St. Moritz 2017

Fidele Fanreise zur Maloja-Schlange: WM-Abfahrts-Absage vermiest die Laune der Ski-Fans nicht

Die Menschenmenge strömt nach der Absage aus dem Zielraum.

Die Menschenmenge strömt nach der Absage aus dem Zielraum.

Aus der halben Schweiz reisten Zehntausende nach St. Moritz, viele in Extrazügen – teilweise mit Tagwache um 02.30 Uhr. Statt eines Skirennens erlebten sie ein Naturphänomen. Allein das Erlebnis war die Reise wert.

Auf einmal surren alle Handys. Das WM-OK warnt via SMS: «In Champfèr sind alle Parkplätze voll. Zurück nach Silvaplana.» Fünf Minuten später: «Ab sofort Parkplätze in Sils anfahren.» Von dort aus ists noch elf Kilometer nach St. Moritz. Der Menschentraube auf dem Schellen-Ursli-Weg ists egal. Wie ein Tatzelwurm winden sich Abertausende den steilen Weg von St. Moritz Dorf ins Zielgelände auf Salastrains hinauf.

Das erlebt man nur im Skisport. Der Zuschauer ist gefordert, fast mehr als ein Athlet. Dieser ist trainiert. Beim einen oder andern Bergwanderer auf dem Schellen-Ursli-Weg, der vielmehr eine endlose Treppe ist, wölbt sich ein stattliches Bäuchlein. Viele keuchen, einigen perlt der Schweiss von der Stirn, obwohl das Thermometer 6 Minusgrade anzeigt.

Eine Frau steht auf einem Treppenabsatz. Sie ist nicht mehr die Jüngste. 82-jährig sei sie. «Ich mag schon noch», wehrt sie sich. «Ich warte nur, weil mir zu warm ist. Ich habe zu dicke Kleider angezogen.» Ein anderer erkundigt sich beim Polizisten: «Wie lange dauerts noch?» – «309 Stufen habt ihr schon», beschwichtigt dieser mit positivem Denken: «Jetzt sinds nur noch 400. Dann habt ihrs, bis auf eine kleine Schlusssteigung ohne Treppen.»

Unten im Dorf stand angeschrieben: 30 Minuten Fussweg. Dafür muss wohl Viktor Röhtlin, der sich da auf seine Marathonläufe vorbereitete, die Benchmark gewesen sein. Die Spreu hat sich längst vom Weizen getrennt. Wer sich schon morgens früh ein solches genehmigte, der wartet unten auf einen der vielen Shuttle-Busse. Und wartet und wartet.

Viele sind morgens um zwei oder drei Uhr aufgestanden. Der Extrazug von Zürich nach Chur, Abfahrt 05.37, sammelt alle Fans aus Bern, Aarau und Zürich ein. Am härtesten gefordert werden jene aus Bern. Abfahrt 03.57. «Es tut uns leid, dass wegen Bauarbeiten der Zug heute etwas früher fährt», teilt die SBB mit.

In Aarau warten um die 30 Personen am Bahnhof. Fast am ruhigsten ist es auf dem Gleis 9 im Zürich HB. Schliesslich ist Zürich eine Ski-Diaspora. Trotz Niels Hintermann. In Thalwil steigen die Luzerner und Zuger zu, in Pfäffikon jene aus dem Wendy-Land Ausserschwyz, das ski-geographisch zum Zürcher Regionalverband gehört.

Der Lärm- und Alkoholpegel steigt. Im einen Abteil sitzt ein Ehepaar aus Unterentfelden. Er ist Abwart im Heilpädagogischen Institut «Haus Morgenstern». Er spricht mit russischem Akzent. «Wir wollten einfach einmal ein solches Skirennen sehen», sagen Roman und Oksana Abramow. Am besten bekannt ist ihnen Nikita Scherbakowsky. Der für Israel startende Russe, der in der Schweiz aufwuchs, ist im Super-G Letzter geworden.

«Heute feuzts»

Im Abteil daneben sitzen zwei Norweger und ein Italiener und schwenken eine riesige Norsker Fahne. Das provoziert einen Schweizer mit Bündner Dialekt, der sich ebenfalls als Aargauer ausgibt. Die Kollegenen nennen ihn Parmelin, weil er dem Bundesrat gleicht. Von Brugg sei er, erzählt er, nach der RS sei er dort hängen geblieben.

Pseudo-Parmelin hat schon einiges intus: «Die Flagge könnt ihr einrollen», grölt er in Richtung Norweger: «Die Nummer 3 gewinnt vor der Nummer 7.» Trotz beträchtlichem Promillewert hat er die Fakten noch im Griff: «Die Nummer 3 ist Janka, die Nummer 7 Feuz.» Worauf einer ein rotes Transparent hisst, auf dem steht: «Heute feuzts».

Nach dem Umstieg in Chur, wo sechs Extrazüge bereit stehen, wird es in den Wagen erstaunlich ruhig. Alle Züge sind überfüllt, spätestens ab Filisur hats nur noch Stehplätze. Obwohl der Kondukteur jene, die keinen Platz mehr fanden, in die 1. Klasse «upgradet». Man kann nur noch mit dem Nachbarn sprechen.

Erst nach dem Aussteigen in St. Moritz, zwei Stunden später, entflechtet sich die zusammengepferchte Masse wieder. Auf dem Bahnhofplatz werden Eintrittstickets angeboten. Schwarzmarkt sogar an der Ski-WM? Es handelt sich eher um einen Ausverkauf. Die Tickets werden um fünf bis zehn Franken unter dem Marktwert angeboten, das billigste kostet 50 Franken.

Die Menge wird durchs riesige Parkhaus Serletta mit der längsten Rolltreppe der Schweiz geschleust. Für einmal riecht es dort nicht nach Abgasen, sondern nach Kaffee Lutz. Es ertönen einzelne Treicheln. Aber mit solchen steigt keiner den Weg hoch. So harte Männer sind die Treichler doch nicht.

Auf Zetteln ist aufgelistet, welche Lärminstrumente im Zielraum erlaubt sind. Es ist unklar, ob Treicheln dazugehören. Sie werden ohnehin nicht gebraucht. Es herrscht zauberhaftes Bilderbuchwetter. Nur diese verflixte Maloja-Schlange, dieses sagenumwobene Naturphänomen, schleicht über den Piz Nair und bewegt sich keinen Meter.

Viermal wird die Startzeit verschoben, bis um 14.17 die Abfahrt abgesagt wird. Fast alle der 38 000 Zuschauer nehmens gelassen. Der Speaker teilt mit, die Tickets seien auch am Verschiebungsdatum gültig. Einige murren: «Ich kann nicht nochmals kommen.» Die Rückkehr ins Dorf wird chaotisch. Der Schellen-Ursli-Weg ist mittlerweile stark vereist. Und völlig verstopft. Es entstehen Sturzorgien wie beim Engadin-Marathon im Stazerwald. Trotzdem: Alle sind happy – auch ohne Abfahrt.

Der Tag der verschobenen Männer-Abfahrt in Bildern:

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