Fussball
Vor dem Final gegen Bulgarien: Elf Fragen und Antworten zur Schweizer Nati vor dem entscheidenden WM-Quali-Spiel

Die Schweiz trifft heute um 20:45 Uhr in Luzern auf Bulgarien. Was braucht es, um Italien doch noch abzufangen und sich direkt für die WM zu qualifizieren? Was zeigt Shaqiri in seinem 100. Länderspiel? Und was, wenn die Nati in die Barrage muss? Fragen und Antworten.

Etienne Wuillemin
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Die Stimmung draussen vor der Luzerner Swissporarena ist garstig. Der ­Nebel beisst sich in den Kleidern fest, es ist kalt. Doch davon ist nichts zu spüren, als Murat Yakin seine Aufwartung macht. Gut gelaunt posiert er für Fotos mit Fans und Passanten, die draussen vorbeigehen. Ein Mädchen ruft seinem Vater zu: «Weisst du, wie die Jungs morgen in der Schule staunen, wenn ich ­ihnen dieses Bild zeige!»

Ein paar Minuten später sitzt der Nationaltrainer drinnen in der Wärme. Der Montagabend rückt näher, Schweiz gegen Bulgarien, das entscheidende WM-Qualifikationsspiel. 14'300 Fans werden in Luzern dabei sein, das Stadion ist ausverkauft. «Ich erwarte ein tolles Publikum, das uns nach vorne treibt», sagt Yakin.

Die Schweizer Spieler beim Abschlusstraining in der Swissporarena.

Die Schweizer Spieler beim Abschlusstraining in der Swissporarena.

Bild: Ennio Leanza / Keystone (Luzern, 14. November 2021)

Der 47-Jährige wirkt ruhig, aber konzentriert. Genau ein Jahr und sechs Tage dauert es noch, bis am 21.11.2022 in Katar die Fussball Weltmeisterschaft eröffnet wird. Die Teilnahme an der WM ist das erste grosse Ziel für Yakin mit der Schweizer Nati. Doch was braucht es dazu genau?

Kann sich die Schweiz schon heute für die WM qualifizieren?

Ja – aber die Aufgabe ist schwierig. Nur der Gruppensieger reist mit Sicherheit an die WM nach Katar. Die Schweiz muss Italien also überholen. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder holt die Nati gegen Bulgarien mehr Punkte als Italien in Nordirland. Oder – falls beide siegen – die Nati gewinnt um mindestens zwei Tore höher als Italien, damit die Tordifferenz besser ist.

Das tönt kompliziert. Wie müssen die beiden Spiele ausgehen, damit die Nati Gruppensieger ist?

Es gibt einige Varianten. Am wahrscheinlichsten sind die folgenden:

  • Italien gewinnt 1:0, Schweiz 3:0.
  • Italien gewinnt 2:0, Schweiz 4:0.
  • Italien gewinnt 3:0, Schweiz 5:0.

Was ist, wenn Italien in Nordirland 2:1 gewinnt, reicht dann der Schweiz ein 3:0 gegen Bulgarien ebenfalls?

Nein, in diesem Fall würde Italien auf ein Torverhältnis von 15:3 kommen, die Schweiz auf 14:2. Beide Teams hätten zwar 12 Tore mehr geschossen als erhalten, aber weil Italien insgesamt eines mehr erzielt hätte, bliebe es Gruppensieger. Wenn nach dem letzten Spiel sowohl die Schweiz als auch Italien ein Torverhältnis von 14:2 (oder 15:3, 16:4, etc.) aufweisen, dann holt sich die Nati den Gruppensieg, weil sie in der Direkt­begegnung mit Italien vorne liegt – dank dem Auswärtstor beim 1:1 am Freitag, im Vergleich zum 0:0 anfangs September in Basel.

Genug der Rechnerei! Welchen Plan verfolgt Nationaltrainer Yakin, um die vielen Tore zu erzielen?

Die Schweiz braucht also mindestes drei Tore. Vielleicht auch mehr. Diese Ausgangslage könnte dazu verleiten, schon früh im Spiel alles nach vorne zu werfen. Genau dies will Nationaltrainer Murat Yakin verhindern. Er schaut eindringlich in die Runde der Journalisten und sagt: «Einfach blind drauflos rennen – das bringt gar nichts!» Ehe er präzisiert: «Bei allem Wissen darum, dass wir viele Tore erzielen müssen, brauchen wir auch Geduld und Konzentration. Wir müssen Respekt zeigen gegenüber Bulgarien. Wenn wir unsere Arbeit in der Defensive nicht seriös erledigen, wird es gefährlich. Die gute Organisation und die Intensität haben uns in den letzten Spielen stark gemacht. Das dürfen wir nicht einfach über Bord werfen. Gelingt uns das, bin ich überzeugt, dass wir zuschlagen, sobald es eine Möglichkeit gibt.»

Die Medienkonferenz mit Murat Yakin und Mario Gavranovic

Video: Detlev Munz / Keystone-SDA

Klar ist: Eine frühe Führung würde helfen. Dass es gerade so leicht geht wie beim ersten Aufeinandertreffen der beiden Teams im letzten März – die Schweiz führte nach 13 Minuten schon 3:0, am Ende stand es 3:1 – ist zwar nicht zu erwarten. Doch es wird wichtig sein, früh eine Euphorie im Publikum zu kreieren. Was wiederum zu einem Steigerungslauf führen könnte.

Muss die Schweiz wieder auf so viele Spieler verzichten wie in Italien?

Die personelle Situation ist sogar noch schlimmer geworden. Neben Captain Xhaka, Embolo, Elvedi, Seferovic, Zuber und Fassnacht fehlen neu auch noch Rodriguez wegen einer Verletzung im Oberschenkel und Akanji wegen einer Sperre. Vor allem in der Verteidigung wird die Lage langsam prekär. Gut möglich, dass Fabian Frei neben Fabian Schär spielt. Eray Cömert wäre die überraschende Alternative. Keine Option ist hingegen Bryan Okoh, der 18-Jährige verletzte sich im Abschlusstraining vor dem Italien-Spiel in Rom schwer am Knie, er wird mit einem Kreuzbandriss monatelang ausfallen.

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Ist dafür Stürmer Gavranovic nach seiner Fussverletzung wieder fit?

Darauf deutet alles hin. Gavranovic ­begleitet Yakin am Sonntag an die Medienkonferenz. Wobei ihn der Nationaltrainer mehrfach lobt. «Mario kann gegen Bulgarien mit seiner Erfahrung und seiner Cleverness eine wichtige Rolle spielen», sagt Yakin.

Murat Yakin (links) neben Mario Gavranovic an der Medienkonferenz.

Murat Yakin (links) neben Mario Gavranovic an der Medienkonferenz.

Bild: Ennio Leanza / Keystone (Luzern, 14. November 2021)

Gavranovic ist in guter Form. In den letzten vier Spielen mit seinem neuen Verein Kayserispor hat er drei Tore erzielt. Auch seine jüngsten Statistiken mit dem Nationalteam sind beeindruckend. In den sieben Spielen seit September 2019, in denen er mindestens 30 Minuten spielte, erzielte er neun Tore. Ein weiteres kam im Oktober in Litauen dazu, als er kurz vor Schluss eingewechselt wurde.

Und was sagt der Stürmer selbst? «Ich habe immer wieder gezeigt, dass ich gefährlich bin, egal ob von Anfang an oder als Joker. Natürlich habe ich auch jetzt grosse Lust darauf, Tore zu schiessen. Aber ich habe auch grosse Lust darauf, für die Mannschaft zu arbeiten.»

Xherdan Shaqiri absolviert heute sein 100. Länderspiel. Was dürfen wir von ihm zum Jubiläum erwarten?

30 Jahre alt ist Xherdan Shaqiri am 10. Oktober geworden. Nun knackt er als erst fünfter Schweizer die Marke von 100 Länderspielen. Dieses Jubiläum ist mit 30 noch niemandem gelungen. Heinz Hermann (118 Länderspiele), Alain Geiger (112), Stephan Lichsteiner (108) und Stéphane Chapuisat (103) waren allesamt älter bei ihrem hundertsten Nati-Einsatz. Weil Xhaka verletzt ist, darf Shaqiri die Schweiz auch noch als Captain aufs Feld führen. «Ein Traum» sei das, sagte er dem Schweizer Fernsehen.

Die Schweiz braucht gegen Bulgarien viele Tore: Nationaltrainer Murat Yakin diskutiert am Sonntag im Abschlusstraining mit Jubilar Xherdan Shqairi.

Die Schweiz braucht gegen Bulgarien viele Tore: Nationaltrainer Murat Yakin diskutiert am Sonntag im Abschlusstraining mit Jubilar Xherdan Shqairi.

Bild: Ennio Leanza / Keystone (Luzern, 14. November 2021)

Warum also nicht ein paar Shaqiri-Tore zum Jubiläum? «Mir wäre es auch recht, wenn es ein paar Assists werden…», sagt Murat Yakin. «Ich wünsche mir für ihn und das Team, dass wir nach dem Spiel so richtig feiern können. Dafür braucht es auch von ihm eine super Leistung mit vielen guten Entscheidungen.» Schliesslich fügt Yakin noch an: «100 Länderspiele, das ist eine super Marke. Shaqiri hat viele schöne und wichtige Erlebnisse hinter sich mit der Nati.» Hoffentlich kommen noch einige dazu – am liebsten bald an der WM 2022. Shaqiris Erinnerungen an den heutigen Gegner sind jedenfalls gut. 2011 schoss er in Basel gegen die Bulgaren einen Hattrick, und auch im letzten März traf er.

Was, wenn die Schweiz nach dem letzten Spiel Tabellenzweiter ist? Findet die WM dann ohne Nati statt?

Nein. In diesem Fall bestreitet die Schweiz Ende März 2022 die Barrage. Zwölf Teams spielen um drei weitere WM-Plätze.

Wie sieht der Modus dieser Barrage aus?

Wer an die WM kommen will, sowohl einen Halbfinal als auch einen Final gewinnen. Im Gegensatz zu ­früher (2005: Schweiz-Türkei oder 2017: Schweiz-Nordirland) gibt es ­allerdings keine Rückspiele mehr. Die Spiele finden Ende März 2022 statt.

Ist schon klar, auf wen die Schweiz in der Barrage treffen könnte?

Zu 100 Prozent sicher ist das noch nicht. Erst nach den letzten Spielen am Dienstagabend sind die zwölf Barrage-Nationen definitiv bekannt. Aber es gibt Szenarien, die ziemlich wahrscheinlich sind. Im Halbfinal dürfte die Schweiz auf eines der folgenden sechs Teams treffen: Schottland, Österreich, Tschechien, Wales, Ukraine oder Nordmazedonien. Die Nati würde dabei zu Hause spielen. Im Final könnten dann auch Teams wie Portugal, Russland, Polen, ­Türkei oder Schweden warten. Das Los bestimmt das Heimrecht. Alle Auslosungen finden am Freitag 26. November statt.

Wie gross wären die Chancen der Schweiz, die Barrage zu überstehen?

Die Aufgabe wäre herausfordernd, aber nicht unlösbar. Im Halbfinal wäre die Schweiz Favorit, der Final könnte ­tückisch werden – vor allem auswärts.

Sollte die Schweiz tatsächlich die Barrage bestreiten müssen, machen die beiden Unentschieden gegen Italien in dieser WM-Qualifikation indes viel Mut. Diese Spiele haben gezeigt, wie schwierig es ist, die Nati zu bezwingen. Es ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis in diesem ersten Herbst unter Murat Yakin. Aber noch darf die Schweiz ja von den direkten Qualifikation träumen.

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