Gepriesen als «Fusion von Sport und Natur», trägt der gläserne, zur Hälfte im Boden versenkte Neubau im botanischen Garten den Namen von Simonne Mathieu. Der Platz, der 4950 Zuschauern Platz bietet, ist ein echtes Unikum. Umrahmt wird das Bijou im Garten Eden von vier Treibhäusern, jeder Flügel präsentiert dabei die Flora eines anderen Kontinents: Afrika, Südamerika, Australien und Asien.

Kein Platz wäre für Stan Wawrinkas Rückkehr nach Paris passender gewesen als dieser. In Genf, wo er in der ersten Runde scheiterte, sagte der 34-Jährige: «Ich bin langsam am Ende meiner Karriere angelangt.» Doch mit Gedanken an den Rücktritt beschäftigt er sich nicht. «Es ist mein Ziel, wieder Titel gewinnen zu können.» Den bislang letzten seiner 16 Turniersiege feierte er 2017 beim Heimturnier in Genf. Im gleichen Sommer folgte mit zwei Operationen am linken Knie die grösste Zäsur seiner Karriere.

Im Oktober 2017 trennte sich sein Trainer Magnus Norman von ihm, was Wawrinka tief verletzte. Die Pause habe ihn dazu gezwungen, sich mental und körperlich zu erholen. Doch vor allem habe er auch gemerkt, auf wen er sich verlassen könne - und auf wen nicht. «Ich hatte viel Zeit, um über mich und meine Karriere nachzudenken», sagt der Romand über die schwierigste Zeit seines Lebens. Nach den French Open im Vorjahr rutschte der Romand er in der Weltrangliste bis auf Rang 285 ab.

«Das ist bereits ein Erfolg»

Doch das Turnier markiert auch den Wendepunkt. Wawrinka besinnt sich auf alte Weggefährten, spricht sich mit Norman aus und bindet seinen langjährigen Freund und Co-Trainer Yannick Fattebert noch stärker in seine Planung ein. Ein Jahr später ist Wawrinka zwar noch nicht ein Anwärter auf Grand-Slam-Turniersiege, steht aber wieder unter den Top 30 der Weltrangliste. «Das ist bereits ein Erfolg», sagt er.

Doch er sagt auch, dass es ihm nicht reiche. Nicht, nach der Karriere, die er bisher hatte. Drei Grand-Slam-Turniere hat Stan Wawrinka gewonnen, dabei im Final jeweils die aktuelle Nummer 1 der Welt besiegt. Es ist auch sein eigener Massstab. Danach gefragt, ob er sich als Anwärter auf den Sieg sieht, sagte er nach dem 6:1, 6:7 (3:7), 6:2, 6:3 gegen den Slowaken Jozef Kovalik (ATP 132) in der ersten Runde der French Open: «Es ist schwierig, zu sagen, wo ich stehe. Ich trainiere und fühle mich gut und hoffe, dass ich das hier zeigen kann. Ich glaube immer noch an mich.» Der Sieg auf dem Court Simonne-Mathieu, diesem Treibhaus, soll ihm Herbst der Karriere weitere Frischluft verschaffen.

Zuletzt hatte es in Stan Wawrinkas Umfeld auch eine gewisse Unruhe gegeben, nachdem über eine Trennung von seiner langjährigen Freundin Donna Vekic spekuliert worden war. In Genf von einem lokalen Online-Portal auf die Veränderung in seinem Privatleben angesprochen, sagte er: «Ich hatte viele Veränderungen in meinem Leben. Ich habe mich weiterentwickelt. Ich kann die Dinge jetzt besser trennen.» Er handhabe die Dinge heute anders als vor zehn Jahren.

Die grössten Emotionen

Augenscheinlich ist, dass er sich dabei auf alte Weggefährten besinnt. Auf Magnus Norman und Yannick Fattebert. Als Schlüsselfigur für seine Erfolge bezeichnete er aber stets Fitnesstrainer Pierre Paganini, mit dem er inzwischen – wie auch Roger Federer – seit über einem Jahrzehnt zusammenarbeitet. Der verschwiegene Romand war neben der Familie auch die wichtigste Stütze in den dunklen Stunden nach den zwei Knieoperationen. «Ohne ihn», sagte Wawrinka, «hätte ich wohl aufgehört.»

Gedanken wie diese sind derzeit weit weg. Gegen Kovalik präsentierte er sich in glänzender Spiellaune, wehrte alle Breakchancen gegen sich ab und schlug 19 Asse. Am Mittwoch trifft er auf Cristian Garin (ATP 37), der sich im letzten Jahr in der Weltrangliste um über 130 Plätze verbessert hat. Auf Sand gewann der Chilene die Turniere von Houston und München, wo er auf dem Weg in den Final mit Alexander Zverev die aktuelle Nummer 5 der Welt besiegte.

Roland Garros ist das Turnier, das bei Stan Wawrinka mit den grössten Emotionen verbunden ist. 2005 gewann er hier bei den Junioren. 2015 schlug er Roger Federer und gewann später den Titel. Es sind Resultate wie diese, die er im Herbst der Karriere anstrebt. Und damit Spiele auf den grössten Plätzen, nicht auf dem Court Simonne-Mathieu. Doch die Frischluft aus dem Treibhaus - sie nährt den Glauben daran, dass er noch einmal einen grossen Pokal in die Höhe stemmen kann. Wieso nicht die Coupe des Mousquetaires?