heute ist es mir ein Rätsel, nach den Erfolgen, die wir erreicht hatten», sagt Schönenberger. «Aber ich könnte ein Buch schreiben über dieses eine Jahr in Thun.»

Nur eine Episode: «Nach unserem Super-League-Spiel gegen St. Gallen am Freitagabend beabsichtigte ich, am nächsten Tag mit Assistent Ädu Kunz nach Amsterdam zu reisen, um Ajax, unseren Gegner am folgenden Dienstag, zu beobachten. Das Auslaufen am Samstagmorgen würden wir noch leiten und zum Training am Sonntagmorgen wieder zurück sein. Ich kaufte die Billigflüge und buchte das Hotel. Da kam Weder und sagte, es dürfe nur einer fliegen. Ich wähnte mich im falschen Film: Es flossen in der Champions League Millionen auf das Thuner Konto, aber vier Augen in Amsterdam waren zu teuer.»

Geflogen nach Holland sind beide. Und Schönenberger ein paar Monate später vielleicht auch wegen solcher Dinge. «Es hatte sich einiges kumuliert», sagt der 56-Jährige. Gleichwohl blickt der Zürcher mit Stolz und Freude zurück auf die Champions League: «Pure Emotionen, hundert Meter lange Schlangen vor den Ticketständen, fünfmal ein volles Stade de Suisse, Sparta Prag geschlagen und Gruppendritter geworden, die Gespräche mit Arsenal-Trainer Arsène Wenger und, und, und.» Dass die Trainerkarriere Schönenbergers danach nicht mehr ins Rollen gekommen ist, es nur noch kurze Engagements in Aarau, bei YF/Juventus, Altach, Wohlen und dem SC Kriens gab, hat viele Experten überrascht. «Vielleicht wollte ich jeweils zu schnell zu viel. Es braucht aber auch Glück», sagt Schönenberger, der seine Verbindung zum Spitzenfussball derzeit als Experte beim «Teleclub» pflegt.

Und mit seiner Situation überaus happy ist. Nach 32 Jahren im Profifussball, von denen er keine Sekunde bereut, betreut Schönenberger seit zwei Jahren den Kundendienst der Carrosserie Scheiwiller in Zürich, 14 Autominuten von seinem Wohnort Arni entfernt. «Es ist genau das, was ich gesucht habe», sagt Schönenberger. «Ich bin unterwegs und im Büro, ich lerne Leute kennen und ich habe keinen Stress mehr. Im Fussball bist du als Trainer 24 Stunden am Hirnen. Jetzt gehe ich am Abend zur Tür raus und kann die Familie oder den Freizeitsport geniessen.»

Markus Lüthi.

Markus Lüthi.

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Markus Lüthi, der Präsident des FC Thun Berner Oberland, sitzt in der Lobby des Hotels Schweizerhof in Bern. Am Vorabend haben er, Trainer Urs Fischer und Sportchef Andres Gerber am Thunersee einen feinen Fisch verspeist. Aber vor allem sind sie da in Klausur gegangen. «Unser strategisches Ziel ist die Super League», sagt Lüthi. Heikel: Wer als Spitzenklub den Ligaerhalt zum Ziel ausruft, wird des Tiefstapelns verdächtigt. Wer als Kleinklub Tabellendritter ist und von noch höheren Zielen spricht, dem wird Übermut vorgeworfen.

Lüthi ist auf der Suche nach einem geeigneten Transfermodell, nach einer möglichen Partnerschaft mit einem Klub im Ausland und versucht, den FC Thun mit dessen Einzugsgebiet von 250 000 Menschen noch tiefer im Oberland zu verankern. Er arbeitet darauf hin, die Jahresrechnung auch ohne Transfer erlöse und Europacupeinnahmen ausgeglichen zu gestalten. Mit der Challenge League mag er sich nicht beschäftigen. Der Fussball in der Stockhorn-Arena wäre nicht mehr finanzierbar. Lüthi, dessen Sohn Benjamin beim FC Thun gespielt hat und jetzt bei GC kickt, ist 2008 in den Verwaltungsrat gekommen und seit Oktober 2012 Präsident.

Der 57-Jährige ist ein Macher. Er baut eine Haustechnikfirma auf, schreibt ein Buch, spielt in einer Rockband, ist Vater und Grossvater – und führt den FC Thun. Sein Tag ist von fünf Uhr morgens bis zum Abend verplant. «Gestresst bin ich aber selten», sagt Lüthi. Er hat im August letzten Jahres einen Teil seiner Firma verkauft, was ihm erlaubt, mehr Zeit für den FC Thun aufzuwenden. 3000 Franken inklusive Spesen pro Monat bezieht er dafür.

Mit wem man auch spricht: Die meisten sagen, Lüthi sei ein Glücksfall für den FC Thun. Nur die Besitzer der Stockhorn-Arena nicht. Deren Vertreter Ferdinand Locher liegt mit Lüthi im Dauerzwist, die Verhandlungen sind festgefahren. 800 000 Franken sollen die Mietschulden betragen. «Die Miete ist zu hoch», sagt Lüthi. Der Vertrag sei einst unter falschen Prämissen unterschrieben worden. Er möchte nur noch die Hälfte zahlen, ansonsten sei die Zukunft des Klubs gefährdet.

Die wirtschaftliche Zielerreichung ist für den Verein ohnehin sehr anspruchsvoll. Im Februar hat Lüthi in einem Zeitungsinterview gesagt, der FC Thun Berner Oberland stehe vor dem Lichterlöschen. Wie durch ein Wunder hat dieser nun aber die Lizenz in erster Instanz erhalten. Lüthi will wegen der Differenzen mit den Stadionbesitzern aus taktischen Gründen nicht sagen, wie er dies geschafft hat.

Lüthi sieht den FC Thun «als Challenge», sagt, der Spassfaktor im Fussball sei dank Emotionen, Leidenschaft und Unberechenbarkeit grösser als in der Privatwirtschaft. Die Aktion des Vereins «Härzbluet für üse FC Thun», bei der bis jetzt 300 000 Franken zusammengekommen sind, rührt ihn. «Das ist der Hammer», sagt Lüthi.

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