Schwingen

Fürs Spitzentreffen der Bösen in Kilchberg heisst es: Alle gegen die Berner

Ein Jahr nach dem Eidgenössischen in Burgdorf wird erwartet, dass die Berner Schwinger um die beiden Könige Matthias Sempach und Kilian Wenger auch den Kilchberger Schwinget dominieren werden. Die Berner stellen die fünf meistgenannten Favoriten.

Der grosse Schwinger-Boom blieb vor dem Höhepunkt dieser Saison noch aus. Derweil vor einem Jahr niemand darum herum kam, sich schon im Vorfeld mit dem auf dem Boden der Gemeinde Kirchberg BE stattfindenden "ESAF" (Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest) auseinanderzusetzen, generierte der Schwinget im zürcherischen Kilchberg im Vorfeld kaum Aufmerksamkeit.

Vor einem Jahr huldigten 250 000 Besucher auf dem Festgelände nicht nur dem "Hoselupf", sondern auch der Folklore, alten Bräuchen, Schweizer Kost und Festseligkeit. Ein derartiges Fest passt in die Agglomeration Zürichs bedeutend weniger gut als ins volkstümliche Emmental. Die Austragungsstätte, das Gut "Uf Stocken", liegt mitten in einer der am stärksten überbauten Gegenden der Schweiz, 400 m neben der Autobahn, 700 m neben dem Ufer des Zürichsees und bloss vier Kilometer Luftlinie weg vom Hauptbahnhof Zürich.

Ein Triumph in Kilchberg ist zwar durchaus prestigeträchtig, weil nur die besten 60 Schwinger teilnehmen dürfen, er ist andererseits aber weniger wert als der Sieg an einem Eidgenössischen oder am Unspunnenfest, welches ebenfalls nur alle sechs Jahre stattfindet.

Auf der historischen Unspunnenmatte wurde schon im 18. Jahrhundert geschwungen; das erste offizielle "Eidgenössische" fand 1895 statt. Diese grosse Tradition fehlt dem Kilchberger: erst 1927 erfolgte die Premiere, damals sogar gegen den Willen des Schwingerverbandes. Der Jurist Emil Huber, der Gründer des Fests, lud die Besten zu einer wilden Revanche-Veranstaltung für das Eidgenössische von 1926 ein, weil er mit dem Ausgang des Eidgenössischen in Luzern nicht einverstanden gewesen war.

Stucki wie Meli?

Eine Revanche fürs Eidgenössische ist der Kilchberger-Schwinget geblieben. Es sieht jedoch ganz danach aus, als ob die Berner auch in Kilchberg wieder dominieren werden. Die Aussichten der übrigen vier Teilverbände (Innerschweiz, Nordostschweiz, Nordwestschweiz, Südwestschweiz) sind trüb. Zwar stellen sie durchaus Athleten, die den Berner Favoriten ein Bein stellen können. Aber dass sich einer gegen die gesamte bärenstarke Berner Mannschaft durchsetzen kann, erscheint unwahrscheinlich. Denn die Berner agierten in den letzten vier Monaten noch dominanter als in den Vorjahren. Wo die Berner mitschwangen, gab es für die anderen Verbände kaum eine Chance auf den Tagessieg.

Die Überlegenheit der Berner ist noch viel erdrückender als jene der Nordostschweizer vor zehn, zwanzig Jahren (Jörg Abderhalden, Nöldi Forrer, Stefan Fausch). Die Berner stellen am Sonntag mit den beiden Königen Matthias Sempach und Kilian Wenger sowie dem Titelhalter in Kilchberg, Christian Stucki, nicht nur die drei Topfavoriten, sondern mit Florian Gnägi und Matthias Siegenthaler auch die aussichtsreichsten Siegesanwärter hinter dem Favoritentrio.

Praktisch jeder der 15 selektionierten Berner ist für eine Überraschung gut. Bei den Bernern scheint auch die Mischung zu stimmen: es gibt Routiniers wie Thomas Zaugg (Sieger Schwägalp 2012) und der unverwüstliche Bodenspezialist Willy Graber, Geheimfavoriten wie Simon Anderegg und Nachwuchshoffnungen wie Remo Käser (Sohn von Schwingerkönig Adrian Käser), Matthias Aeschbacher oder Philipp Reusser. Christian Stucki könnte als erst zweiter Schwinger (nach Karl Meli 1967 und 1973) zweimal in Kilchberg triumphieren. Stucki gewann das letzte Fest vor sechs Jahren dank eines gestellten Schlussgangs gegen Matthias Sempach.

Die Trümpfe der Berner Gegner

Wer könnte den Bernern die Suppe versalzen? Der einzige Nicht-Berner unter den ersten Fünf der offiziellen Jahreswertung ist der 26-jährige Ostschweizer Daniel Bösch. Der Sirnacher belegt vor dem Kilchberger in diesem Ranking der Saison 2014 hinter Sempach und Wenger, aber vor Stucki und Gnägi den 3. Platz.

Bösch gewann vor drei Jahren sensationell den Unspunnen-Schwinget, startete vor einem Jahr mit drei Festsiegen in die eidgenössische Saison, verletzte sich danach aber am Knie und verpasste das ESAF in Burgdorf. Auch heuer errang Bösch wieder fünf Festsiege. Aber gegen die Bösen aus den übrigen Teilverbänden gelang ihm kein Stich. Und er bezwang in dieser Saison auch noch keinen der Berner Mitfavoriten.

Neben Bösch ruhen auf dem 35-jährigen Toggenburger Nöldi Forrer, dem Schwingerkönig von 2001, die Hoffnungen der Nordostschweizer. Forrer fehlte es in dieser Saison oftmals an Konstanz. Gut zum Ausdruck kam das auf dem Brünig, wo er im ersten Gang Matthias Sempach die erste Niederlage als Schwingerkönig zufügte, dann aber dennoch den Kranz verpasste. Auch die schnittigste Waffe der Innerschweizer, Philipp Laimbacher (32), ist in die Jahre gekommen. Die Erwartungen der Innerschweizer vor Kilchberg sind so klein wie noch nie vor einem Anlass mit eidgenössischem Charakter.

Demgegenüber liebäugelt der kleine nordwestschweizerische Verband damit, die Berner mit Vehemenz herauszufordern. Er verfügt mit Christoph Bieri, Mario Thürig und Bruno Gisler gleich über drei Trümpfe. Die Nordwestschweizer Mitfavoriten waren vor einem Jahr in Burgdorf die ersten, die aus der Entscheidung fielen, entsprechend motiviert präsentiert sich die Delegation, diese Scharte auszuwetzen.

"Unser Ziel ist eine Schlussgangqualifikation", sagt Stefan Strebel, der Technische Leiter. Die grosse Zuversicht basiert auf Bieris ex-aequo-Sieg auf dem Weissenstein (gegen die stärksten Berner) und dem souveränen Triumph von Mario Thürig auf der Schwägalp. Keine Rolle spielen zwei Jahre vor dem nächsten Eidgenössischen in Estavayer-le-lac die Südwestschweizer. Nur vier, und unter ihnen kein Eidgenosse, qualifizierten sich für Kilchberg.

Fellers Hauptprobe

Für Estavayer übt am Sonntag auch der ehemalige bernische Spitzenschwinger Samuel Feller, der neue Technische Leister des Eidgenössischen Schwingerverbandes, der in Kilchberg erstmals als Einteilungschef wirkt. Als TK-Chef der Berner bis 2013 half Feller mit, die Berner Dominanz aufzubauen. "Aufgrund des bisherigen Saisonverlaufs ist damit zu rechnen, dass der Kampf um den Tagessieg über die Berner führt.

Dennoch erhoffe ich mir gute Leistungen der anderen Verbände, damit es bis zum Schluss spannend bleibt", so Feller. Je stärker die Innerschweizer und die Nordost- und Nordwestschweizer schwingen, desto länger kommen Feller und die Einteilung darum herum, Berner gegeneinander antreten lassen zu müssen. Feller: "Wenn es die Situation aber nicht anders zulässt, werde ich mich nicht davor scheuen, Verbandsduelle anzusetzen." 

Verfolgen Sie den Kilchberger Schwinget am Sonntag ab 8.00 Uhr in unserem Live-Ticker.

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