Pyeongchang

Fraueneishockey und Weltpolitik: Der IIHF-Präsident sollte mit dem Friedensnobelpreis belohnt werden

Abordnung zwischen Nord- und Südkorea: Die beiden Länder kommen sich – zumindest sportlich – an den Olympischen Spielen in Pyeongchang näher.

Abordnung zwischen Nord- und Südkorea: Die beiden Länder kommen sich – zumindest sportlich – an den Olympischen Spielen in Pyeongchang näher.

Die olympischen Bronze-Schweizerinnen von 2014 dürfen heute als Eishockey-Gegnerinnen des vereinigten Korea Weltgeschichte schreiben. Sie sind das erste Team, das auf dieses sportliche und politische Projekt trifft.

Nord- und Südkorea bilden gemeinsam ein Team fürs olympische Turnier. Ein sportdiplomatisches Meisterstück, das René Fasel, dem Präsidenten des Internationalen Hockeyverbandes (IIHF), den Friedensnobelpreis einbringen sollte.

Vier Jahre internationale Überzeugungsarbeit waren notwendig. Und Geheimhaltung. Erst am 17. Januar wurde das Projekt offiziell bestätigt. Vorher hatte ein kleiner Kreis von weniger als 20 Personen an der Mission gearbeitet. So konnte verhindert werden, dass alle möglichen Kreise gegen dieses politisch hochbrisante Vorhaben intrigieren konnten.

Das Einverständnis der nord- und südkoreanischen Regierungen war nicht das einzige Problem. Das politische Okay kam so spät, dass es auch sportliche Einwände gab. Die südkoreanische Nationaltrainerin Sarah Murray (eine Tochter von Eishockeytrainer Andy Murray) hatte ihr Team intensiv vorbereitet. Es war ihr nicht zuzumuten, kurz vor den Spielen die Hälfte ihrer Spielerinnen wieder auszuladen.

Mindestens 3 Nordkoreanerinnen

IIHF-Sportdirektor Dave Fitzpatrick hat den rettenden Kompromiss gefunden: Statt 25 dürfen die beiden Korea 35 Spielerinnen für die Spiele melden. Davon kommen 12 aus Nordkorea.
Dagegen erhoben unter anderem die helvetischen Funktionäre vergeblich Einspruch: es sei eine sportliche Verfälschung, wenn ein Team so viele Spieler nominieren dürfe, und ein Verstoss gegen die Reglemente. Womit sie streng genommen recht haben, aber in einer so grossen, hockeywelthistorischen Sache etwas gar bünzlig dastehen.

Sarah Murray als Trainerin des Team Korea

Sarah Murray als Trainerin des Team Korea

Aufs Matchblatt kommen, wie bei allen anderen Teams, 22 Spielerinnen. Mindestens drei davon müssen Nordkoreanerinnen sein. An der Bande ist ein Platz für Nordkorea reserviert und wird vom nordkoreanischen Nationaltrainer Pak Chol-Ho eingenommen. Er arbeitet als Assistent von Sarah Murray.

Eigentlich sollte die Integration der Nordkoreanerinnen kein Problem sein, sie sprechen die gleiche Sprache. Aber im Norden sind Anglizismen strengstens verboten. Damit sind für die Nordkoreanerinnen die Hockey-Fachausdrücke unbekannt. Rund ein Drittel der im südkoreanischen Alltag gebräuchlichen «ausländischen» Wörter sind im Norden tabu. Also muss Sarah Murrays Assistent übersetzen.

Auch die Weltpolitik spielt eine Rolle. Die US-Firma Nike stellt die Bekleidung für Hockeyteams her. Wegen der Sanktionen gegen Nordkorea dürfen sie aber die Leibchen für das vereinigte koreanische Team nicht fabrizieren. Das finnische Unternehmen Takla ist eingesprungen.

Die internationalen Sanktionen sind für Nordkoreas Hockey ein fast unlösbares Problem und entsprechend ist die sportliche Bedeutungslosigkeit. Die Männer stehen in der Weltrangliste auf dem 39., die Frauen auf dem 25. Platz.

Schweizer Hobby-Teams nach Nordkorea gereist

Ausrüstungen dürfen nicht nach Nordkorea geliefert oder von den Spielerinnen und Spielern aus einem anderen Land mit nach Hause genommen werden. Wie kommen trotzdem Pucks, Schlittschuhe, Ausrüstungen und Stöcke für die 2320 registrierten Spielerinnen und Spieler ins Land? IIHF-Präsident René Fasel antwortet auf solche Fragen: «Die internationale Eishockey-Familie hält zusammen.»

Der hockeyfamiliäre Zusammenhalt funktioniert. Ausländische Teams, die in Nordkorea spielen, lassen ihre Ausrüstungen dort zurück. Es gibt sogar Schweizer Hobby-Teams, die für Freundschaftsspiele nach Nordkorea gereist sind.

Auf Anfrage bestätigt René Fasel, dass der Internationale Eishockeyverband offiziell aus Bundesbern wegen diesem mutmasslichem Unterlaufen der Sanktionen gerügt worden ist, und zeigt Verständnis: «Die machen ja auch nur ihre Arbeit.»

Theoretisch ist die Schweiz heute (13 Uhr MEZ) als olympisches Bronze-Team von 2014 und Nummer 6 himmelhoher Favorit. Theoretisch. Doch die Koreanerinnen sind besser, als es die Weltranglistenposition (25.) vermuten liesse. Vor dem Spielen sind sechs Amerikanerinnen eingebürgert worden. Allesamt Weltklassespielerinnen.

Unsere Spielerinnen sind sich ihrer hockeyweltgeschichtlichen Rolle als erste Gegnerinnen des vereinigen Korea wohl bewusst. Sie haben ganz offensichtlich fleissig ihr Verslein geübt. Wer nach dem grossen Spiel fragt, bekommt sinngemäss stets die gleiche Antwort: Es sei schön, dass der Sport völkerverbindend sei. Wo sie recht haben, da haben sie recht.

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