Fragezeichen hinter Fabelzeiten
Video mit Dopingtrainer: Der Eintrag von Alex Wilson in die Geschichtsbücher muss noch warten

Dem Basler Sprinter gelingen an einem regionalen Meeting in den USA zwei Wahnsinnszeiten. Ob sie gültig sind, wird noch länger nicht klar sein. Bis dahin muss sich Wilson auch gegen Vorwürfe wehren.

Rainer Sommerhalder
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Der Schweizer Alex Wilson lief die 100 Meter in 9.84 Sekunden.

Der Schweizer Alex Wilson lief die 100 Meter in 9.84 Sekunden.

zVg / Aargauer Zeitung

Welcher Leichtathletik-Fan hat sich am späten Sonntagabend ob der Neuigkeiten aus den USA nicht die Augen gerieben? Alex Wilson läuft zwei «Wahnsinnszeiten» – 9,84 Sekunden über 100 Meter, 19,89 Sekunden über 200 Meter. Noch nie war ein Schweizer Sprinter schneller unterwegs, Wilsons vermeintlich erster Hunderter unter zehn Sekunden bedeutet gleichzeitig Europarekord und weltweit zweitschnellste Zeit des Jahres.

Was auf den ersten Moment nicht möglich scheint, erhält in einer Welt der unkontrollierbar rasanten Meinungsverbreitung schnell einen konspirativen Touch. Der renommierte US-Sprinttrainer Rana Reider, der während einiger Monate auch Mujinga Kambundji trainiert hat, twittert wenige Stunden nach dem Meeting: «Wir wissen zu 100 Prozent, dass es nicht möglich ist.»

Ein Video belastet Alex Wilson

Schnell ist im Sport der Dopingverdacht herbeigerufen. Dass ausgerechnet am Tag des Zweifels ein vor gut drei Monaten aufgenommenes Video auftaucht, das Wilson in Las Vegas mit einem lebenslänglich gesperrten Ex-Sprinter und Trainer beim Trainieren zeigt, passt wie die Faust aufs Auge. Fast zeitgleich landet es anonym bei den Medien und bei Antidoping Schweiz. «Wäre Wilson 10,40 gelaufen, hätten wir das Video wohl nicht zu Gesicht bekommen», mutmasst ein Dopingfachmann.

Laurent Meuwly, der Trainer von Ajla Del Ponte und Lea Sprunger, glaubt nicht an die Dopingtheorie: «Mir ist keine Substanz bekannt, die innerhalb von zwei Wochen eine solche Wirkung hat», sagt Meuwly. Vor dem Lauf an einer regionalen Meisterschaft in einem Vorort von Atlanta lautete Wilsons Saisonbestzeit 10,38.

Auch Meuwly kann sich die Bestzeiten des 30-jährigen Baslers nicht erklären. Die mögliche Begründung sieht er in einer technischen Fehlfunktion. Davon kann es viele geben: Ein nicht angezeigter Fehlstart, eine fehlende Synchronisation der Startpistole mit der Zeitmessung, eine nicht richtig funktionierende Rückenwind-Angabe, ein falscher Startpunkt. Meuwly erzählt eine Anekdote von den holländischen Meisterschaften. Da löste der Schatten des Athleten die Zeitstoppung auf der Ziellinie zu früh aus. Erst der Zielfilm lieferte den Grund für die falsche Zeitangabe von 9,95.

Für eine Sperre reichen die Beweise wohl nicht

Mag Alex Wilson in Georgia mindestens gleich schnell wie sein Schatten gelaufen sein, die Zweifler kann er damit nicht abschütteln. Der auf dem Video dokumentierte Kontakt mit dem wegen Weitergabe von Dopingmitteln lebenslang gesperrten jamaikanischen Trainer Raymond Stewart löst Ermittlungen der Dopingbehörden aus. Alex Wilson wird sich nach der Rückkehr in die Schweiz am Dienstag bei Antidoping Schweiz schriftlich erklären müssen. Vor einer Sperre muss sich der Basler mit jamaikanischen Wurzeln jedoch kaum fürchten. Die Ermittler müssten ihm schon nachweisen können, dass er Stewart kennt und von seinem Bann weiss.

Dies bestreitet ein aufgewühlter Alex Wilson in einem längeren Telefongespräch aus den USA vehement. Es sei ein einmaliges Zufallstreffen mit einer ihm unbekannten Person gewesen, die ihm im Stadion von seinem Coach vorgestellt wurde das 10 Minuten gedauert habe. «Muss ich künftig jeden auf einer Leichtathletik-Anlage fragen, ob er allenfalls gesperrt sei?», fragt Wilson provokativ zurück. «Was sollen diese falschen Anschuldigungen!»

Die Zeiten seien zwar auch für ihn überraschend gekommen, aber er habe gewusst, dass er 10,00 Sekunden in den Beinen habe. «Ich habe bereits Ende Juni beim Meeting in Luzern gespürt, dass das gute Gefühl wieder zurückkommt.» Im Trainingslager in Atlanta habe er dann intensiv an der Beschleunigung gearbeitet «und am Sonntag die perfekten Bedingungen mit 1,9 m/sec Rückenwind optimal ausgenutzt».

Wilson bestätigt, dass der Meeting-Organisator das Rekordformular regelkonform eingeschickt hat. Der Zielfilm dokumentiert eine Zeit von 9,839. Und Wilson gab noch am Sonntag einen für die Homologierung obligatorischen Dopingtest ab. Sein väterlicher Freund und Berater Andreas Hediger, Co-Direktor von Weltklasse Zürich, sagt, dass es auch nach dem Meeting im Letzigrund wochenlang dauert, bis ein Rekord homologiert wird.

Also wird man noch geraume Zeit warten müssen, bis der Eintrag in die Geschichtsbücher gesichert ist. Bis dahin gilt Hedigers Antwort auf die Frage nach der Richtigkeit von Wilsons Zeiten: «Ich weiss es genau so wenig wie alle anderen».