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Nach 0:5-Demütigung gegen Rivalen Liverpool: Wie lange ist Klublegende Solskjær tragbar?

Seit drei Jahren ist Manchester United unter der Führung seiner Ikone Ole Gunnar Solskjær. Der Norweger wurde als Heilsbringer gefeiert. Mittlerweile fordern Fans und Presse aber sein Aus, von der Klubführung geniesst er aber weiterhin eine Sonderbehandlung. Warum ist das so?

Pascal Kuba
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Ex-Stürmer Ole Gunnar Solskjær steht bei Manchester United arg in der Kritik.

Ex-Stürmer Ole Gunnar Solskjær steht bei Manchester United arg in der Kritik.

Peter Powell / EPA

Barcelona an einem warmen Maiabend 1999. Im Camp Nou treffen anlässlich des Champions-League-Finals Bayern München und Manchester United aufeinander. Bis zur Nachspielzeit steht es 1:0 für ein überlegenes Bayern. Drei Minuten später jubelt jedoch der Gegner. Ole Gunnar Solskjær trifft zum 2:1. Die United-Anhänger singen, weinen, schreien, reissen ihre Hände empor und liegen sich in den Armen. Manchester United gewinnt nicht nur die Champions League. Als erster englischer Verein holt er das «Triple». Ein einziges Tor reicht, um den norwegischen Stürmer zur unantastbaren Legende zu erklären.

Solskjær (rechts von Torhüter Peter Schmeichel) mit der Hand am Champions-League-Pokal.

Solskjær (rechts von Torhüter Peter Schmeichel) mit der Hand am Champions-League-Pokal.

Keystone

Solskjær ist ein Überbleibsel der erfolgreichsten Ära von Manchester United. Ein Erinnerungsstück an eine bessere Zeit für den Klub, denn seit Sir Alex Ferguson 2013 in den Ruhestand ging, verschwand United im Rennen um Trophäen. Fünf Jahre später, bei seinem Amtsantritt als Trainer im Dezember 2018 waren deswegen die Hoffnungen auf die Rückkehr zum Erfolg, zum Titelanwärter, gross. Nach fast drei Jahren im Trainerstuhl Uniteds lässt sich jedoch sagen, dass Solskjær die Erwartung nicht erfüllen konnte. Sein grösster Erfolg ist ein zweiter Platz und ein verlorenes Endspiel in der Europa League. Die Fans stehen nicht mehr hinter ihm und wollen ihn weghaben. «Ole Out» ist der Grundtenor.

Die verheerende Niederlage gegen Liverpool

Das Fass zum Überlaufen brachte das Spiel am Sonntag. Mit 5:0 schoss Rivale Liverpool die «Red Devils» aus dem eigenen Stadion. Bereits nach einer Stunde verliessen die Anhänger das Old Trafford, eigentlich das «Theater der Träume», in Scharen. Viele hofften, dass dieses Debakel nur ein böser Traum war.

Gegen Liverpool war Manchester United chancenlos und kassierte 0:5-Abreibung.

Gegen Liverpool war Manchester United chancenlos und kassierte 0:5-Abreibung.

Martin Rickett / AP

Es war der bisherige Tiefpunkt in einer Saison, in der Manchester United mal wieder unter den Erwartungen bleibt. Erst das 2:4 gegen Leicester vor zwei Wochen und nun ein weiteres demoralisierendes Resultat. «Das hat sich schon seit fünf, sechs Wochen abgezeichnet», sagt Gary Neville, ehemaliger Mannschaftskollege von Solskjær, beim englischen «Sky Sports» nach dem Liverpool-Spiel. «Sobald sie gegen ein gutes Team antreten, werden sie in Stücke gerissen.»

Seit vier Spielen hat United in der Premier League nicht mehr gewonnen, dreimal davon verloren. Ole Gunnar Solskjær steht am Abgrund. «Das ist der dunkelste Tag meiner Trainerlaufbahn», sagt er nach dem Spiel am Sonntag. In der Champions League zeigt sich ein anderes Bild: Sechs Punkte nach drei Spielen bedeuten zwar den ersten Gruppenplatz. Zweimal musste United jedoch einen Rückstand drehen. Verantwortlich dafür war mehr Glück und individuelle Klasse als eine überzeugende Mannschaftsleistung. Das waren keine Aufritte eines Titelanwärters.

«Ich bin zu nahe dran, um aufgeben zu wollen»

Die Ankunft Cristiano Ronaldos in Kombination mit der Verpflichtung der Stars Jadon Sancho und Raphaël Varane lösten in Manchester eine Welle der Begeisterung aus. Die Leistung der Mannschaft und die Resultate offenbaren aber nun, dass Solskjær überfordert ist. Die traditionell unzimperliche englische Presse lässt ihn das spüren. Er selbst sagt am Sonntag: «Ich kann nicht aufgeben, dafür hat der Klub einen zu grossen Platz in meinem Herzen.»

Solskjær konnte die Antwort auf Uniteds Probleme noch nicht finden.

Solskjær konnte die Antwort auf Uniteds Probleme noch nicht finden.

Martin Rickett / AP

Sein Status im Klub brachte ihm einen grossen Vorschuss an Vertrauen. Die Übungsleiter vor ihm, José Mourinho und Louis Van Gaal, hätten diese Phase keineswegs überlebt. Obwohl sie bereits mit Pokalen nach Manchester kamen und als Trainer galten, die mit ihrer Härte die Siegermentalität heraufbeschwören könnten. Im Vergleich zu ihnen kann Solskjær in seiner Trainerkarriere nur ein gescheitertes Engagement bei Cardiff City und zwei norwegische Meistertitel mit Molde vorweisen.

Klubführung verliert Glaubwürdigkeit

Nicht nur Solskjærs Fähigkeiten, auch die der Klubführung wurden entblösst. Anstatt in einer sich wiederholenden Krise konsequent zu handeln, hält man weiterhin an ihm fest, in guten wie in schlechten Zeiten. Zu gross ist die Angst, die Fans nach dem Wirrwarr um die europäische Super League erneut zu vergraulen. Dabei könnte ihre Einschätzung dem Empfinden der Anhänger nicht ferner sein. Solskjær fungiert für sie als Markenzeichen, als funkelndes Erbe, als Marketingobjekt. Der Trainer, der als Zukunftslösung deklariert wurde, ist eher ein Relikt für Fussballromantiker.

Nun stellt sich die Frage, wie lange United an Solskjær festhalten wird. In der Premier League warten auf die «Red Devils» mit Tottenham, Manchester City, Arsenal und Chelsea harte Brocken, am Dienstag geht es in der Champions League zu Atalanta Bergamo. Es ist die perfekte Möglichkeit, die Kritiker verstummen zu lassen und seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Kann er das Ruder nochmals herumreissen? Geschafft hat er das schon einmal. Damals, an einem warmen Abend im Mai 1999 in Barcelona.

Ole Gunnar Solskjærs Bilanz bei Manchester United fällt bisher ungenügend aus.
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Mit Barcelona konnte Pep Guardiola in vier Jahren insgesamt 14 Titel gewinnen, inklusive des erstmaligen Gewinns einer Mannschaft des «Sextuples».
Auch Zinédine Zidane agierte als Trainer erfolgreich: Elf Titel bescherte er dem Trophäenkabinett von Real Madrid, darunter dreimal hintereinander die Champions League.
Jupp Heynckes ist zwar eher als Bayern-Trainer bekannt, ist aber bei Mönchengladbach eine Spielerikone. Die Borussia trainierte Heynckes von 1979 bis 87 und eine halbe Saison 2006/07. In seiner ersten Periode mit Gladbach gewann er den UEFA-Pokal.
Weniger erfolgreich sah es bei Frank Lampard aus: Nach eineinhalb Jahren wurde er als Trainer des FC Chelsea entlassen. Sein grösster Erfolg war der Einzug in den FA-Cup-Final.
Ronald Koeman muss momentan mit dem FC Barcelona die schwerste Krise des letzten Jahrzehnts durchmachen.
Schwierig hat es auch Mikel Arteta. Der Spanier ist seit Dezember 2019 bei Arsenal engagiert und gewann mit den «Gunners» den FA Cup und den englischen Superpokal. In der Liga lief es dafür gar nicht rund.
Mittelfeldregisseur Andrea Pirlo war in der Saison 20/21 Trainer von Juventus, danach wurde er aber entlassen.
Mauricio Pochettino spielte 275 Spiele für Espanyol Barcelona und war als Trainer von Januar 2009 bis November 2012 engagiert.
Seinen ersten Cheftrainerposten hatte Jürgen Klopp bei Mainz inne, für die er auch als Profi 325 Spiele absolvierte.
Hansi Flick war nur zwei Saisons Trainer seiner Bayern, gewann aber 2020 das «Sextuple».
Torjäger Pippo Inzaghi war als Trainer sowie Spieler für Milan engagiert, wobei sein Spielerkarriere erfolgreicher verlief, als seine Tätigkeit als Trainer.
Pippos jüngerer Bruder Simone Inzaghi war von 1999 bis 2010 Spieler von Lazio Rom und trainierte seinen Ex-Klub von 2016 bis 2021. Mit den Römern gewann Inzaghi zweimal den italienischen Superpokal und wurde einmal Coppa-Italia-Sieger.
Der ehemalige walisische Flügelflitzer war als Co-Trainer und Nationaltrainer tätig. Auch seine Karriere war als Spieler glänzender.

Ole Gunnar Solskjærs Bilanz bei Manchester United fällt bisher ungenügend aus.

Peter Powell / EPA

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