Die Weltmeisterschaften 2019 finden vom 4. bis 13. Oktober in Stuttgart statt. Es werden keine gewöhnlichen Titelkämpfe. Erstmals wird der Turn-Weltverband FIG auf die 3D-Lasertechnik zur Bewertung von Übungen setzen.

Das auf Initiative von FIG-Präsident Morinari Watanabe (59) vom japanischen Fujitsu-Konzern entwickelte Verfahren zerlegt die Aufnahmen dreier Kameras in 1000 Einzelbilder, erfasst jeden Winkel sowie die minimalste Abweichung von technischen Bestlösungen.

Dank dieser plastischen, dreidimensionalen Bilder soll mittels objektivierter Bewertung der Schwierigkeitsgrad (D-Note) bestimmt werden. Nach Meinung des japanischen Weltturn-Präsidenten Watanabe wird das Bewertungsverfahren für mehr Fairness und Gerechtigkeit sorgen. Die technische Hilfe soll einen ähnlichen Effekt haben wie im Fussball der Video Assistant Referee (VAR), der an der WM 2018 in Russland erfolgreich eingeführt worden war.

3D-Lasertechnik im Kunstturnen.

3D-Lasertechnik im Kunstturnen.

Für den ehemaligen Nationalkader-Turner Kevin Rossi (28) vom BTV Luzern ist es keine Überraschung, dass auch in seiner Sportart der technische Fortschritt Einzug hält. «Die Automatisierung und Digitalisierung schreiten in vielen Bereichen voran, darum habe ich erwartet, dass sie auch im Kunstturnen eingesetzt werden», sagt Rossi. «Das wird die Zukunft sein, selbst wenn die Technik derzeit noch in der Entwicklung ist.»

In der Schweiz noch nie eingesetzt

Kevin Rossi ist gespannt, wie weit die 3D-Lasertechnik schon ist. Für den Luzerner ist die Sache besonders interessant, weil er je in einem 50-Prozent-Pensum als Informatiker arbeitet und Informatik studiert. Zudem ist er dem Turnsport als Kampfrichter mit internationaler Lizenz erhalten geblieben. Wie sehr der technische Support für mehr Fairness und Gerechtigkeit sorgt, kann Rossi nicht schlüssig beantworten.

Er selbst ist bisher nur an Wettkämpfen in der Schweiz im Einsatz gestanden und darum noch nicht mit der 3D-Lasertechnik in Berührung gekommen. «Entscheidend für die gerechtere Benotung ist die Genauigkeit des Systems», stellt er fest. Kevin Rossi ist überzeugt, dass auch in Zukunft «noch Kampfrichter gebraucht werden, um die Kontrollen zu machen». Wichtig sei die Beantwortung der Frage: «Wie fehleranfällig ist das System?»

Damit ist er der gleichen Meinung wie der Technische Koordinator der FIG, Steve Butcher aus den USA, der klarstellt: «Es geht nicht darum, die Kampfrichter zu ersetzen. Die Technik soll ein Instrument für die Referees sein, die Übungen besser bewerten zu können.» Kevin Rossi findet, dass die 3D-Lasertechnik als Kontrollfunktion eingesetzt werden sollte: «Wenn ich als Kampfrichter auf das gleiche Resultat gekommen bin, dann ist es gut.»

2020 auch bei Olympia

Kritik hatte es zuletzt vor allem gegeben, weil das System sehr teuer ist und damit im Breitensport nicht finanzierbar zu sein scheint. Auch in diesem Bereich bestehen Parallelen zum Videoassistenten im Fussball. Nach Ansicht von Kevin Rossi wird es im Turnen «wahrscheinlich noch länger dauern, bis die Technik auf nationaler Ebene eingeführt wird».

An internationalen Turnwettkämpfen soll die Videotechnik dazu beitragen, dass die Zuschauer in der Halle und vor den TV-Bildschirmen die Notengebung besser verstehen. Kevin Rossi findet die Vorstellung reizvoll, «wenn man dem Zuschauer live visualisieren kann, wie der Schwierigkeitsgrad mit der D-Note und die Abzüge mit der E-Note berechnet worden sind».

Im ambitionierten Zeitplan von FIG-Präsident Watanabe mit der Premiere an den Weltmeisterschaften in neun Monaten in Stuttgart und der anschliessenden Perfektionierung für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio sieht Kevin Rossi keine Gefahr:

«Die Technologie ist bereits 2017 getestet worden, ausserdem dienen die WM 2018 in Doha als Referenz, weil sie dort inoffiziell im Einsatz gewesen ist.» Und: «Meiner Meinung nach ist der Weltturnverband so weit, um die 3D-Lasertechnik an den Titelkämpfen in Stuttgart einzuführen.»