Formel 1

Ferrari, der rote Patient

Alfa-Pilot Kimi Räikkönen verfolgt in Spa Sebastian Vettel auf Ferrari. Am Ende des Rennens hatte Räikkönen die Nase deutlich vorn.

Alfa-Pilot Kimi Räikkönen verfolgt in Spa Sebastian Vettel auf Ferrari. Am Ende des Rennens hatte Räikkönen die Nase deutlich vorn.

Das Team Ferrari bewegt sich in der aktuellen Formel-1-WM fernab der Spitze im Niemandsland. Die Krise ist die Quittung für undurchsichtige, wohl unerlaubte Schachzüge in den letzten zwei Jahren.

Diese Demütigung hätte es nicht mehr gebraucht. Die Blamage für Ferrari im Grand Prix von Belgien wäre auch ohne das Überholmanöver von Kimi Räikkönen in einem Auto des Kundenteams Alfa Romeo gegen Sebastian Vettel gross genug gewesen. Es war lediglich der letzte Akt eines Trauerspiels, das am vergangenen Wochenende einen neuen Höhepunkt erreichte. Und dies vor den beiden bevorstehenden Heimrennen in Monza (Sonntag, 15.10, SRF 2) und Mugello (Sonntag, 13. September, 15.10, SRF 2).

Die Tragödie hat ihren Ursprung in einem Schmierentheater, für dessen Regie ausschliesslich die Entscheidungsträger der Scuderia verantwortlich sind. Die eigentlichen Hauptdarsteller Charles Leclerc und Vettel bezahlen die Zeche für Machenschaften, bei denen sich ihre Chefs mit allergrösster Wahrscheinlichkeit über die reglementarische Grauzone hinaus bewegt haben. Der Beweis für illegales Handeln fehlt zwar, doch die Indizien sind wegen des im Vergleich zur letzten Saison krassen Leistungsabfalls erdrückend. Die Ferraristi haben sich sozusagen selber entlarvt.

Plötzlich viel mehr Leistung

Stein des Anstosses ist der Antriebsstrang, bei dem die Pferdestärken in dieser Saison in den roten Autos in auffallendem Umfang eingebrochen sind - in gleichem Ausmass etwa, wie die PS-Zahlen vor zwei Jahren in die Höhe geschnellt waren. Der Zuwachs von knapp 40 PS nach einer Weiterentwicklung hatte bei den Konkurrenten Erstaunen ein erstes Mal ausgelöst und Fragen aufgeworfen.

Die Technik-Hüter des Internationalen Automobil-Verbandes FIA leiteten am Ende des vergangenen Jahres Untersuchungen ein und dürften dabei auf Unregelmässigkeiten gestossen sein. Die Ergebnisse machten sie allerdings nicht publik - und lösten damit einen Sturm der Entrüstung aus. Die Ende Februar versandte Meldung enthielt einzig die Verkündung, «nach einer gründlichen technischen Untersuchung die Analyse über die Antriebseinheit von Ferrari abgeschlossen, mit dem Team eine Einigung erzielt und über die Details des Abkommens Stillschweigen vereinbart zu haben». Dieses Verhalten heizte die Debatte zusätzlich an. Der Verdacht erhärtete sich. Ferrari wurde Betrug vorgeworfen.

Schweigen bei Ferrari und der FIA

Den unerlaubten Winkelzug sollen die Ingenieure der Scuderia bei der Durchlaufmenge des Benzins beziehungsweise bei deren Überwachung vorgenommen haben. Sie machten sich offenbar zunutze, dass der Benzinfluss nicht kontinuierlich, sondern mit Unterbrüchen gemessen wurde. Während diesen Intervallen war es möglich, den Brennkammern mehr Kraftstoff zuzuführen, was etwa in der Beschleunigungsphase zu mehr Leistung führen würde.

Die Oberen von Ferrari werden ihr Schweigen ebenso wenig brechen wie die Verantwortlichen der FIA. Teamchef Mattia Binotto begründet seine Weigerung mit dem Schutz «geistigen Eigentums». Der in Lausanne geborene Italiener verweist auf die Vertraulichkeit, auf den Fakt, dass Einblicke in den Ferrari-Motor auch Details offenlegen würden, die mit der eigentlichen Frage nichts zu tun hätten.

Für die mögliche Demaskierung der Angeschuldigten haben sie beim Weltverband trotz nicht veröffentlichter Untersuchungsergebnisse gesorgt. Die in den letzten Monaten herausgegebenen Direktiven zu den Themen «Benzindurchflussmenge» und «Einführung eines zweiten Sensors zur Durchfluss-Überwachung» entspringen mit Sicherheit nicht dem Zufall. Und wenn Binotto von der Umrüstung der Motoren spricht, die nach den neuesten Verordnungen nötig wurde, tönt das für die Gegner nach Schuldeingeständnis.

Schwächen in allen Bereichen

Wenn Binotto auch sagt, dass sie die Leistung des Triebwerks zur Verbesserung der Zuverlässigkeit bewusst verringert und beim Bau des aktuellen Autos den Fokus vermehrt auf Abtrieb und aerodynamische Effizienz gelegt hätten, klingt das plausibel. Oder würde es plausibel klingen, wenn der Rennwagen mit der Bezeichnung SF1000 nicht in allen relevanten Bereichen Schwächen zeigen würde.

Der Vergleich der in den zweiten freien Trainings für den Grossen Preis von Belgien im vergangenen und in diesem Jahr gefahrenen Rundenzeit förderte die Mängel schonungslos zutage. Ferrari war das einzige der zehn Teams, das am letzten Freitag deutlich schwächere Werte aufwies. Während sich die Konkurrenz ausnahmslos zu steigern vermochte, lagen die Fahrer von Ferrari 1,3 Sekunden über der Zeit der letzten Saison, als die Scuderia hier noch einen Doppelsieg feiern konnte.

Ein schwaches Ferrari Team schadet auch der Formel 1

Die schwarzen Wolken über den Roten sind ein deutliches Zeichen, dass sehr vieles im Argen liegt und sich in den Strukturen sehr vieles ändern muss, um den eigenen Ansprüchen wieder gerecht zu werden. Es ist im Sinne aller, denn ein Ferrari-Team in Trümmern schadet nicht nur dem Image des eigenen Unternehmens, sondern auch der Formel 1. Das gegenwärtige Elend passt nicht zu einem in der Hightech-Szene angesiedelten Sport, in dem Innovation und Fortschritt gross geschrieben werden.

Ferrari-Pilot Sebastian Vettel verbremst sich.

Ferrari-Pilot Sebastian Vettel verbremst sich.

Auf dem Weg zurück zur Normalität mit einer konkurrenzfähigen Scuderia Ferrari wird Geduld gefragt sein. So schnell kommt der rote Patient wohl nicht wieder auf die Beine. Quantensprünge werden vorerst nicht möglich sein, denn das Reglement verbietet in näherer Zukunft umfangreiche Veränderungen an Auto und Motor. In Maranello müssen sie sich auf weitere Demütigungen gefasst machen.

WM-Stand (7/17). Fahrer: 1. Hamilton 157 (2)*. 2. Verstappen 110 (1)*. 3. Bottas 107 (1)*. 4. Albon 48. 5. Leclerc 45. 6. Norris 45 (1)*. 7. Stroll 42. 8. Ricciardo 33 (1)*. 9. Perez 33. 10. Ocon 26. 11. Sainz 23 (1)*. 12. Gasly 18. 13. Vettel 16. 14. Hülkenberg 6. 15. Giovinazzi 2. 16. Kwjat 2. 17. Magnussen 1. - Teams: 1. Mercedes 264 (3)*. 2. Red Bull-Honda 158 (1)*. 3. McLaren-Renault 68 (2)*. 4. Racing Point-Mercedes 66+. 5. Ferrari 61. 6. Renault 59 (1)*. 7. AlphaTauri-Honda 20. 8. Alfa Romeo-Ferrari 2. 9. Haas-Ferrari 2. - * 1 Zusatzpunkt für schnellste Runde im Rennen. - + 15 Punkte Abzug (illegale Bauart der Bremsbelüftungen).

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