Super League
Frey sein - Einer der wenigen Charakterköpfe im Schweizer Fussball

Er trägt YB im Herzen, aber Blau-Weiss auf der Brust. Das ist Michi Frey (23). Ein kreativer Querschläger. Manche würden sagen ein Irrer. Mit Sicherheit ein Missverstandener

Sébastian Lavoyer
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Michi Frey wie er leibt und schreit: Der FCZ-Stürmer feiert sein Tor zum 1:1 gegen Thun in der zweiten Runde, sein erstes Saisontor im Dienste des FC Zürich.

Michi Frey wie er leibt und schreit: Der FCZ-Stürmer feiert sein Tor zum 1:1 gegen Thun in der zweiten Runde, sein erstes Saisontor im Dienste des FC Zürich.

Andy Müller / freshfocus

Er wuchtet sich aufs Gitter und schreit in die Ostkurve, in die Gesichter der YB-Fans. Sekunden zuvor hat Michi Frey, das Berner Eigengewächs, das 2:2 gegen Vaduz erzielt. Es war der Ausgleich an diesem Sonntagnachmittag Anfang April, der Ausgleich gegen den späteren Absteiger in der 92. Minute. Und während seine Teamkollegen zum Mittelkreis zurückspurten, weil sie das Spiel noch drehen und einem peinlichen Punktverlust entrinnen wollen, jubelt Frey, als hätte er eben den WM-Final entschieden. Was ist denn in den gefahren?

Michael Frey lässt seine Emotionen gern raus

Michael Frey lässt seine Emotionen gern raus

Keystone

«All die negativen Emotionen, die sich in den letzten Wochen angestaut hatten, schrie ich mir in diesem Moment von der Seele. Ich bin einer, der für den Fussball lebt», sagte er tags darauf im Gespräch mit der «Berner Zeitung». Das bescheidene Resultat gegen den bescheidenen Gegner war ihm zu diesem Zeitpunkt schlicht egal. So tickt er, Michi Frey. Er lebt seine Gefühle, sagt, was er denkt. Auch wenn er damit aneckt oder für Kopfschütteln sorgt.

Durststrecke beendet

An diesem Sonntag musste der Frust raus. Der Frust einer fast viermonatigen Durststrecke (seinen letzten Treffer erzielte er zuvor am 11. Dezember beim 3:2 gegen Thun). Der Frust über seinen Status im Team. Im Winter holte YB den Ivorer Roger Assalé (23). Klein, wendig und unglaublich schnell. Für Adi Hütter ist schnell klar: Assalé ist die perfekte Ergänzung zu Guillaume Hoarau (33), dem Langen im YB-Sturm, dem Ballhalter, dem Knipser. Frey verliert an Bedeutung, muss untendurch.

Uli Forte, FCZ-Trainer:

«Man kann ihn nicht stoppen. Selbst wenn es ihm nicht läuft, steht er immer
wieder auf.»

In der Endabrechnung hat in der Meisterschaft letzte Saison kein YB-Stürmer mehr Minuten gekriegt als Frey (1779). Aber das reichte ihm nicht, er wollte eine wichtigere Rolle einnehmen im Team, als er das in Bern diese Saison hätte tun können. Denn hätte sich Guillaume Hoarau (1634 Minuten) nicht im Frühling 2017 an der Hüfte verletzt, wäre das Resultat ein anderes gewesen. Auch der Fakt, dass Yuya Kubo (935 Minuten) in der Winterpause ging und Roger Assalé (908 Minuten) erst dann kam, führte dazu, dass niemand mehr Einsatzzeit hatte als Frey. Die Hierarchie aber war klar: Waren Hoarau und Assalé gesund, spielten sie.

Die Mär vom Kunstschüler

Aber Frey wollte nicht die Bank drücken, er wollte Tore schiessen, war auf Wiedergutmachung aus. Er sehnte sich nach der Liebe der Fans. Jene Liebe, die plötzlich weg war, als er YB im Herbst 2014 überraschend verliess und zu Lille in die Ligue 1 wechselte. Überhastet, fanden damals viele Berner Anhänger. Knappe zwei Saisons bei YB hatte er da auf dem Buckel und dann ging er. Er, der Junge mit der «Bärner Schnurre», aufgewachsen in Münsingen, knappe 15 Minuten von Bern entfernt. Und dann geht er einfach so. Mitten in der Saison.

Michael Freys Wechsel nach Frankreich wurde nicht überall verstanden

Michael Freys Wechsel nach Frankreich wurde nicht überall verstanden

KEYSTONE/MARCEL BIERI

In Frankreich konnte sich Frey nicht durchsetzen. Auch weil er sich im dümmsten Moment den Knöchel bricht. Kurz nach dem Trainerwechsel. Als er wiedergenesen ist, lässt er sich zum FC Luzern ausleihen, arbeitet sich aus dem Tief. FCL-Trainer Markus Babel bemüht sich sehr um ihn, doch im Sommer zögert Frey nicht lange, als die Young Boys anklopfen. Er will zurück zu seiner grossen Liebe, zurück zu den Young Boys, dem Klub der ihn geformt hat, der Stadt, die ihn zu dem gemacht hat, der er ist.

Kreativer Querschläger

Mit 14 Jahren wechselt er vom FC Münsingen zu YB. «Rasenmäherli» nannten sie ihn zu Hause und jetzt also sollte er den Platz in der Hauptstadt mähen. Frey ist ein Fussball-Verrückter, ein kreativer Querschläger und -denker. Im Zeichnen findet er bis heute einen Ausgleich. Nach der obligatorischen Schulzeit schafft er die Aufnahme zum Vorkurs der Hochschule für Gestaltung in Bern.

Bis heute wird Frey deswegen oft als Kunstschüler bezeichnet. Tatsache ist, dass er genau einmal in seiner Vorkurs-Klasse war, um seinem Lehrer zu sagen, dass er wohl öfter fehle. Auch wenn die Bezeichnung Kunstschüler überrissen scheint, in seiner unangepassten Art, seiner unverstellten Direktheit hat er vieles, was einen Künstler auszeichnet.

Bei YB hatte Frey starke Konkurrenten

Bei YB hatte Frey starke Konkurrenten

Keystone/ANTHONY ANEX

In seinem letzten Jahr in Bern musste er merken, dass er und seine Art nicht immer auf Gegenliebe stossen. Und er musste anerkennen, dass die Konkurrenz bei YB wohl zu stark ist, als dass er eine wichtigere Rolle hätte spielen können. Doch Frey ist jung, er will spielen, er muss, wenn er irgendwann wieder in den Kreis der Nationalmannschaft rücken will. Noch immer einer seiner Träume. Daraus macht er kein Geheimnis. So offen und ehrlich ist er.

Wechsel zu Zürich

So wechselt er im Sommer zum FC Zürich, zu Trainer Uli Forte, seinem einstigen Förderer bei YB. Und plötzlich blüht Frey auf. Trotz verschossenem Penalty hat er bisher in vier Partien zwei Tore geschossen und eine Vorlage gegeben. «Eine gute Quote», wie Forte findet. Der Grund für Freys starken Beginn? Forte setzt auf ihn, er war ein Wunschtransfer. «Er ist ein Mentalitätsmonster. Man kann ihn nicht stoppen. Selbst wenn es ihm nicht läuft, steht er immer wieder auf», schwärmt er.

Wie wird Frey gegen YB auftreten?

Wie wird Frey gegen YB auftreten?

KEYSTONE/CHRISTIAN MERZ

So taff Frey mit fast 1,90 Metern und breiten Schultern wirkt, so sehr braucht er das Vertrauen, Aufmerksamkeit, einen Trainer, der ihn auch mal lautstark zurechtweist, um dann wieder zu loben. Wird er nicht verstanden, geht nichts. Und in Bern war dieses Verständnis irgendwie weg. Respektive war es wohl nach seinem ersten Abgang nie mehr wirklich zurückgekommen.

Heute also trifft Frey auf seine Jugendliebe, seinen Herzensverein, auf YB. Er wird spielen, daraus macht FCZ-Forte kein Geheimnis. Er setzt auf ihn. Seine einzige Sorge: Dass Frey übermotiviert sein könnte, dass er zu viel will. Wie letzte Saison in Bern, als aus Wille plötzlich Frust wurde.