Fussball-WM
Auf einer Stufe mit Pelé: Kylian Mbappé ist Frankreichs Rekordmann und möchte wie die Legende den WM-Titel verteidigen

Kylian Mbappé hat mehrere Rekorde von Pelé egalisiert. Nun will er wie die Legende den WM-Titel verteidigen. Doch im Moment dominieren in den Medien Wechselgerüchte und der Ausnahmekönner selber schweigt.

Raphael Gutzwiller
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Kylian Mbappé ist der Hoffnungsträger Frankreichs – und vom Gastgeber Katar.

Kylian Mbappé ist der Hoffnungsträger Frankreichs – und vom Gastgeber Katar.

Noushad Thekkayil / EPA

Für den Achtelfinal wird wieder der Sonntagsanzug aus dem Schrank geholt. Statt den Muanis, Fofanas und Guendouzis spielen wieder Dembelé, Griezmann und Mbappé. Im für Frankreich unbedeutenden letzten Gruppenspiel gegen Tunesien hatte eine B-Elf mit 0:1 verloren, gegen Polen am Sonntagabend wird wieder jene Offensive wirbeln, die dafür gesorgt hatte, dass Frankreich den Fluch des Titelverteidigers abgelegt hat, der in den letzten Austragungen stets in der Gruppenphase gescheitert war.

Im Scheinwerferlicht steht einer, der sich mit 23 mit den ganz Grossen der Fussballgeschichte messen lassen kann: Kylian Mbappé. Mit seinem Doppelpack gegen Dänemark ist der französische Stürmer der zweite Spieler unter 24 Jahren geworden, der an einer WM sieben Mal getroffen hat. 2018 war er zudem als zweiter Teenager Torschütze in einem WM-Final und auch der zweite Teenager, dem an der WM ein Doppelpack gelingt. Diese Marken hat vor ihm nur eine Legende geschafft: der dreimalige brasilianische Weltmeister Pelé.

Seit Brasilien 1962 hat keine Nation den Titel verteidigt

Geht es nach den französischen Fussballfans wären damit die Gemeinsamkeiten von Pelé und Mbappé noch nicht vorbei. Pelé hatte diese Rekorde an 1958 und 1962 aufgestellt. Damals wurde er mit Brasilien zweimal nacheinander Weltmeister. Seither ist es keiner Nation mehr gelungen, den Titel zu verteidigen.

Pelé ist im Spital

Die brasilianische Fussballlegende Pelé (82) ist am Dienstag mit Herzproblemen in ein Spital in São Paulo eingeliefert worden. Wie schwerwiegend die Probleme sind, ist derweil nicht bekannt. Der einstige Ausnahmestürmer musste sich im Februar einer Chemotherapie unterziehen und sitzt seit einiger Zeit hauptsächlich im Rollstuhl. Zum Start der WM in Katar meldete Pelé, dass er dennoch das Turnier intensiv verfolge.

Auch in der Rolle von Pelé und Mbappé gibt es Parallelen. Der Brasilianer konnte sich beim ersten Triumph 1958 erst während des Turniers einen Stammplatz erkämpfen und führte Brasilien schliesslich mit sechs Toren zum Titel. 1962 war Pelé dann als Leader des Teams angereist, auch wenn er wegen einer Verletzung in vielen Partien nicht auflaufen konnte. Mbappé ist in den letzten vier Jahren ebenfalls zu einem Anführer gereift.

Spätestens durch die Verletzung von Weltfussballer Karim Benzema ist das Scheinwerferlicht ganz auf ihn gerichtet. Etwas, was ihn nicht stört. Strahlt das Licht besonders hell, liefert Mbappé eindrücklich. Er geht im französischen Team voran. Trainer Didier Deschamps sagt: «Er ist ein Leader, auch wenn er nicht viel spricht. Er ist eine Lokomotive durch seine Taten.»

Der französische Nationaltrainer Didier Deschamps zusammen mit Kylian Mbappé.

Der französische Nationaltrainer Didier Deschamps zusammen mit Kylian Mbappé.

Noushad Thekkayil / EPA

Die Gerüchteküche brodelt und Mbappé schweigt

Tatsächlich ist der 23-jährige Pariser in diesen Tagen auch neben dem Platz schweigsam. In den ersten beiden Partien wurde er jeweils als Spieler der Partie ausgezeichnet. Eine solche Auszeichnung bringt gewöhnlich auch einen Medienmarathon mit sich. Doch Mbappé lässt die Termine sausen, dem französischen Verband droht nun sogar eine Busse. Grund für das Schweigen des französischen Stars: Fragen um seine Zukunft. Denn sie brodelt wieder, die Gerüchteküche.

Trotz des Korbs in Richtung Madrid im abgelaufenen Sommer soll Real weiter am Franzosen baggern. Auch andere Topklubs hoffen auf eine Verpflichtung des Kickers, dessen Wahl zum Weltfussballer nur eine Frage der Zeit scheint. Dieser soll nicht abgeneigt sein, seine Heimatstadt nun doch noch zu verlassen – obwohl er im Mai seinen Vertrag bei Paris St. Germain nach langem Transfer-Wirrwarr verlängert hatte. In drei Jahren soll er insgesamt über 630 Millionen Euro verdienen – so viel wie noch kein Sportler vor ihm.

Grund für den Zahltag sind nicht nur sportliche Ambitionen des Klubs, der endlich die Champions League gewinnen möchte, sondern auch die WM in Katar. Die Stars des mit katarischem Geld vollgepumpten Pariser Klubs stehen bei der WM in der Wüste in besonderem Fokus. Während der Gastgeber am Turnier chancenlos ausgeschieden ist, gilt Mbappé immer als das inoffizielle Gesicht Katars. Nach der Achtelfinalqualifikation Frankreichs titelte die Sportzeitung «L’Equipe»: «Le Qualif’ Mbappé». Es handelt sich um ein Wortspiel von Qualifikation und Kalif.

Wirbt im PSG-Trikot für Katar: Kylian Mbappé.

Wirbt im PSG-Trikot für Katar: Kylian Mbappé.

Christophe Petit Tesson / EPA

Nicht nur wegen seiner Verbindungen zu Katar hat sich der Blick auf Mbappé in der Aussendarstellung gewandelt. 2018 galt er nicht nur als Wunderkind auf dem Platz, er machte auch daneben positiv von sich reden. An Medienkonferenzen jonglierte er mit den Sprachen wie auf dem Platz mit dem Ball, zudem zeigte er sich äusserst grosszügig. Nach dem WM-Titel 2018 spendete er seine ganze Prämie von 432 000 Euro einer Wohltätigkeitsorganisation, die Sportveranstaltungen für körperlich behinderte Kinder ausrichtet.

Mbappé ist nicht mehr der Saubermann

Das Image des Saubermanns hält sich inzwischen aber nicht mehr. Stattdessen belustigt sich Mbappé über die Frage, warum PSG an nahe Auswärtsspiele mit dem Privatjet fliegt oder streitet sich mit dem französischen Fussballverband über Bildrechte, weil er noch mehr Geld erwirtschaften möchte. Spätestens aber mit seinem Verhalten bei PSG verspielte er sich einige Sympathien. Dort muss er Mittelstürmer spielen, was ihm nicht gefällt. Er quittiert dies mit Defensivverhalten, das einer Arbeitsverweigerung gleich kommt. Offensiv glänzt er weiter. In dieser Saison erzielte er für PSG in 20 Spielen 19 Tore.

Im französischen Nationalteam fühlt sich Mbappé wohl.

Im französischen Nationalteam fühlt sich Mbappé wohl.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Im Nationalteam fühlt sich Kylian Mbappé jedoch weit wohler als in Paris. «Mit Frankreich spiele ich anders. Sie verlangen von mir, hier andere Dinge zu tun als bei PSG. Hier habe ich viel mehr Freiheit», sagte er einmal. Bei den Franzosen spielt er auf der Aussenposition, nach Benzemas Verletzung besetzt Olivier Giroud die Position des Mittelstürmers, die er schon an der WM 2018 bekleidete.

Mbappé kann über die Aussen für Torgefahr sorgen. Mit 23 Jahren hat er schon 31-mal für Frankreich getroffen und ist mit Zinédine Zidane gleichgezogen. Es sind die Zahlen eines Rekordmanns, der sich nur mit dem wohl grössten Fussballer aller Zeiten messen lässt. Mit Pelé.