Beachvolleyball
Frauen top, Männer flop: So verloren die Schweizer Beachvolleyballer den Anschluss

Weshalb die Männer – im Gegensatz zu den Frauen – den Anschluss an die Beachvolley-Weltspitze verpasst haben. Entscheidend war dafür ausgerechnet die frühere Dominanz der Schweizer Männer.

Pascal del Negro
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Eines von zwei Schweizer Frauen-Duos mit Weltklasse-Format: Joana Heidrich (l.) und Anouk Vergé-Dépré.

Eines von zwei Schweizer Frauen-Duos mit Weltklasse-Format: Joana Heidrich (l.) und Anouk Vergé-Dépré.

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Plötzlich explodiert die Stimmung auf dem Gstaader Centre-Court. Die Zuschauer schwenken ihre rot-weissen Fahnen und flippen förmlich aus. Soeben haben sich Joana Heidrich und Anouk Vergé-Dépré im Viertelfinal gegen ihre brasilianischen Konkurrentinnen Elize Maia/Taiana Lima im Tiebreak durchgesetzt. Die Masse ist begeistert und feiert ihre Heldinnen.

Diese Szene ist fast schon sinnbildlich für den Aufschwung der Schweizer Beachvolleyballerinnen. Mit Heidrich/Vergé-Dépré (10) und Tanja Hüberli/Nina Betschart (9) befinden sich zwei Teams in den Top Ten der Weltrangliste. Beide standen in dieser Saison bereits auf einem World-Tour-Podest und werden die Schweiz vom 28. Juli bis 6. August in Wien an der WM vertreten.

Anouk Verge-Depre (vorne) und Joana Heidrich sind in Gstaad Publikumslieblinge.

Anouk Verge-Depre (vorne) und Joana Heidrich sind in Gstaad Publikumslieblinge.

Keystone

Ganz anders sieht es bei den Männern aus. Von ihnen wird in der österreichischen Hauptstadt niemand dabei sein. Wie bereits vor einem Jahr in Rio an den Olympischen Spielen. Auch da waren die Frauen mit zwei Duos vertreten. Dabei waren die Männer hierzulande lange das Vorzeigebeispiel für den Beachvolleyball. Um die Jahrtausendwende war die Schweiz in Europa die Nummer eins. Vier Europameistertitel in Serie ab 1998 belegen dies eindrücklich. Dazu kommen weitere neunmal EM-Edelmetall, zwei Silbermedaillen an Weltmeisterschaften, einmal Olympiabronze sowie die zwischenzeitliche Führung in der Weltrangliste durch die Brüder Paul und Martin Laciga. Erfolge, von denen man heute meilenweit entfernt ist.

Problematische Dominanz

Doch wie konnte das passieren? Laut Markus Egger, dem heutigen Headcoach der Schweizer Männer, war genau diese Dominanz das Problem: «Wenn man, wie wir früher, so viele starke Teams hat, blockiert das den Rest.» Auf der Tour dürfen pro Turnier und Nation maximal vier Teams antreten – eines davon muss durch die Qualifikation. Gibt es mehr Teams mit Ambitionen, müssen nationale Ausscheidungen gespielt werden. «So ab 2001 hatten wir stets drei bis vier Teams, die gesetzt waren. Dahinter kamen zwar immer wieder talentierte Spieler, doch wir waren ihnen einfach zu weit voraus», sagt Egger. Er war selbst Teil dieser goldenen Generation – mit dem EM-Titel 2001 zusammen mit Sascha Heyer als persönlichem Höhepunkt.

Markus Egger: «Wenn man, wie wir früher, so viele starke Teams hat, blockiert das den Rest.»

Markus Egger: «Wenn man, wie wir früher, so viele starke Teams hat, blockiert das den Rest.»

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Die jungen Spieler hatten unter diesen Umständen kaum Chancen, richtig Fuss zu fassen. Einzig durch den Rücktritt eines Arrivierten wurden Plätze frei. So konnten zumindest einige Spieler wie Sébastien Chevallier oder Jan Schnider eingebunden werden. Dieses System funktionierte lange, bis 2012 eine Welle von Rücktritten die Schweizer Beachvolleyballszene erfasste. Auf einen Schlag traten drei, vier dieser «Pioniere» zurück. «Da entstand ein Vakuum», blickt Sascha Heyer zurück, «plötzlich gab es fast nur noch junge Spieler, die es richten mussten, aber noch nicht dazu bereit waren.» Man hat es also verpasst, einen fliessenden Übergang zwischen zweier Generationen zu schaffen.

Anders lief es währenddessen bei den Frauen. Da stellte man Duos aus jungen und arrivierten Spielerinnen zusammen und legte damit die Basis für eine erfolgreiche Zukunft. Nadine Zumkehr, die bis Ende letzte Saison noch ein Duo mit Anouk Vergé-Dépré bildete, erlebte diesen Wandel hautnah mit. Sie gerät ob der aktuellen Situation ins Schwärmen: «Wir hatten im letzten Jahr zwei Frauenteams an den Olympischen Spielen, das ist grandios! Und auch in dieser Saison gibt es wieder zwei gute Duos. Wir haben eine reife Generation und eine rosige Zukunft in Aussicht.»

Nadine Zumkehr erlebte den Wandel im Schweizer Beachvolleyball.

Nadine Zumkehr erlebte den Wandel im Schweizer Beachvolleyball.

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Leistungszentrum trägt Früchte

Zumkehr streicht auch die Arbeit des Nationalen Leistungszentrums (NLZ) in Bern heraus. Das Projekt startete 2009, vollamtliche Trainer kümmern sich seither um die professionelle und einheitliche Förderung der Beachvolleyballer. «Es hat seine Zeit gebraucht, aber nun trägt das Leistungszentrum Früchte. Früher mussten die Teams alles selber regeln, nun werden sie sehr gut betreut», ist Zumkehr erfreut.

Wieso aber funktioniert dies bei den Frauen, nicht aber bei den Männern? Auf diese Frage hat Sascha Heyer eine überraschende Antwort «Ich sage es mal so: In manch anderer Sportart hätte man Trainer mit diesem Leistungsausweis längst entlassen.»

Sascha Heyer: «Ich sage es mal so: In manch anderer Sportart hätte man Trainer mit diesem Leistungsausweis längst entlassen.»

Sascha Heyer: «Ich sage es mal so: In manch anderer Sportart hätte man Trainer mit diesem Leistungsausweis längst entlassen.»

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«Das System ist nicht das Problem», fährt Heyer fort, «wie es funktionieren kann, machen Sebastian Beck und Christoph Dieckmann bei den Frauen vor.» Auch das Spielermaterial ist laut dem 44-Jährigen bei den Männern absolut vorhanden. «Wir haben viele junge Spieler mit unglaublicher Qualität. Das sind Rohdiamanten, die noch geschliffen werden müssen. Aber erfahrene Ausbildner und grosses Spielerpotenzial in Kombination heisst noch lange nicht, dass sich auch der Erfolg einstellt.»

Anderer Meinung ist da Sebastian Beck, Headcoach der Frauen. Durch die Arbeit im Leistungszentrum in Bern ist auch er mit der momentanen Situation des Männer-Nationalteams vertraut, die Trainer stehen im ständigen Austausch. Für ihn ist klar: «Wir haben keine Personalprobleme.» Harte Arbeit und Geduld – das ist laut Beck das Erfolgsrezept. «Man muss einen konsequenten Weg gehen – auch die Trainer. Für einige Spieler geht es nun darum, ihre Komfortzone zu verlassen», erklärt Beck, «es wird kein leichter Weg und wir müssen kämpfen dafür. Aber das müssen andere Nationen auch.»

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