«Ja doch, es ist schön hier», sagt Tadesse Abraham und lässt breit grinsend seine Augen über den wunderbaren Ipanema-Strand schweifen, auf welchem sich die Einwohner Rios, die Cariocas, tummeln und sich dem Müssiggang hingeben. Doch was nach Ferien aussieht, ist für Abraham nur eine surreale Momentaufnahme kurz vor dem absoluten Höhepunkt seiner Karriere.

Der gebürtige Eritreer, der 2004 als Flüchtling in die Schweiz kam und der seit 2014 den roten Pass mit dem weissen Kreuz besitzt, tritt morgen zum Marathon an. Dem traditionellen, krönenden Abschluss aller Olympia-Wettbewerbe.

Schon allein der Gedanke daran, dass er jetzt hier am Fuss des Zuckerhuts Teil des grössten Sportanlasses der Welt sein darf, löst beim 33-Jährigen Glücksgefühle aus. Er hätte nicht im Traum daran gedacht, überhaupt einmal in dieser Lage zu sein. Schon gar nicht, als er sich 2004 in Belgien an der Junioren-WM zusammen mit einem Teamkollegen von seiner eritreischen Equipe absetzte. Die Flucht endete schliesslich in Uster in einem Asylantenheim.

Zwölf Jahre später sitzt Tadesse Abraham in Rio de Janeiro, eingekleidet im offiziellen Schweizer Olympia-Tenue, an einer Pressekonferenz und beantwortet die Fragen der Journalisten auf Deutsch und Französisch. Kein Wunder spürt man angesichts dieses unglaublichen Werdegangs, wie schwer es ihm fällt, seine Gedanken zu ordnen und in Worte zu fassen. Ist ja auch eine verrückte Geschichte.

Verzicht auf Eröffnungsfeier

Aber Tadesse Abraham ist nicht nach Rio de Janeiro geflogen, um einfach mal ein bisschen die Atmosphäre zu geniessen. Auf die Eröffnungsfeier hat er – im Gegensatz etwa zu seinem Schweizer Teamkollegen Christian Kreienbühl – freiwillig verzichtet. Nicht einmal am TV hat er die Festivitäten und die anderen Wettkämpfe verfolgt. Um morgen Sonntag auch wirklich bereit zu sein, hat Abraham viel in Kauf genommen.

Er hat seinem olympischen Traum dieses Jahr alles untergeordnet. Auch seine Familie, Frau Senaid und Sohn Elod (3), die er nur etwa zwei Monate lang gesehen hat. Ansonsten war Abraham ein halbes Jahr unterwegs. Zuletzt reiste er Anfang Juni nach Äthiopien ins Trainingslager, flog von dort aus direkt nach Amsterdam an die Europameisterschaft und gleich wieder zurück nach Afrika, ehe er am letzten Mittwoch, wiederum ohne Zwischenhalt in der Schweiz, nach Rio de Janeiro dislozierte.

«Natürlich ist das schwierig. Ich übe einen sehr harten Beruf aus», sagt er. «Aber meine Frau und mein Sohn verstehen, dass es so sein muss», sagt Abraham. «Die Resultate haben gestimmt. Ich habe viele Rennen gewonnen. Das ist auch für sie der Beweis, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Und ausserdem ist Olympia nur alle vier Jahre. Gut möglich, dass dies hier eine einmalige Chance für mich ist.»

Im fernen Äthiopien, in der Nachbarschaft jenes Landes, dass er als junger Mann verlassen hatte, verbrachte Abraham aus zwei Gründen viel Zeit. Erstens konnte er sich dort in eine starke Trainingsgruppe integrieren. Zweitens war es dort möglich, permanent auf über 2800 Metern Höhe zu trainieren – im Gegensatz zur Schweiz. «St. Moritz ist ein wunderschöner Ort, aber nur 1800 Meter hoch gelegen. Und es macht einfach keinen Spass, immer allein zu trainieren», erklärt Tadesse Abraham, der in Eritrea selber auch in einer Höhenlage über 2000 Metern aufgewachsen ist.

Bleibt die Frage, ob sich der ganze Aufwand am Ende auch resultatmässig auszahlt. An der Europameisterschaft gewann Tadesse Abraham die Goldmedaille im Halbmarathon. Auf der bereinigten Jahresbestenliste im Marathon ist er auf Platz acht klassiert. Vielenorts wurde spekuliert, dass es dem Schweizer am Sonntag unter idealsten Umständen sogar zu einer Medaille reichen könnte. Davon will Abraham allerdings nichts wissen. Er will sich auf kein Rangziel festlegen. Sowieso – egal, wie das Rennen letztlich für ihn ausgeht: Eine wunderbare Geschichte hat er so oder so schon geschrieben.

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Grafik: Elia Diehl

Cartodb: Olympische Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro