Abenteuer

Für den Planeten und Greta Thunberg riskiert der Deutsche Boris Herrmann bei seiner ersten Weltumseglung sein Leben

Die Vendée Globe ist ein Einzelrennen, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, führt zur Disqualifikation. Und doch ist der Deutsche Boris Herrmann bei seiner ersten Teilnahme nicht ganz alleine unterwegs.

Wäre sie eine echte Insel, sie wäre traumhaft gelegen - zwischen Hawaii und Kalifornien. Doch der Great Pacific Garbage Patch verfügt weder über Sandstrand noch Palmen. Er besteht aus Müll, vorwiegend aus Plastik, und das auf einer Fläche von 1,6 Millionen Quadratkilometern. Das entspricht knapp 39 Mal der Schweiz. Und die Müllsuppe aus Flaschen, Containern, Fischernetzen, Mikropartikeln und weiterem Unrat wird immer grösser. Es ist eine Realität, vor der man gut die Augen verschliessen kann. Für die meisten Menschen ist die Müllinsel so weit weg Hawaii oder Kalifornien.

Nicht für die Segler, die an der Vendée Globe teilnehmen, einem Rennen, das von der französischen Westküste einmal rund um die Welt führt, vom stark befahrenen Pazifik bis zu den einsamsten Punkten der Weltmeere, fernab jeglicher Zivilisation. Doch selbst dort treiben die Spuren des Konsums. Der Schweizer Segler Alan Roura sah schon Kühlschränke und aufgeblähte Kühe, einmal kollidierte der Genfer mit einem unbekannten Gegenstand. Noch kann man auf den Ozeanen unberührte Natur erleben, doch der Klimawandel lässt sich auch hier nicht mehr wegdiskutieren.

«Als Segler lebe ich mit dem Ozean»

Einer, der das in den kommenden drei Monaten aus nächster Nähe sehen wird, ist Boris Herrmann. Am Sonntag brach der 39-Jährige in Les Sables-d'Olonne als erster Deutscher zur Vendée Globe auf. Vor ihm liegen über 40'000 Kilometer Seeweg. Wind und Wetter ausgesetzt, Schlafmangel, Einsamkeit und Verzicht sind ständige Begleiter, die Welt komprimiert auf wenige Quadratmeter. Mindestens ein Drittel der Teilnehmer wird scheitern. Mastbrüche, zerfetzte Segel, Kollisionen mit Walen und Kenterungen gehören zur Tagesordnung. Ein Drittel des Rennens führt durchs eisige Südpolarmeer. Bei acht Austragungen starben zwei Segler.

Doch Boris Herrmann wird sich nicht alleine fühlen.

Beim Segeln sei es wie im Motorsport. «Es ist zwar der Pilot, der fährt, aber über 80 Prozent der Leistung sind von einem grossen Team vordefiniert, durch vier Jahre gemeinsames Training», sagte er dem «Spiegel». Und weil sein ganz Abenteuer ein Schlaglicht auf den Klimawandel werfen soll.

Boris Herrmann und Greta Thunberg sind ein eingespieltes Team – an Land, auf dem Boot und im Kampf gegen den Klimawandel.

Boris Herrmann und Greta Thunberg sind ein eingespieltes Team – an Land, auf dem Boot und im Kampf gegen den Klimawandel.

«A Race We Must Win» prangt auf dem Segel der «Seaexplorer». Ein Rennen, das wir gewinnen müssen. Ein Rennen gegen die Verschmutzung des Planeten. Ein Rennen gegen den Klimawandel. Herrmann sagt: «Als Segler lebe ich mit dem Ozean. Ich verbringe viel Zeit auf dem Wasser. Und ich bemerke Veränderungen. Es gibt weniger Seevögel, dafür riesige Seegrasfelder. Eine andere Eissituation in der Antarktis, aber auch in der Arktis.» Seine Botschaft lautet: «Wir sind alle in einem Wettlauf gegen die Zeit, die uns im Kampf gegen den Klimawandel wegzulaufen droht.»

Auf dem Meer wurde Greta Thunberg zur Freundin

Es ist die gleiche Botschaft, die auch die Umweltschützerin Greta Thunberg hatte, mit der Herrmann im vergangenen Jahr mit der Yacht von Plymouth nach New York an die UNO-Klimakonferenz gesegelt ist. Herrmann sagt: «Ich habe Greta als unglaublich inspirierende Person kennengelernt. Ihr Mass an Engagement und Einsatz ist immens, und die Art, wie sie die Ozeanüberquerung gemeistert hat, war ebenfalls ­inspirierend. Und wir sind auf dem Meer Freunde geworden.» Eine Begegnung, die Herrmann dazu inspiriert hat, die Vendée Globe auch als Plattform nutzen zu wollen.

Boris Herrmann mit Greta Thunberg bei der Ankunft in New York.

Boris Herrmann mit Greta Thunberg bei der Ankunft in New York.

Herrmanns Boot ist mit Sensoren und einem automatisierten Labor an Bord ausgestattet, das ihm ermöglicht, laufend verschiedene Meeresdaten (Salzgehalt, pH-Wert und Kohlendioxid) zu messen und diese Daten dann in Echtzeit an Forschende des Max-Planck-Instituts für Meeresbiologie in Bremen, beim Zentrum für Ozeanforschung in Kiel und des französischen Meeresforschungsinstituts Ifremer mit Hauptsitz in Issy-les-Moulineaux südwestlich von Paris zu übermitteln. Es ist das erste Mal überhaupt, dass ein Datensatz von einer vollständigen Reise um die Welt erhoben wird.

Boris Herrmann bei der Überquerung des Atlantiks mit der Klimaaktivistin Greta Thunberg und deren Vater Svante.

Boris Herrmann bei der Überquerung des Atlantiks mit der Klimaaktivistin Greta Thunberg und deren Vater Svante.

Zudem wird Herrmann einen profilierenden Driftkörper, eine autonome Messstation, die Salzgehalt und Wassertemperatur überwacht, aussetzen, in Zusammenarbeit mit dem Programm der Zwischenstaatlichen Ozeanografischen Kommission (IOC) der UNESCO. Bei der Vendée Globe segelt Herrmann in den Farben des Yacht Club de Monaco, dessen Präsident Pierre Casiraghi ist, der Enkel von Fürst Rainier III. von Monaco und der Schauspielerin Grace Kelly. Unter dem Projekt Malizia Ocean Challenge verbinden die beiden Segelsport, Wissenschaft und Bildung.

Bis heute wurden mehr als 10'000 Schulkinder mithilfe eines eigens für sie konzipierten mehrsprachigen Lernpakets für das Leben der Ozeane sensibilisiert und über den Klimawandel aufgeklärt.

Vendée Globe: Boris Herrmann beim Essen

Vendée Globe: Boris Herrmann beim Essen

Es ist Boris Herrmanns Beitrag in einem Rennen, dessen Ausgang offen ist. Der Vater einer erst viereinhalb Monate alten Tochter wird bei der Vendée Globe mit den Wetterextremen, Schlafmangel, Einsamkeit und vielleicht auch mit Halluzinationen zu kämpfen haben. Eine Garantie dafür, dass er irgendwann das Ziel erreicht, gibt es nicht. Auf dem Spiel steht nicht nur die Zukunft des Planeten. Sondern auch Boris Herrmanns Leben.

© CH Media

Meistgesehen

Artboard 1