Wenn Regula S. zur Arbeit fährt, kann es vorkommen, dass sie nicht weiss, wie oder wann sie wieder nach Hause kommt. Vielleicht, weil sie am Autosalon Genf – in Turnschuhen und dem Blitzlicht ausweichend – einen Sportler zu einem öffentlichen Termin begleiten muss. Vielleicht, weil sie Tausende Kilometer weit weg aus einem Flugzeug gestiegen ist, um einen Sportler zu überraschen.

S. ist Dopingkontrolleurin. Den Begriff «Fahnderin» liest ihr Arbeitgeber, Antidoping Schweiz, nicht gern. Dabei kommt er der Tätigkeit näher. Das Folgen eines Athleten auf Schritt und Tritt, bis dieser eine Probe abgegeben hat, nennt sich im Jargon «beschatten», auch das Wort «aushorchen» fällt im Gespräch. Weil bei diesen Aufgaben das Unerkanntsein Voraussetzung ist, darf weder ein Foto noch ihr richtiger Name veröffentlicht werden.

S. ist seit rund drei Jahren als Kontrolleurin im Einsatz. Sie ist eine von fünf Personen bei Antidoping Schweiz, die diese Aufgabe ausfüllen. Als frühere Arztgehilfin darf die 36-Jährige neben Urin- auch Blutproben abnehmen. Da sich mit den Verfahren unterschiedliche Substanzen nachweisen lassen, reicht eines nicht aus, um ein komplettes Bild zu haben. Nicht immer lassen sich infolge logistischer Hürden sowohl Urin- als auch Blutprobe nehmen.

Man kennt die Geschichten von Sportlern, die darauf warten, bis sie endlich Wasser lassen können. Das dauert. Manchmal Minuten, manchmal Stunden. Und wer Mühe hat, unter Beobachtung zu pinkeln, wird einer besonders harten Probe ausgesetzt: Bei Urinproben haben der Kontrolleur (bei Männern) respektive die Kontrolleurin (bei Frauen) Sichtkontakt. Das mag übertrieben wirken, doch die Raffinesse mancher Athleten kennt kaum Grenzen. Im vergangenen Jahr wurde ein italienischer Leichtathlet gesperrt, weil er aus einem Kunststoffpenis sauberen Urin in das Teströhrchen laufen gelassen hatte. Ein Kniff, den übrigens schon Diego Maradona angewandt haben soll. Derlei hat S. noch nicht erlebt, dank Hartnäckigkeit will sie es erst gar nicht so weit kommen lassen. «Wir lassen uns nicht auf der Nase herumtanzen – oder versuchen zumindest, dass das nicht passiert», sagt sie im Berner Dialekt.

Kontrolle am Neujahrsmorgen

Tricks haben auch die Kontrolleure auf Lager. Ab 6 Uhr bitten sie Athleten ihn der Regel zur Kontrolle. «Wie bei jedem Menschen geht nach dem Aufwachen der WC-Gang erfahrungsgemäss schneller», weiss sie. Das gilt natürlich auch für den Morgen des 1. Januar. S. und ihre Kollegen dringen in das Privatleben von Sportlern ein. Privates und Geschäftliches überlappen sich auch bei S. manchmal. «Es ist unmöglich, eine Arbeitswoche genau vorauszusagen. Die Arbeitszeit variiert je nach Saison zwischen 30 und 80 Stunden pro Woche. Das verlangt eine hohe Flexibilität im Umfeld», erklärt sie. S. hat keine Familie, im Gegensatz zu zwei Kollegen. «Die müssen ihr Leben noch besser organisieren», weiss sie. Dass eine Kontrolle wegen einer persönlichen Situation eines Kontrolleurs abgesagt würde, käme nur in grössten Notfällen vor.

Wer wann kontrolliert wird, entscheiden die Antidoping-Schweiz-Mitarbeiter in der Geschäftsstelle. Neben einem routinegemässen Turnus können markante Leistungssprünge oder ein bevorstehender Wettkampf Gründe für ein Ausrücken von S. sein – oder Hinweise von aussen. Hier sind die Kontrolleure besonders gefordert, die Gründe für eine Anschwärzung eines Athleten sind vielfältig. «Es kommt vor, dass ein Anruf im Auftrag eines Konkurrenten gemacht wird, um von ihm selbst abzulenken», erklärt S.

In ihrem Beruf ist S. nicht beliebt. Das ist ihr klar und das kriegt sie manchmal zu spüren. Die meisten Sportler wüssten aber um die Notwendigkeit und akzeptierten diese, ohne zu murren. Gegenseitiger Respekt und Menschenverstand gehörten zum Anforderungsprofil eines Dopingkontrolleurs. «Am Anfang dachte ich, es würde mehr Troubles geben. Meine Erfahrung zeigt, dass man als Kontrolleurin vieles selbst beeinflussen kann durch sein Verhalten. Es gilt: Wie man in den Wald ruft …» Einmal aber sei sie in eine Situation geraten, in der sie sich «sehr unwohl» gefühlt habe. S. wurde während einer Kontrolle am Trainingsort eines Sportlers von dessen Entourage bedroht. Ihre Konsequenz: «Seither gehe ich nicht mehr allein dorthin.»

Ihre Proben hätten kaum jemanden überführt – obwohl «starke Auffälligkeiten» bestanden hätten. «Es dauert sehr lang, bis jemand wirklich als positiv gilt», sagt S., und kann eine Enttäuschung nicht verbergen. Die Dopingbekämpfung ist ein immerwährendes Katz-und-Maus-Spiel: Angefangen beim Flüchten der Athleten, wenn sie wissen, dass ein Fahnder auf dem Wettkampfplatz ist, bis hin zu immer neuen Substanzen und immer kleineren Dosen, die immer schwieriger zu finden sind oder in immer kürzerer Zeit nachgewiesen werden müssen. Zeit ist der entscheidende Faktor. Die Proben müssen beispielsweise binnen 36 Stunden nach der Versiegelung im Labor analysiert werden. Bei Auslandeinsätzen kann das knapp werden, wie S. schildert. Auf Flughäfen stelle das Passieren der Sicherheitskontrolle eine zusätzliche Herausforderung dar. «Die fragen mich dort sehr genau, was sich in den Röhrchen befindet.»

«Legalisierung wäre gefährlich»

Jeder Dopingkontrolleur weiss, dass der Kampf gegen das Betrügen nicht gewonnen werden kann. Es geht für sie um Teilsiege, um Präsenz, um Vorbeugung. Leere Werte, wenn einen das Gefühl nicht loslässt, dass bei einem Athleten etwas nicht stimmt? «Wenn ein Olympiasieger des Dopings überführt wird, erbt der Zweitplatzierte die Goldmedaille», zeigt S. auf, «doch der wird nie als richtiger Olympiasieger behandelt, obwohl er beschissen wurde. Gegen diese Ungerechtigkeit kämpfe ich.» Von Doping-Legalisierung hält S. nichts. «Dann würde schon im Jugendbereich systematisch damit begonnen, – das ist viel zu gefährlich.» Sie könne zwar gewisse Gedankengänge von Sportlern nachvollziehen, die dopen, Verständnis habe sie deshalb nicht. Und leid täte ihr auch keiner: «Jeder soll mit fairen Mitteln kämpfen», lautet ihre Überzeugung.

Aus diesem Satz spricht nicht nur die Kontrolleurin. Regula S. ist selbst Sportlerin. Als Triathletin könnte auch sie auf Doping kontrolliert werden. Das geschah bislang nicht, auch früher nicht, als sie noch nicht für die Antidopingagentur tätig war. Sie ist froh darüber: «Je nach Wettkampf ist das Letzte, was man sich wünscht, zur Dopingkontrolle zu müssen.»