Spritzensport #1
Frühlingsgefühle am Lac Léman

In diesen Tagen findet in Lausanne der 14. Jahreskongress der Welt-Antidoping-Agentur Wada statt. Aufbruchstimmung macht sich breit im Kampf gegen Betrug. Die mehr als 900 Teilnehmer aus der Szene bedeuten ebenso Rekord wie die Erhöhung des Wada-Budgets um acht Prozent. Positive Gefühle auf der Jagd nach positiven Proben.

Rainer Sommerhalder
Rainer Sommerhalder
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Alle wichtigen Player des internationalen Sports orientieren sich am Genfersee über die aktuellen Kernthemen in einem Kampf, der nicht gewonnen werden kann und bei dem auch nie ganz klar ist, wer überhaupt welche Rolle spielt und welche Position bezieht. Allen Unkenrufen zum Trotz lautet das diesjährige Motto: «Die Zukunft des sauberen Sports gestalten».

Nach zwei kräfte- und nervenraubenden Jahren im Auge des russischen Dopingskandals will man vorwärtsschauen, Altlasten hinter sich lassen. Erstmals arbeitet die Wada mit einem Vierjahresplan. Zehn strategische Prioritäten hat sie sich gesetzt. So wird die vom deutschen Kriminalpolizisten Günther Younger geführte Abteilung «Fahndung und Ermittlung» von drei auf sieben Personen aufgestockt. Denn das neue Whistleblower-Tool «Speak Up» zur Meldung von Dopingverdacht wird rege genutzt – im ersten Jahr 209 Mal. Acht von zehn Wada-Untersuchungen laufen aufgrund von Whistleblowern.

Zerreisprobe zwischen Politik und Konsequenz

Auch die finanzielle Hilfe für den Aufbau von nationalen Agenturen in Drittwelt-Ländern, was den Kampf gegen Doping betrifft, wird um 180 Prozent auf 3,9 Mio. Dollar aufgestockt. Und das Wada-Budget für wissenschaftliche Forschung, das fatalerweise in den letzten Jahren von 7 Mio. auf mickrige 1,6 Mio. Dollar schrumpfte, wird sukzessive bis 2021 wieder auf 3,5 Mio. jährlich angehoben.

Nur in einem Punkt sind dem Frühlingserwachen am Lac Léman vorerst Grenzen gesetzt. Zwar erklärt Juri Ganus, der neue Chef der russischen Antidopingagentur (Rusada), den Konferenzteilnehmern leidenschaftlich, wie unabhängig seine dank westlicher Hilfe in den vergangenen 15 Monaten komplett neu aufgebaute Behörde inzwischen ist.

Aber nach wie vor ist sie nicht zugelassen. Die Wada führt und kontrolliert, die 5144 im Jahr 2017 in Russland genommenen Proben werden im Ausland untersucht (59 positive Fälle). Erst wenn der russische Staat den Vorwurf des systematischen Betrugs anerkennt und die Wada Zugang zu den Daten und Proben des Moskauer Labors erhält, werden bei der Rusada die Stützräder entfernt. Doch was passiert, wenn das gar nie geschieht? Eine weitere Zerreissprobe für den Sport im Spannungsfeld zwischen Politik und Konsequenz.