Analyse

Fragen an die Eishockey-Nationalmannschaft

Das neue Führungstrio der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft: (v.l.) Felix Hollenstein, Reto von Arx und Patrick Fischer.

Das neue Führungstrio der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft: (v.l.) Felix Hollenstein, Reto von Arx und Patrick Fischer.

Eine Analyse zur Nomination von Patrick Fischer als Nationaltrainer sowie von Felix Hollenstein und Reto von Arx als Assistenten der Schweizer Landesauswahl.

Patrick Fischer verfügt über einen Erfahrungsschatz von zweieinhalb Jahren hinter der Bande des HC Lugano. Seine Erfolgsbilanz: zweimal im Playoff-Viertelfinal gescheitert. Im Oktober dieses Jahres wurde er im Tessin trotz vorzeitiger Vertragsverlängerung vor dem Saisonstart mangels Erfolg entlassen. Reicht dieses bescheidene Resümee, um das höchste Traineramt im Schweizer Eishockey erfolgreich zu bekleiden?

Felix Hollenstein war nach dem Debakel um die Verpflichtung von Kevin Schläpfer im Oktober der designierte neue Headcoach der Nationalmannschaft, zog sich dann aber aus persönlichen Gründen (sein Vater lag im Sterben) zurück. Jetzt spielt die Kloten-Legende in der neuen Konstellation nur noch die zweite Geige hinter Fischer, obwohl er den grösseren Erfolgsausweis (eine Finalteilnahme mit Kloten) vorweisen kann und über die weitaus grössere Erfahrung verfügt: Ist Hollensteins Ego klein genug, um die Rolle als Assistent bei möglichen Differenzen perfekt zu spielen?

Reto von Arx gehört zweifellos zu den besten Spielern der Schweizer Eishockeygeschichte, bestritt aber nur 105 Länderspiele für die Nationalmannschaft. Sein Verhältnis zur Landesauswahl war jahrelang schwer gestört. Unter Ralph Krueger wollte er nach dem Bierskandal von Salt Lake City (2002) nicht mehr spielen. Unter Sean Simpson hatte er später keine Lust mehr. Jetzt gehört er, nur wenige Monate nach seinem Rücktritt als Spieler und mit nullkommanull (!) Erfahrung als Trainer, bereits zum Coaching-Staff des Nationalteams. Ist Reto von Arx – ungeachtet seiner herausragenden Qualitäten als Spieler – wirklich schon geeignet und reif für diesen Posten?

Ein Nationaltrainer ist zu einem grossen Teil auch Politiker und geschickter Jongleur verschiedenster Interessen. Fischer hatte als Trainer in Lugano am Ende unlösbare Probleme mit den Stars wie dem aktuellen Nationalspieler Damien Brunner. Felix Hollenstein und Reto von Arx waren als Spieler erfolgreiche Charakterköpfe, die von den eigenen Fans geliebt, von den Gegnern aber gehasst wurden. Nun müssen sie in ihren neuen Funktionen plötzlich die Interessen der Nationalmannschaft vertreten. Wird dem neuen «Triumvirat» seine Vergangenheit im Schweizer Eishockey bei heiklen Personalentscheiden zum Verhängnis?

Als Patrick Fischer, Felix Hollenstein und Reto von Arx zuletzt als aktive Nationalspieler gemeinsam ein WM-Turnier bestritten, war das 1996 in Eindhoven. Damals gehörten die Schweizer noch nicht zum Kreis der weltbesten Mannschaften, sondern dümpelten in der Zweitklassigkeit vor sich hin. An der Bande stand mit Simon Schenk bis zur jetzt beginnenden Ära Fischer letztmals ein Schweizer – und scheiterte zweimal beim Versuch, die Eisgenossen wieder ins Oberhaus zu führen. Ob diese ungemütliche Erinnerung an längst vergangen geglaubte Zeiten mehr ist als nur ein schlechtes Omen?

Der Schweizerische Eishockeyverband (SIHF) lässt seit geraumer Zeit keine Gelegenheit aus, in jedes Fettnäpfchen zu treten. Die Serie der Fehltritte setzte sich im Vorfeld der Ernennung des neuen Trainer-Staffs nahtlos fort. Ein Informationsleck führte dazu, dass der «Blick» den neuen Nationaltrainer bereits am Tag der Medienkonferenz bekannt gab und im Rahmen eines verdächtig wirkenden PR-Artikels abfeierte. Was zwei Fragen aufwirft: Hat SIHF-CEO Florian Kohler seinen Laden im Griff? Oder wurde die Information gezielt einem dem Verband wohlgesinnten Medium gesteckt?

Raeto Raffainer, der Nationalmannschaftsdirektor, hinterliess mit seinem Zickzackkurs bei der Auswahl der Kandidaten und seinem unbeholfenen Vorgehen in der Causa Schläpfer einen schwachen Eindruck. Auch seine schwammige Argumentation, weshalb Fischer, Hollenstein und von Arx die richtigen Leute für das Nationalteam sind, hat mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Raffainer ist auf jeden Fall ein schlechter Verkäufer seiner selbst und vor allem der Interessen des Aushängeschilds des Schweizer Eishockeys, der A-Nationalmannschaft. Ist der fraglos intelligente Bündner in dieser Position wirklich der richtige Mann am richtigen Ort?

Nach Sean Simpson und Glen Hanlon steht mit Patrick Fischer schon wieder ein Klient des umtriebigen Agenten Daniel Giger als Cheftrainer an der Bande der Nationalmannschaft. Ist das Zufall oder steckt da System dahinter?

Die wichtigste Frage zum Schluss: Kann die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft mit diesem Trainer-Staff ihren zuletzt in Gefahr geratenen Platz in der erweiterten Weltspitze halten? Man darf diesem Experiment gespannt entgegenblicken. Fischer, von Arx und Hollenstein haben nun die Chance, die offenen Fragen zu beantworten. Wenn sie an der WM in Russland (Mai 2016) den Viertelfinal erreichen, dürfen sie bis 2018 weitermachen. Wenn nicht, geht die Suche nach Antworten von vorne los.

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