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Vladimir Petkovic verlässt die Nati – und das sind seine Worte zum Abschied

Vladimir Petkovic hat den Schweizer Fussball geprägt. Mit ihm wurde das Siegen für die Nati zur Normalität. Wie muss nun sein Nachfolger ticken?

Etienne Wuillemin
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Vladimir Petkovic applaudiert während der EM im Juli nach dem Nati-Spiel der Schweiz gegen Spanien den Fans. Wahrscheinlich war dies sein letztes Spiel als Nati-Trainer.

Vladimir Petkovic applaudiert während der EM im Juli nach dem Nati-Spiel der Schweiz gegen Spanien den Fans. Wahrscheinlich war dies sein letztes Spiel als Nati-Trainer.

Keystone

Geht er? Oder kommt es doch noch in letzter Sekunde zur irren Wende? Die Frage nach der Zukunft von Vladimir Petkovic beschäftigt die Fussball-Schweiz auch am Dienstag. Kurz vor 18 Uhr vermeldet die französische Sportzeitung «L’Equipe», die selten unter einem Informations-Defizit leidet: «Petkovic wird neuer Trainer von Bordeaux».

Um kurz vor 21:30 kommt dann die Bestätigung des Schweizer Fussballverbands. «Nationalcoach Vladimir Petkovic verlässt den SFV», steht in der Medienmitteilung. Damit ist der Wechsel von Petkovic nach Bordeaux offiziell. Er erhält einen Dreijahresvertrag.

«Wir sind traurig, dass Vladimir Petkovic uns verlässt», erklärt SFV-Präsident Dominique Blanc, «aber wir sind Vlado sehr dankbar für sieben äusserst gute und erfolgreiche Jahre, die er uns als Nationaltrainer geschenkt hat. Nebst vielen anderen Höhepunkten während unserer Zusammenarbeit werden die überragenden Resultate und Emotionen der vergangenen EM in ewiger Erinnerung bleiben.» Und Nati-Direktor Pierluigi Tami fügt an: «Ich kann Vlado verstehen, aber ich bin enttäuscht, dass wir unsere erfolgreiche Zusammenarbeit frühzeitig beenden müssen. Wir stehen in einer sehr entscheidenden Phase der WM-Qualifikation, die wir gemeinsam begonnen haben und nun mit einem neuen Trainer weiterführen werden. Aufgrund von Vlados Wechselwillens müssen wir ihn schweren Herzens ziehen lassen.»

Der abtretende Nationaltrainer selbst sagt zum Abschied: «Ich danke den Verantwortlichen des Verbandes dafür, dass sie meinem Wunsch entsprochen haben und mich für eine neue Herausforderung weiterziehen lassen. Es waren sieben wunderbare Jahre mit der Schweizer Nati, die ich nie vergessen werde. Ich danke auch allen, die mich in dieser Zeit unterstützt und begleitet haben, um diese Erfolge für unser Land zu ermöglichen. Wir sind im Frühling mit zwei Siegen in die WM-Qualifikation gestartet. Nun wünsche ich der Nati, dass sie sich für die WM qualifizieren wird.»

Und so wird Petkovic bei seinem neuen Verein auf Instagram vorgestellt:

Mit Petkovic ist die Nati so gut geworden wie noch nie

Es zeugt von Grösse, dass der SFV Petkovic die neue Herausforderung ermöglicht. Es ist der Lohn für Petkovics grosse Verdienste in den vergangenen sieben Jahren als Nationaltrainer. Der 57-Jährige hat die Nati nach den Jahren unter Ottmar Hitzfeld weiterentwickelt. Petkovic hat der Schweiz einen offensiveren Spielstil vermittelt. Im Gegensatz zu früher überzeugte die Nati spielerisch sehr häufig. Gerade Siege gegen kleinere Nationen wurden zu einer Selbstverständlichkeit. Qualifikationen für grosse Turniere und danach für den Achtelfinal wurden entsprechend erwartet – nicht aus Übermut, einfach weil die Schweiz unter Petkovic so gut geworden ist, dass nie ein frühes Ausscheiden befürchtet werden musste.

Auch Assistent Manicone wechselt

Am vergangenen Sonntag wurde Petkovics Wunsch nach einer Veränderung öffentlich. Nun, zwei Tage später, sind die letzten Details bereits geklärt. Es ist im Sinne aller Beteiligter, dass nun Klarheit herrscht. Bordeaux wird den Schweizer Verband für Petkovics Abgang mit etwa einer halben Million Franken entschädigen. Es ist Geld, das der SFV in Zeiten von Corona gut gebrauchen kann. Mit nach Frankreich wechseln offenbar auch Petkovics Assistent Antonio Manicone und Sportkoordinator Vincent Cavin.

Und doch ist die pekuniäre Entschädigung nur ein schwacher Trost. Denn nun stehen die Verantwortlichen des Verbands unter Druck. Nicht einmal mehr fünf Wochen dauert es, bis der erste Nati-Zusammenzug nach der EM stattfindet. Es stehen die wegweisenden WM-Qualifikationsspiele gegen Italien (5. September) und in Nordirland (8. September) an. Zuvor findet am 1. September noch ein Testspiel gegen Griechenland statt.

Das bedeutet: Der neue Schweizer Nationaltrainer, wer auch immer es sein wird, erhält kaum Eingewöhnungszeit. Das ist, auch wenn er ein funktionierendes Gebilde übernimmt, nicht gerade eine traumhafte Ausgangslage.

Welche Qualitäten muss der Nachfolger von Petkovic mitbringen?

An Pierluigi Tami liegt es nun, den Kandidatenkreis zu verkleinern und den bestmöglichen Nachfolger für Petkovic zu eruieren. Auch für diesen Prozess wurde er vor gut zwei Jahren zum Nati-Direktor berufen. 2014 war Tami selbst noch als Trainer tätig. Und wegen seiner Erfolge als U21-Chef ebenfalls ein Kandidat für die Nachfolge von Ottmar Hitzfeld. Im Extremfall könnte er das Team zumindest übergangsmässig auch selbst betreuen. Die favorisierte Lösung ist das indes nicht. Der SFV strebt eine Dauerlösung an.

Pierluigi Tami, Direktor er Schweizer Fussball Nationalmannschaft, muss den neuen Trainer finden. Im Notfall könnte er selbst interimistisch einspringen.

Pierluigi Tami, Direktor er Schweizer Fussball Nationalmannschaft, muss den neuen Trainer finden. Im Notfall könnte er selbst interimistisch einspringen.

Chris Iseli

Die Fragen, die sich Tami nun stellen muss, sind durchaus tückisch. Der neue Mann an der Seitenlinie muss in den nächsten 18 Monaten nicht viel verändern. Das Gerüst der Mannschaft steht. Die Hierarchie stimmt. Die Chemie im Team ebenfalls. Es geht also vor allem darum, die Arbeit von Petkovic fortzuführen. Allzu viele Veränderungen würden während der laufenden WM-Qualifikation nur schaden.

Bei aller Problematik der Kurzfristigkeit bietet sich dem SFV nun auch die Chance, mit dem neuen Nationaltrainer die Nati etwas anders zu positionieren. Petkovics Stärke war der Fussball, der Aussendarstellung und Wahrnehmung des wichtigsten Sport-Teams im Land mass er etwas weniger Bedeutung zu. Das darf sich künftig durchaus ­ändern. Ein Trainer, der kommunikativ voran geht, und seine Aufgabe über den Fussballplatz hinaus begreift, wäre ­darum ein Gewinn.

Etwas überspitzt formuliert darf man darum festhalten: Der SFV sucht den Patrick Fischer des Fussballs. ­Fischer gelang es innert kürzester Zeit, dem Schweizer Eishockey mehr als nur eine Portion «Swissness» zu verpassen. Seine Strategie, auf totale Identifikation zu setzen, gegen innen und aussen, ging hervorragend auf. Petkovic verfolgte eine andere Strategie. Er wollte und hegte eine «Nati für alle», erachtete das Miteinander und Füreinander aber als allzu selbstverständlich. Eines ist jedenfalls klar, es hat sich nicht verändert: Auch der neue Mann an der Schweizer Seitenlinie muss mehr sein als nur ein Trainer.

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