Das erste Training in Lake Louise mit nur einem Fahrer in den Top 30 (Patrick Küng als 21.) weckte schlimmste Erinnerungen an die Krisensaison 2012/13. Doch mit Sepp Brunner steht neu ein Mann auf der Kommandobrücke der Abfahrer, der den Ruf eines Medaillenschmieds besitzt.

Schon im letzten Winter, der alles andere als berauschend war, holten die Speedfahrer die Kastanien aus dem Feuer. In der Teamwertung mussten sich die Männer mit einem 6. Rang begnügen, dem zweitschwächsten Ergebnis aller Zeiten.

Etwas Licht ins Dunkel 

Die drei Siege von Patrick Küng (2) und Didier Défago, zwei davon an prestigeträchtigen Orten wie Wengen und Kitzbühel, liessen das dunkle Gesamtbild in einem matteren Licht erscheinen. Gleichwohl geriet das Personalkarussell wieder in Bewegung.

Tom Stauffer ersetzte Walter Hlebayna, als vierter Männer-Chef in den letzten fünf Jahren, und für den introvertierten Abfahrtschef Walter Hubmann rückte Brunner nach.

Der 55-jährige Steirer gilt eigentlich als Technik-Trainer und als Mann für «besondere Fälle». Bevor er in den Neunziger Jahren zu Swiss-Ski wechselte, betreute er als Individualtrainer die deutsche Abfahrerin und Kombinations-Weltmeisterin Miriam Vogt, die sich mit dem Verband überworfen hatte.

Danach trainierte er ebenfalls individuell die an Knieproblemen leidende Sonja Nef und führte sie mit einem ä-la-carte-Service zum WM-Titel und 15 Weltcupsiegen.

Die Drohung an Feuz

Später lotste er Albrecht, Berthod, Janka, Feuz und Co. auf Weltcup-, WM- und Olympiapodeste, um sich dann wieder individuell dem «Problemfall Feuz» zuzuwenden. «Ohne Sepp hätte ich wahrscheinlich nicht weitergemacht», sagt der Emmentaler.

Dabei wollte Brunner Feuz einst aus seiner Gruppe werfen. «Wenn du weiter den Weg des geringsten Widerstandes gehst, kannst du eine andere Mannschaft suchen», drohte er dem schlampigen Talent, das die Botschaft verstand.

Obwohl Brunner der Stallgeruch des klassischen Speed-Schlauchmeister fehlt, hört auch er die Komantschen pfeifen, wie ORF-Kommentator Armin Assinger diesen besonderen Sound der Abfahrer bildhaft darzustellen pflegt.

«Viel anders als vorher ist mein neuer Job nicht», findet Brunner. «In der Abfahrtsgruppe sind ja auch einige Kombi-Fahrer von früher dabei. Und der Schlüssel ist nach wie vor der Riesenslalom-Schwung.»

Auch in der Material-Tüftelei haben sich die Schwerpunkte verschoben. «Heute», sagt Brunner, «wird in der Materialabstimmung im Slalom und Riesenslalom mehr Aufwand betrieben als in der Abfahrt. Und für die Aerodynamik haben wir Top-Leute, die unter der Führung von Karl Frehsner einen ausgezeichneten Job machen.»

Bei Janka schauts gut aus

Brunner gibt sich optimistisch: «Einige haben sich sehr positiv entwickelt. Patrick Küng ist stabil und immer vorne dabei. Bei Défago weiss man, dass bei ihm immer alles möglich ist. Beat Feuz hat einen weiteren Schritt vorwärts gemacht.»

Carlo Janka, der zwar nicht mehr wie früher der Brunner-Equipe angehört (sein Gruppentrainer ist Jörg Roten) hätte nach seinem Materialwechsel «noch an gewissen Sachen» zu arbeiten: «Aber vieles schaut gut aus.»

Letzte Chance für Berthod

Wichtig sei, «was von hinten kommt». Brunner denkt an Marc Gisin («der einen sehr guten Eindruck hinterliess») und Mauro Caviezel («entwickelt sich in eine gute Richtung»).

Zum Abfahrtsteam gehören auch Olympiasieger Sandro Viletta und Marc Berthod, die beide von den technischen Disziplinen her kommen: «Viletta ist im Super-G einiges zuzutrauen. Und Berthod ist sehr ehrgeizig und weiss, worum es geht». Im Klartext: Es geht um seine letzte Chance.

Leader bleibt Patrick Küng, der das in den Trainings nachhaltig unter Beweis stellte. Aber für ihn ist einiges anders als im Vorjahr. «Damals stieg ich», so Küng, «nicht als Favorit in die Saison, jetzt werde ich anders wahrgenommen».

Wengen, Kitzbühel und die WM sind für ihn die Fixpunkte, «aber ich möchte mich nicht zu stark festlegen.» Für zwei Saisonsiege würde er erneut unterschreiben, «weil gewinnen nie selbstverständlich ist. Zwei Siege in einem Winter sind nicht schlecht, aber es könnten auch mehr sein.»