Essay

Fertig mit Zensur: Die Sportler stehen heute lauter für ihre Rechte ein

Ist es eine politische Demonstration oder ein Menschenrecht, wenn Sportler ein Zeichen gegen Rassismus setzen? Die Fussballprofis von Belgien und der Schweiz solidarisieren sich vor dem Länderspiel mit der Black-Lives-Matters-Bewegung.

Ist es eine politische Demonstration oder ein Menschenrecht, wenn Sportler ein Zeichen gegen Rassismus setzen? Die Fussballprofis von Belgien und der Schweiz solidarisieren sich vor dem Länderspiel mit der Black-Lives-Matters-Bewegung.

Es gibt im Sport viele Regeln, aber wenige Rechte für Athleten. Die freie Meinungsäusserung würde eigentlich zwingend dazugehören. Aber nicht allen gefällt es, wenn Sportler aufstehen – oder niederknien.

Willkommen in der wunderbaren Welt des Sports. Wo ältere Männer in piekfeinen Anzügen laufend Produkte kommerzialisieren. Wo wichtige Funktionäre oft für Jahrzehnte den Takt angeben. Wo sich die Würdenträger gerne mit «Herr Präsident» ansprechen lassen.

Rainer Sommerhalder.

Rainer Sommerhalder.

Ein Milliardenbusiness! Wo Sponsoren viel Geld für eine perfekte Show bezahlen. Wo sich TV-Anbieter überbieten für das Recht, Wettkämpfe zu übertragen. Wo Fans ihre Helden so sehr anhimmeln, dass sie sogar für deren überteuerte Unterwäsche-Kollektion zu begeistern sind.

Eine Parallelwelt! Wo Verbände sich die Regeln selber geben, ihre gute Regierungsfähigkeit durch interne Gremien absegnen lassen und die Rechtmässigkeit ihres Handelns das eigene Gericht überprüft. Wo man in der Hierarchie aufsteigt, weil man dazu berufen wird. Wo man vor dem Spiel aufsteht, wenn die eigene Verbandshymne gespielt wird.

Der Athlet ist oft das schwächstes Glied im Sport

Und irgendwo in diesem Kosmos lebt die Spezies Sportler. Sie sind eigentlich die Hauptdarsteller. Ohne sie funktioniert diese Welt nicht. Doch zu sagen haben sie wenig. Andere bestimmen, was für sie gut und richtig ist. Sie sollen nur spielen.

Während vieler Jahre hat sich dieses System bewährt. Es lebt sich gut darin. Auch als Funktionär. Neue sportliche Disziplinen werden kultiviert: Olympische Spiele und Fussball-WM werden an den Meistbietenden verschachert, diskrete Zahlungen machen positive zu negativen Dopingtests und millionenschwere Geldflüsse nehmen von Zeit zu Zeit eigenartige Wege. Es geht auch ganz legal. Grosszügige Saläre halten nicht nur die Stars auf dem Spielfeld bei Laune, sie entzücken auch die Würdenträger an den Schalthebeln der Macht.

Doch der Wirt hat die Rechnung ohne sein Filetstück gemacht. Athletinnen und Athleten folgen dem Zeitgeist und nutzen die Möglichkeiten der modernen Kommunikation. Sie werden lauter, vernetzter, organisierter. Sie beginnen ihr Recht nach Mitsprache einzufordern. Sie wollen sich das Umfeld ihres Sports so zimmern, dass es für sie passt. Ein Verband ist für die Athleten da und nicht umgekehrt. Deshalb suchen sie bisweilen auch neue Wege ausserhalb bestehender Strukturen.

Wir erleben eine Demokratisierung des Sports. Die Belegschaft organisiert sich, sie wehrt sich, sie klagt an. Corona beschleunigte den Prozess, weil Sportler auf einmal Zeit und Musse haben.

Der internationale Sport hat Reformbedarf. Unabhängige Entscheidungen funktionieren nur mit Unabhängigkeit der Entscheidungsträger. Die Verstrickungen im sportlichen Universum bleiben eklatant. Der Vorsitzende des Sportgerichtshofs in Lausanne etwa ist Vizepräsident im Internationalen Olympischen Komitee.

Politik und Gerichte stützen die Rechte der Sportler

Die immer gleichen Strippenzieher tauchen in so manchem sportlichen Dunstkreis auf – sofern sie nicht inzwischen weggesperrt oder zumindest suspendiert sind. Veränderungen in der Sportwelt passieren zwar in zunehmendem Tempo. Doch oft erst nach Skandalen oder dank öffentlichem Druck.

Und neuerdings auch, weil Sportler es so wollen. Die von den eigenen Organisationen dazu vorgesehenen Gefässe, die Athletenkommissionen, funktionieren längst nicht überall. Weil deren Mitglieder wenig zu sagen haben, weil sie überstimmt werden oder weil sie ein Informationsdefizit gegenüber den Herren in den Führungsetagen haben. Diese teilen das Wissen oft bewusst nur im kleinen Kreis. Transparenz gehört auch intern nicht zu den Stärken von internationalen Sportorganisationen.

In Deutschland machten sich die «Athleten Deutschland» selbstständig, weil man innerhalb des Olympischen Sportbundes zu oft von Informationen abhängig war, die von oben gesteuert wurden. Die Mentalität «wir wissen, was für euch gut ist» ist nicht so leicht zu knacken. In Deutschland wollten die Hauptdarsteller eine eigene Haltung entwickeln. WhatsApp half beim Aufbau des neuen Athleten-Netzwerks. Die sozialen Medien trugen die Stimme an die Öffentlichkeit. Inzwischen hat man ein stärkeres Gewicht in der öffentlichen Debatte. Und damit den Hebel, um Dinge zu verändern.

Und man feiert Erfolge. Die deutsche Politik unterstützt die neue Organisation. Und das Bundeskartellamt erklärte die Regel 40 des IOC als nicht haltbar. Diese verbietet den Sportlerinnen und Sportlern, mit den Olympischen Symbolen die eigenen Olympischen Erfolge zu bewerben. Nun wird sie weltweit zugunsten der Athleten aufgeweicht.

In der Schweiz sagt die Sportlervertretung bei Swiss Olympic, dass man eingebunden und angehört werde. Man setzt auf gemeinsame Lösungen. So will man Athletenkommissionen in den Verbänden zur Pflicht machen. Und doch freut man sich über die internationale Entwicklung. Denn Konkurrenz unter den Stimmen der Athleten fördert den Diskurs.

Auch im Schweizer Sport gibt es offensichtliche Baustellen. Gemobbte und ausgebeutete Sportlerinnen und Sportler haben zwar den Mut gefunden, an die Öffentlichkeit zu gehen. Vielleicht auch, weil ihnen die Alternative fehlte. Sportverbände regeln ihre Probleme gerne intern und halten sie unter Verschluss. Nun sucht man Wege und Möglichkeiten, zumindest den offensichtlich missbrauchten Athleten einen Ort für ihren Hilfeschrei anzubieten. Eine nationale Meldestelle ist beschlossene Sache. Wer den Erfolg von Whistleblower-Hotlines im Doping betrachtet, erkennt den möglichen Wert dieser Einrichtung für weitere Felder wie Korruption oder Diskriminierung.

Der schwierige Konsens auf der sportlichen Weltbühne

Im Weltsport ist die Ausgangslage für unabhängige Athletenvertretungen anspruchsvoller. Mit «Global Athletes» entstand zwar ein neuer Player. Er profiliert sich mit konfrontativem Vorgehen und scharfen Statements. Doch international ist ein Konsens schwieriger zu finden. Unterschiedliche Kulturen und Sichtweisen machen vor dem Sport nicht halt. Die vielfältigen Blickwinkel sind aktuell zu beobachten. Wieder geht es um das IOC. Um seine Regel 50, die jegliche politische Demonstrationen auf dem Spielfeld, auf dem Podium und an Zeremonien verbietet. Keine zum Himmel geballte Faust, kein Niederknien gegen Rassismus. Obwohl dieser diametral den Olympischen Werten widerspricht.

Zurzeit organisiert die Athletenkommission des IOC eine weltweite Umfrage zur Regel 50 – für sich bereits ein Schritt vorwärts. Doch die Begeisterung für eine Änderung hält sich im Olymp des Sports in Grenzen. IOC-Boss Thomas Bach will die Spiele nicht zum Marktplatz für Demonstrationen werden lassen. Es stellen sich Fragen. Wo hören Gesellschaftsthemen auf und beginnen Propaganda und Diskriminierung? Darf man gegen den vermeintlich gedopten chinesischen Mitgewinner auf dem Podest protestieren?

Das IOC setzt als Konsequenz auf ein Verbot. Westliche Athleten sehen einen anderen Ansatz. Er geht von der Meinungsfreiheit aus, die auch für Sportler gelten muss. Eine Diskussion über Spielraum und Einschränkung anstatt über Verbot und Aufweichung. Und sie weisen auf einen wesentlichen Grundsatz in der laufenden Diskussion hin. Über ein Menschenrecht kann nicht mittels Mehrheitsbeschluss entschieden werden. Höchstens in einer Diktatur. Aber doch nicht in der wunderbaren Welt des Sports.

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