Automobil
Formel E: Der Formel-1-Rennsport aus der Steckdose

In Peking startet am Samstag die globale Rennserie für Autos mit Elektro-Antrieb. Mit dem Waadtländer und ex-Formel-1-Pilot Sébastien Buemi zählt auch ein Schweizer zu den Favoriten auf den Titel der neuen Motorsport-Serie.

Patrick Storzer und Jörg Mebus
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Bei der Präsentation der Elektro-Flitzer haben sich die Rennserie-Gründer bereits ordentlich in Szene gesetzt.

Bei der Präsentation der Elektro-Flitzer haben sich die Rennserie-Gründer bereits ordentlich in Szene gesetzt.

KEYSTONE

Die «grüne Welle» hat endgültig auch den Motorsport erfasst. Angeführt von Hollywood-Star und Teambesitzer Leonardo DiCaprio betritt die Formel E die grosse Bühne. Mit dem Auftaktrennen am Samstag in Peking ist der Motorsport endgültig im 21. Jahrhundert angekommen, bis zu 230 km/h schnelle ElektroRenner sollen die Fans in ihren Bann ziehen. Lärm und Gestank sind out, der Racer von heute denkt auch an die Umwelt.

Das kann (und soll) nicht jedermanns Geschmack treffen. «Ich finde es Käse. Ich bin überhaupt kein Fan davon, und ich könnte mich als Zuschauer dafür null begeistern», sagt Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel. Gut, den Liebhaber röhrender Motoren und vierstelliger PS-Zahlen von der Leisetreter-Formel zu überzeugen, ist ähnlich schwer, wie einem Steakhouse-Besitzer das neueste Tofu-Schnitzel schmackhaft zu machen. Spötter mögen anmerken, dass die aktuellen Formel-1-Boliden auch nicht viel lauter als ein Staubsauger sind.

Rennsport 2.0

Doch es geht um viel mehr. Rennsport 2.0. In einer Zeit, in der junge Menschen das neueste Smartphone wichtiger ist als der eigene fahrbare Untersatz, muss der Motorsport neue Wege suchen – und diese auch beschreiten.

Die Anfänge sind gemacht, die Unterstützung ist gross und prominent, die «Locations» hochkarätig. Die flotten Flitzer der zehn Teams zischen durch London, Berlin, Miami oder Monte Carlo, am Steuer sitzen zahlreiche ehemalige Formel-1-Piloten. Darunter auch «Quick Nick»: Der 183-malige Formel-1-Starter Nick Heidfeld hat beim Venturi-Team unterschrieben, bei dem Mitbesitzer Leonardo DiCaprio Glamour und gutes Gewissen vereint.

Die Schweizer Hoffnung Buemi

Auch aus Schweizer Sicht ist Interesse berechtigt: Weil er an den Testtagen im englischen Donington im Sommer überzeugte, hat sich Sébastien Buemi in die (Mit-)Favoritenrolle gefahren. Auf dem Rundkurs in der englischen Grafschaft Leicestershire war der in dieser Saison in der Langstrecken-WM erfolgreich tätige Waadtländer viermal der Schnellste.

«Schnell» ist dabei relativ, leisten die Elektro-Motoren doch im Maximum 270 PS. 230 Kilometer pro Stunde werden das Höchste der Gefühle sein. Der Vergleich mit den Autos in der Formel 1 oder der Endurance-Serie hinkt deshalb.

«Die Formel E ist etwas komplett anderes. Es steht nicht nur weit weniger Power zur Verfügung. Die Autos haben auch deutlich weniger Grip und zudem sind sie um einiges schwerer», sagt Buemi. «Aber Spass machts trotzdem.» Mit Fabio Leimer steht zudem ein zweiter Schweizer auf Abruf bereit. Der letztjährige GP2-Meister ist in der japanischen Equipe Amlin Aguri als Ersatzfahrer gemeldet.

Weitblick bewiesen

«Die Zukunft unseres Planeten hängt ab von unserer Bereitschaft, wirtschaftliche und umweltfreundliche Fahrzeuge zu benutzen. Venturi Grand Prix hat mit der Entscheidung, ein umweltfreundliches Rennteam zu erstellen, enormen Weitblick bewiesen», sagte Hollywood-Star DiCaprio bei der Vorstellung der Rennserie Anfang des Jahres in Las Vegas.

Die Zukunft der Formel E hängt dagegen vor allem von ihrer Debütsaison ab. Dem Auftakt in Peking folgen neun weitere Stationen. Der Final steigt am 27. Juni in London. Weitere Metropolen stehen in den Startlöchern, bis zu 20 Rennen pro Saison halten die Macher für möglich.

Die ePrix genannten Veranstaltungen gehen fix über die Bühne. Training, Qualifying und Rennen, alles an einem Tag. Gefahren wird rund 45 Minuten, wobei zur Halbzeit die Autos gewechselt werden müssen. Dann ist den Einheitsboliden von McLaren nämlich der Saft ausgegangen.

Die Hoffnung, den Nerv der Zeit zu treffen

Bereits klopfen sich die Initianten um Jean Todt, den Präsidenten des Internationalen Automobil-Verbandes FIA, gegenseitig auf die Schulter. Die Zuversicht ist gross, mit der Umsetzung der Idee einer «grünen» Rennserie den Nerv der Zeit genau getroffen zu haben. «Die Welt ist steten Veränderungen unterworfen. Als Aushängeschild im Motorsport tragen wir die Verantwortung, diesen Veränderungen Rechnung zu tragen», sagt Todt. Ob er recht hat, wird sich weisen.

Das müssen Sie über die Formel E wissen

Autos: Alle Teams fahren das gleiche Fahrzeug, einen Spark-Renault SRT_01. McLaren liefert Motor und Getriebe, das Chassis stammt von Dallara, die Batterien sind von Williams. Die Autos leisten bis zu 270 PS und sind bis zu 230 km/schnell.

Rennstrecken: Beim Auftakt der zehn Rennen umfassenden Serie in Peking führt die Strecke rund um das Olympiastadion von 2008. Stadtkurse wird es auch in Berlin, Putrajaya (Malaysia), Punta del Este (Uruguay), Buenos Aires, Miami und Long Beach (beide USA), Monaco und London geben.

Reglement: Während des Rennens gibt es einen Boxenstopp, bei dem die Fahrer ihre Autos wechseln. Wie in der Formel 1 gibt es Punkte für die ersten zehn (25-18-15-
12-10-8-6-4-2-1) sowie drei Punkte für die Poleposition und zwei Zähler für die schnellste Rennrunde.

Internet: Die Fans können ihrem Lieblingsfahrer zu mehr Power verhelfen. Bei einer Abstimmung erhalten die drei Fahrer mit den meisten Simmen während des Rennens den sogenannten «FanBoost», der für fünf Sekunden rund 50 PS freisetzt. Mitmachen lohnt sich also. (NCH)