Eishockey
Fondue mit den Russen: Das erlebt man als Teamhost von Jekaterinburg

Als Teamhost begleitet Michael Kistler den KHL-Vertreter Awtomobilist Jekaterinburg durch den Spengler-Cup. Seine Aufgaben sind mannigfaltig, die Wünsche zuweilen unkonventionell.

Calvin Stettler, Davos
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«Einfach cool bleiben», mit diesem Credo führt Michael Kistler Automobilist Jekaterinburg durch das Traditionsturnier in Davos.

«Einfach cool bleiben», mit diesem Credo führt Michael Kistler Automobilist Jekaterinburg durch das Traditionsturnier in Davos.

Calvin Stettler

Es ist kurz nach neun Uhr, die Sonne klettert langsam über die Berggipfel und lässt das überdimensionale, goldene Ei, an das die Architektur des Nobelhotels Intercontinental mahnt, erstmals glänzen. Atmosphäre aus dem Bilderbuch. Doch Oleg Gross, General Manager von Automobilist Jekaterinburg, wirkt leicht verstimmt. Er friert vor dem Hoteleingang. Ein Blick auf die Uhr. «Einer vom Staff ist zu spät», erklärt Michael Kistler, «die Führungsriege Jekaterinburgs verbringt den Vormittag auf der Schatzalp.»

Er betreute bereits letztes Jahr ein KHL-Team

Der 43-Jährige hat den Überblick. Als Teamhost der Russen betreut er sie während des Spengler-Cups rund um die Uhr. Sein ständiger Begleiter: Das Mobiltelefon, welches in dieser Funktion bis zu dreimal täglich geladen werden muss. Die Koordination ist seine Hauptkompetenz. Das Programm ist voll, vormittags steht eine Trainingseinheit an, am Abend wird der Viertelfinal gegen Mannheim ausgetragen. Plötzlich taucht der Verspätete auf. Kistler arbeitet mit Humor, führt den Staff zum Taxi und entlockt letztlich auch Gross ein Lächeln.

Der russischen Schweigsamkeit begegnet aber auch Kistler. «Interaktion ist erst möglich, wenn ich von mir aus das Eis breche.» Kein einfaches Unterfangen, denn nur eine Handvoll Spieler sprechen Englisch. Automobilists Teammanager Aleksey Volkov nimmt die Rolle des Übersetzers ein. «Auch wegen der sprachlichen Hürden wollte keiner die Betreuung der Russen übernehmen.» Kistler aber wollte unbedingt. Letztes Jahr betreute er mit Salavat Yulaev Ufa nämlich bereits einen KHL-Vertreter. «Ein Team voller Millionäre», wie Kistler gerne sagt. Mit Jekaterinburg ist aber ein etatmässiges Fliegengewicht der KHL vertreten. Auch darum sind die Wünsche nicht nur unkonventioneller Natur. Aber auch diese gibt es.

Skipässe, die er für Spieler und deren Entourage hatte besorgen müssen, fallen ihm als solch exotischen Wunsch ein. Auf der Suche nach Anekdoten verliert sich Kistler immer wieder in der Vergangenheit: «Der UFA-Präsident wollte damals innert kürzester Zeit einen Russisch sprechenden Skilehrer für seine Kinder. Oder vor wenigen Jahren, als ein paar russische Spieler mit ihren Frauen nach Mailand wollten.» Das morgendliche Shopping vor dem Abendspiel war mittels Helikopter umsetzbar. Auch ein Spieler von Automobilist ging einkaufen – allerdings im Fashion Outlet in Landquart – und zwar per Zug. «Jekaterinburg ist wirklich einfacher gestrickt», bekräftigt deren Teamhost.

Bitte Bierbestand erhöhen

Mittlerweile wartet der Mannschaftsbus vor dem Hotel, alles ist minuziös geplant. Die Akteure steigen in den Bus, Automobilist-Captain Petr Koukal klatscht Kistler derweil ab und klagt über einen schweren Magen. «Zu viel Fondue gegessen», sagt er und setzt ein breites Grinsen auf. Das Eis ist längst gebrochen. Am Vorabend wurde Kistler vom russischen Staff zum Fondue eingeladen. Eine Anerkennung, die Kistler vollends befriedigt. «Diesen Job mache ich nicht des Geldes wegen, das ist der Liebe zum Eishockey geschuldet.»

Der Tross Jekaterinburgs ist mittlerweile im Stadion angekommen. Morgentraining. Jene Zeitspanne, in der sich Kistler zurückzieht, das Team machen lässt. In der Zwischenzeit gibt es diverse Nebenjobs zu erledigen. Der Trainer wünscht Videomaterial des gestrigen Spiels, der General Manager benötigt Tickets für Sponsoren und den einzigen aus Russland angereisten Fan. Zudem muss mit dem Mannheimer Teamhost der Ablauf des Abends besprochen werden. Letzteres bezeichnet Kistler als heikle Angelegenheit. Da die knapp bemessenen Garderoben der beiden Mannschaften im selben Gang münden, wird es eng. Zumal Mannheims Inventar den Bewegungsspielraum zusätzlich einschränkt.

Probleme lösen, die Hauptaufgabe der Betreuer. Eine Gratwanderung durchlaufen die Teamhosts dennoch – zumindest in Sachen Autorität. Man will den Spengler-Cup-Gästen zwar möglichst viele Wünsche erfüllen, die Entscheidungsgewalt dabei aber nicht verlieren. «Letztlich urteilen wir darüber, ob etwas umsetzbar ist oder nicht.» Auch Szenen, wie nach dem Morgentraining, als sich ein Russe ob eines blockierenden Heizkörpers erzürnte, lassen Kistler kalt. «Einfach cool bleiben», lautet sein Credo.

Derweil bezeichnet Automobilist-Goalie Jakub Kovar den Kaffee Kistlers kurzerhand als Rumpunsch. Der Tscheche verabschiedet sich mit einem lauten Lachen in der Kabine. Die Affinität zum Bier leugnet der KHL-Vertreter nicht. Jeder Sieg wird in den Katakomben mit einem Bier gewürdigt. Als Jekaterinburg im Gruppenspiel gegen Davos nach zwei Dritteln mit 4:1 führte, erkundigte sich deren Teamchef per SMS bei Kistler, ob genügend Bier in der Garderobe sei. Automobilist scheint fest mit dem Halbfinal zu rechnen, denn auch an diesem Morgen wird der Bierbestand auf Wunsch erhöht.

Hotspot vor dem Spiel

Nach der morgendlichen Einheit führt Kistler die Mannschaft wieder ins Hotel. Am Nachmittag stehen zwei Mahlzeiten auf dem Programm. Um 18 Uhr ist Jekaterinburg bereits wieder im Stadion. Aufwärmen, Direktiven des Coachs, individuelle Rituale. Während der Matchvorbereitung kommt plötzlich ein Automobilist-Akteur. Er benötigt Internet. Dringend. Kistler reagiert, erstellt einen Hotspot für den Russen. Warum der Spieler kurz vor Anpfiff noch ins Web musste, ist nicht überliefert. «Hauptsache, er ist zufrieden», findet Kistler. Dann wird endlich der Puck eingeworfen. Von nun an kann der 43-Jährige erstmals zurücklehnen. Sein Job ruht für 60 Minuten. Nun liegt es an der russischen Organisation auf dem Eis. Sie überzeugt. Jekaterinburg siegt souverän mit 3:1. Im Halbfinal wartet nun Lugano. Kistler freuts. Nicht nur, weil er Ambri-Fan ist.

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