Gastkommentar

Florence Schelling: «Dann bist du als Trainer ‹Google› für alle»

Was tun eigentlich Trainer den ganzen Tag lang? Diese Frage hat sich unsere Autorin während ihrer Karriere immer wieder gestellt. Nun weiss sie: Die Arbeit hört nie auf. Und überdies sind die Trainer auch gleich noch das Gratis-Lexikon für alle.

Florence Schelling in ihrer Funktion als U18-Nationaltrainerin.

Florence Schelling in ihrer Funktion als U18-Nationaltrainerin.

Als ich Eishockey spielte, da fragte ich mich früher häufig: Was macht eigentlich ein Trainer so den ganzen Tag lang? Ok, Trainings vorbereiten, Gegner beobachten, das Team managen – aber da ist ja nicht wirklich was Anstrengendes dabei. Und der Tag wohl kaum ausgefüllt.

Mittlerweile bin ich selbst Trainerin. Und merke: Ja, da gibt es tausend unsichtbare Dinge, die Spielerinnen und Spieler gar nie sehen. Trainings, Teambuilding, Theorien. Die Arbeit hört nie auf. Der angenehmste Teil des Tages? Wahrscheinlich während des Trainings auf dem Eis.

Gerade bin an meiner ehemaligen Universität, der Northeastern in Boston, wo ich auch selbst Eishockey spielte. Ich hospitiere zehn Tage bei David Flint (wir nennen ihn alle ‹Coach Flint›), er war schon mein Trainer damals von 2008 bis 2012. Es bietet sich mir eine Welt mit ziemlich viel Neuem.

Wie sieht so ein Stage eigentlich genau aus? In zehn Tagen besuchte ich vier Spiele, etliche Trainings, Videosessions und Off-Ice-Trainings des Teams. Meine Schlüsselfrage, die ich gewählt habe, ist: Wie müssen sich Trainer heutzutage der Generation Z anpassen?

Die Aufmerksamkeitsspanne der Generation Z beträgt: acht Sekunden! Das heisst: Egal, was ich sagen will, ich muss meine Message in acht Sekunden rüberbringen. Mit Tempo. Ohne Umwege. Ohne Floskeln. Immer ehrlich. Und immer direkt auf den Punkt. Wer das nicht schafft, ist verloren. Selbstverständlich fordert heute jeder und jede Einzel­gespräche. Regelmässig. Zu meiner Zeit war das noch nicht unbedingt regelmässiges Programm bei Coach Flint. Heute ist das anders. «Ein Einzelgespräch pro Woche, das sollte das Ziel jedes Trainers sein», sagt er.

Gleichzeitig wollen alle immer alles wissen. Vor dem Training, während des Trainings, nach dem Training, es hagelt Fragen ohne Ende. Warum? Für die Generation Z ist eigenes Überlegen nicht mehr zwingend. Ich weiss etwas nicht? Also frage ich Google. Was bedeutet das für mich als Trainerin? Ich muss meine Spielerinnen zum Nachdenken zwingen. Mal mit einer Gegenfrage antworten. Sie mal dazu bringen, dass sie vielleicht schon einmal während des Redens merken, dass die Frage keinen Sinn macht. «Ansonsten bist du als Trainer schnell einmal ‹Google› für alle», sagt Coach Flint, «und das sollte lieber nicht passieren.»

Logisch, dass in der Generation Z auch Bewegtbilder allgegenwärtig sind. Also läuft auch in der Praxis vieles über Videos. Ohne funktioniert nichts mehr. Aber Achtung, natürlich gibt es auch im Umgang mit Videos Regeln. Nie darf eine einzelne Videosession länger als acht Minuten dauern. Mehr an Konzentration bringen die Zuhörerinnen und Zuhörer nicht auf. Auch die Art der Videos wird immer wichtiger. Für gute Bilder darf kein Aufwand gescheut werden. An meiner Universität in Boston werden die Trainings mit einer Drohne von oben gefilmt. So ist es später für die Spielerinnen einfacher, zu sehen, wie sie sich bewegen müssen. An ein kleines Detail darf ich mich auch noch gewöhnen: Wenn etwas wirklich wichtig ist, so wäre es von Vorteil, wenn es mehrere Videoclips dazu gibt. Das vermindert die Gefahr, dass eine gezeigte Szene als Zufall wahrgenommen wird.

Nun kehre ich mit einem vollen Rucksack und noch mehr Enthusiasmus in die Schweiz ­zurück. Im Wissen: Die Generation Z wird mich weiter fordern. Ich freue mich darauf.

Florence Schelling, 30, trägt Olympia-Bronze, coacht die Eishockey-Nati der U18-Frauen, ist Expertin bei SRF und schaut in der Freizeit gerne Tennis oder Skirennen. Sie schreibt im Wechsel mit Steffi Buchli, Sarah Akanji und Céline Feller jeden Samstag über verschiedene Sportthemen.

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