Wer in diesen Tagen Lewis Hamilton und Toto Wolff zuhört, bekommt eine erstaunliche Geschichte erzählt. Ausgerechnet der Mercedes-Pilot und sein Chef schildern, warum sich die Formel 1 so sehr nach der Auferstehung von Sebastian Vettel und Ferrari gesehnt hat.

Endlich werde wieder «positiv» über die Rennserie gesprochen, sagt Wolff: «Das enge Duell zwischen Ferrari und Mercedes interessiert die Fans sehr.» Und Hamilton jubelt regelrecht über die Herausforderung, sich mit Vettel, der nun ein konkurrenzfähiges Auto hat, messen zu können. «Nun kämpfen die besten Fahrer um den Titel. Ich darf mir nicht den geringsten Fehler erlauben. Es ist der ultimative Kampf», sagt der Engländer.

«Nun kämpfen die besten Fahrer um den Titel. Ich darf mir nicht den geringsten Fehler erlauben. Es ist der ultimative Kampf.»

Lewis Hamilton (l.), Mercedes-Fahrer und dreifacher Weltmeister:

«Nun kämpfen die besten Fahrer um den Titel. Ich darf mir nicht den geringsten Fehler erlauben. Es ist der ultimative Kampf.»

Der wichtige Markt in Europa

Wenn das erstaunliche Comeback der Equipe aus Maranello also selbst bei den grössten Rivalen Erleichterung freisetzt, kann es um die Königsklasse des Motorsports zuletzt nicht gut bestellt gewesen sein. Drei Jahre lang hatte Mercedes die Szene gelähmt hinter sich gelassen, von 59 Rennen gewannen Hamilton und der zurückgetretene Weltmeister Nico Rosberg 51.

Doch in dieser Saison herrscht dank Vettel plötzlich wieder Spannung. Mercedes fährt gegen einen Gegner, keine Opfer. Wer am Sonntag den Fernseher einschaltet, um sich den Grossen Preis von Russland anzuschauen, weiss vorher nicht, wer nach rund 90 Minuten als Erster über die Ziellinie fahren wird. Die Formel 1 macht endlich wieder Spass und im wichtigen Markt Deutschlands ziehen die TV-Quoten dank Vettel wieder an.

Ein Ferrari vor zwei Mercedes. In den letzten Jahren fast unmöglich, scheint es dieses Jahr üblich zu werden.

Ein Ferrari vor zwei Mercedes. In den letzten Jahren fast unmöglich, scheint es dieses Jahr üblich zu werden.

«Das Team ist näher zusammengerückt, viele Abläufe wurden geändert, und jetzt greifen diese Massnahmen», sagt Vettel über den langen Weg zurück zum Erfolg. Nach zwei Siegen in den ersten drei Rennen führt der Deutsche die WM-Wertung mit sieben Punkten Vorsprung vor Hamilton an. Noch wichtiger ist aber die Erkenntnis: Der 29-Jährige kann aus eigener Kraft gewinnen – ohne Fehler der Konkurrenz.

Ein echter Wettbewerb auf der Strecke spielt auch den neuen Besitzern der Formel 1, dem US-Unternehmen Liberty Media, in die Karten. «Die etablierten Märkte – die Basis der Formel 1 in Europa im Besonderen – sind von essenzieller Bedeutung», sagte der neue Chef Chase Carey.

«Das Team ist näher zusammengerückt, viele Abläufe wurden geändert, und jetzt greifen diese Massnahmen.»

Sebastian Vettel, Ferrari-Fahrer und vierfacher Weltmeister:

«Das Team ist näher zusammengerückt, viele Abläufe wurden geändert, und jetzt greifen diese Massnahmen.»

Nördlich und südlich der Alpen hoffen sie nun, dass Vettel endlich das Versprechen einlöst, das mit seiner Ankunft bei der Scuderia 2015 verbunden wurde: Er soll an die Erfolge eines Michael Schumacher anknüpfen. Die Parallelen zwischen ihm und seinem Idol Schumacher sind jedenfalls verblüffend.

Beide waren schon Weltmeister, als sie sich Ferrari, diesem Mythos auf vier Rädern, anschlossen. Die Erwartungen der Italiener an ihre deutschen Fahrer waren gross, die Probleme im Team aber noch grösser. Schumacher musste am Anfang genau wie Vettel unerwartete Rückschläge einstecken, beide mussten den Rennstall mit ihrem enormen Ehrgeiz erst wieder auf Erfolg trimmen, dafür sorgen, dass das Auto genau auf ihren Fahrstil, ihre Bedürfnisse hin entwickelt wird. Das brauchte Zeit. Schumacher gewann erst in seinem fünften Jahr bei Ferrari seinen ersten von fünf Titeln in Serie mit den Italienern.

Schweizer Werte

Vettel soll schon in seiner dritten Saison bei dem Traditionsrennstall um die WM kämpfen – und sie gewinnen. «Wir haben endlich ein konkurrenzfähiges Auto, auf das wir uns verlassen können, und es ist wichtig, dass wir nun das richtige Entwicklungstempo finden», sagte Ferrari-Präsident Sergio Marchionne. Um nach 2007 endlich wieder den Titel nach Italien zu holen, soll er dafür sogar neben den üblichen 350 Millionen Euro noch eine weitere dreistellige Millionensumme lockergemacht haben.

Die Podien der bisherigen Formel-1-Saison:

Und das Geld scheint in dieser Saison richtig investiert worden zu sein. Vettel vertraut dem neuen Technik-Chef Mattia Binotto voll und ganz. Der in Lausanne geborene Ingenieur konzentrierte sich nach den Enttäuschungen der Vorsaison schon früh auf die Konstruktion des aktuellen Autos unter dem neuen Aerodynamik-Reglement.

Als Nachfolger von James Allison – der mittlerweile bei Mercedes angeheuert hat – stiess er erfolgreich Veränderungsprozesse an. Der ruhige Binotto gilt als Menschenkenner, er holte sich neues Personal und förderte die Suche nach kreativen Lösungen. «Es ist wichtig, dass jeder seine Aufgabe kennt. Aber niemand ist wichtiger als das Team», sagte Binotto.

«Ferrari funktioniert jetzt, weil ein Schweizer da ist, der die Italiener organisiert, sie zum Arbeiten antreibt, aber ihnen gleichzeitig die Freiheit lässt, ihre Vorstellungen und Ideen auszudrücken.»

Niki Lauda:

«Ferrari funktioniert jetzt, weil ein Schweizer da ist, der die Italiener organisiert, sie zum Arbeiten antreibt, aber ihnen gleichzeitig die Freiheit lässt, ihre Vorstellungen und Ideen auszudrücken.»

Auch die Konkurrenz lobt seine Arbeit. Niki Lauda, Aufsichtsrats-Chef bei Mercedes, erklärte: «Ferrari funktioniert jetzt, weil ein Schweizer da ist, der die Italiener organisiert, sie zum Arbeiten antreibt, aber ihnen gleichzeitig die Freiheit lässt, ihre Vorstellungen und Ideen auszudrücken.»

Vettel betont zudem bei jeder Gelegenheit, wie wohl er sich in seinem «Gina» getauften Wagen fühlt. «Das Auto ist ein Traum», sagte er. Ob Vettel mit Ferrari auch wieder ein deutsch-italienisches Traumpaar bilden kann, wie es damals Schumacher und die Scuderia waren, muss sich noch zeigen. Aber Vettel ist auf einem guten Weg. Selbst die Rivalen freuen sich.