US Open
Federers Kampf gegen das eigene Vergessen bei einem Glas Wein

Die Erinnerungen an den letzten seiner fünf Siege in New York sind etwas verblichen. Nun steigt Roger Federer mit so wenigen Siegen wie zuletzt vor elf Jahren in die US Open. Gleichwohl strebt er seinen 21. Grand-Slam-Titel an.

Simon Häring
Merken
Drucken
Teilen
Roger Federers Erinnerungen an seine fünf Siege bei den US Open sind längst verblichen. Der letzte liegt bereits elf Jahre zurück (Keystone).

Roger Federers Erinnerungen an seine fünf Siege bei den US Open sind längst verblichen. Der letzte liegt bereits elf Jahre zurück (Keystone).

CH Media

Wer Roger Federer vor guten einem Monat im Wimbledon-Final spielen sah, der stellte sich die Frage, ob der Baselbieter dem Bad im Jungbrunnen entsprungen war. Fast fünf Stunden lang war er dem um fast sechs Jahre jüngeren Novak Djokovic ebenbürtig, hatte zwei Matchbälle und verbuchte mehr Punkte als sein Gegner.

Wie schnell solche Eindrücke verblassen, stellte jüngst Mats Wilander unter Beweis, einst selbst der Weltbeste und auch stets darum bemüht, mit seinen Aussagen zu polarisieren, sagte der Schwede: «Rafael Nadal ist der einzige Kontrahent, der Djokovic bei den US Open schlagen kann. Ich sehe niemanden anderes, der ihn bei einem Grand-Slam-Turnier über fünf Sätze bezwingen kann.» Das ist nicht nur populistisch, sondern auch falsch. Denn Anfang Juni bei den French Open hatte Dominic Thiem Djokovic in fünf Sätzen in die Knie gezwungen.

Federers Abgang – wortlos, grusslos, etwas ratlos

Aber bekanntlich ist es ja immer der letzte Eindruck, der haften bleibt. Und der war bei Roger Federer zuletzt äusserst zwiespältig. In Cincinnati verlor er in der dritten Runde in nur 62 Minuten mit 3:6, 4:6 gegen den Russen Andrey Rublev. Letztmals hatte der inzwischen 38-Jährige Anfang 2003 in Sydney gegen den Argentinier Franco Squillari ein Spiel in derart kurzer Zeit verloren. Was er auch machte - es misslang.

Federer offenbarte beim Aufschlag eklatante Schwächen, und wenn er ans Netz stürmte, wirkte das zuweilen kopflos - und war auch selten erfolgreich. Bei 19 Angriffen verlor er 12 Mal den Punkt. Federer stürmte vom Platz, ohne ein Autogramm zu geben – wortlos, grusslos, etwas ratlos. Später spielte er die Bedeutung der Niederlage herunter. «Ich war nicht mal allzu schlecht.»

Wenn er derart deutlich verliere, habe man immer das Gefühl: Was war los? Ist er verletzt, ist er krank? «Aber das ist nicht so. Ich kann ihm nur gratulieren.» Er selbst könne besser spielen, sagte Federer. Aber sein Gegner sei sehr aggressiv gewesen. «Da kannst du nicht mal zu frustriert sein.»

Sechs Mal Hoffen auf eine Initialzündung

Es zeichnete ihn schon immer aus, das Glas halb voll, statt halb leer zu sehen. Und so ist es auch vor den US Open, als er sagt: «Ich bin froh, bin ich hergekommen und hatte einige gute Trainings.» Das Wichtigste sei, dass er nicht verletzt sei. «So gut habe ich mich vor den US Open seit Jahren nicht mehr gefühlt.» Letztmals spielte Federer vor vier Jahren ohne Beschwerden bei den US Open.

2016 hatte er die Saison Ende Juli wegen Kniebeschwerden abgebrochen, 2017 erreichte er trotz eines blockierten Rückens die Viertelfinals, sprach nach dem Ausscheiden aber von einer Erlösung und war froh, «dass es endlich vorbei ist». Und im letzten Jahr begleiteten ihn Schmerzen an der Schlaghand durch den Spätsommer. Federer scheiterte bereits in den Achtelfinals, er wurde ein Opfer der Hitze, wirkte matt, ausgelaugt, und zum ersten Mal alt.

Das Glas Wein mit Frau Mirka

Nüchtern betrachtet blickt Federer auf ein hervorragendes Jahr zurück. Er gewann Turniere in Dubai, Miami und Halle, verpasste in Wimbledon nach einem hinreissenden Final seinen 21. Grand-Slam-Titel nur knapp, erreichte bei den French Open die Halbfinals, ist die Nummer drei der Welt und hat 37 seiner 31 Spiele gewonnen.

Sich an diesen Zahlenreihen aufzurichten, fiel aber selbst ihm, dem Optimisten, schwer. «Als ich wieder zu trainieren begann, hatte ich Flashbacks – von den guten und schlechten Momenten. Es war schwierig», sagte Federer. Er befindet sich in einem ständigen Kampf – gegen die negativen Erinnerungen, aber auch gegen das eigene Vergessen. Das Vergessen der Siege.

Stan Wawrinka Mit dem Viertelfinalvorstoss bei den French Open weckte Stan Wawrinka Hoffnungen, er könnte zwei Jahre nach zwei Eingriffen am linken Knie wieder bis an die Weltspitze vorstossen. Doch seither tut sich der 33-Jährige schwer. Bei vier Turnieren gewann er nur noch vier Spiele. Und so befindet sich der US-Open-Sieger von 2016 im Niemandsland der Weltrangliste auf Platz 24. Er misst sich in der ersten Runde mit einem Qualifikanten und könnte in den Achtelfinals auf Novak Djokovic treffen.
6 Bilder
Belinda Bencic Fulminant der Frühling mit dem Turniersieg in Dubai, den Halbfinals in Miami und Madrid, bescheiden der Sommer von Belinda Bencic (WTA 13). In Wimbledon scheiterte sie in der dritten Runde, in Toronto in den Achtelfinals, und zuletzt in Cincinnati gab die 22-Jährige wegen einer Fussverletzung in der Startrunde auf. Im Vorfeld der US Open konnte Bencic deshalb nur dosiert trainieren. Ihre erste Gegnerin ist Mandy Minella (WTA 142). Bereits in den Achtelfinals wartet Naomi Osaka (WTA 1) aus Japan.
Timea Bacsinszky Zuletzt verlor die inzwischen 30-jährige Romande vier Mal in Folge in der ersten Runde. Und bei den US Open tut sich Timea Bacsinszky (WTA 88) besonders schwer. In neun Anläufen scheiterte sie fünf Mal in der ersten Runde. Letztmals konnte sie in New York 2016 ein Spiel siegreich gestalten. Lösbar erscheint die Aufgabe in der Startrunde, wo sie auf die erst 17-jährige Amerikanerin Caty McNally (WTA 121) trifft. Allerdings verlor Bacsinszky das bisher einzige Duell im März in Indian Wells.
Viktorija Golubic Seit Wimbledon wartet die 26-Jährige auf einen Sieg. Und die Hauptprobe für die US Open ging gründlich in die Hose. Zwar spielte sich Viktorija Golubic in der Bronx durch die Qualifikation, gewann in der Startrunde aber nur ein Game, 0:6, 1:6. Bei den US Open steht die Nummer 73 der Welt zum dritten Mal im Hauptfeld, wartet aber noch auf den ersten Sieg. Fraglich, ob es in diesem Jahr klappt. Golubic misst sich mit der Tschechin Marketa Vondrousova (20, WTA 17), der French-Open-Finalistin.
Henri Laaksonen Mitte Juli war Henri Laaksonen noch die Nummer 93 der Welt und steht damit im Hauptfeld der US Open, obschon der 27-Jährige inzwischen bis auf Platz 120 abgerutscht ist. Das erste Halbjahr brachte Laaksonen in Melbourne und Paris die ersten Siege bei einem Grand-Slam-Turnier überhaupt. Und die Chancen, auch in New York erstmals ein Spiel für sich zu entscheiden, sind intakt. Das bisher einzige Duell gegen den Italiener Marco Cecchinatto (26, ATP 67) gewann Laaksonen im Herbst 2018 in Basel.
Jil Teichmann Vor einem halben Jahr war Jil Teichmann noch die Nummer 175 der Welt. Danach gewann sie in Prag und in Palermo ihre ersten Titel, beide auf Sand. 25 der 31 Siege 2019 feierte sie auf ihrem Lieblingsbelag. Weniger wohl fühlt sich die 22-Jährige auf Hartplätzen. In Cincinnati und in der Bronx verlor sie in der ersten Runde. Immerhin: 2018 stand Teichmann bei den US Open erstmals im Hauptfeld eines Major-Turniers und feierte den bisher einzigen Sieg. Ihre Gegnerin ist die Belgierin Elise Mertens (WTA 26).

Stan Wawrinka Mit dem Viertelfinalvorstoss bei den French Open weckte Stan Wawrinka Hoffnungen, er könnte zwei Jahre nach zwei Eingriffen am linken Knie wieder bis an die Weltspitze vorstossen. Doch seither tut sich der 33-Jährige schwer. Bei vier Turnieren gewann er nur noch vier Spiele. Und so befindet sich der US-Open-Sieger von 2016 im Niemandsland der Weltrangliste auf Platz 24. Er misst sich in der ersten Runde mit einem Qualifikanten und könnte in den Achtelfinals auf Novak Djokovic treffen.

Schweiz am Wochenende

Fünf Mal hat Roger Federer die US Open von 2004 bis 2008 gewonnen und zwei weitere Male (2009 und 2015) den Final erreicht. Es fühlt sich an wie die Erinnerung an eine andere Zeit. «An die Triumphe erinnert man sich nicht so lebhaft wie an Niederlagen. Umso mehr nach einer solch engen und denkwürdigen wie in diesem Final», sagte er.

Manchmal habe er darüber nachgedacht, was er anders hätte machen können. «Aber am nächsten Tag trinkst du mit deiner Frau ein Glas Wein und denkst dir: ‹Hey, der Halbfinal war gut. Und der Final eigentlich auch.›» Er sei stolz, Teil eines begeisternden Finals gewesen zu sein.

Vielleicht hat Roger Federer sich bei diesem Glas Wein, beim Blick auf das Schweizer Alpenpanorama, auch an seinen letzten Triumph in New York vor elf Jahren und die Wochen davor erinnert. Damals hatte er letztmals so früh in Cincinnati verloren wie in diesem Jahr. Danach gewann er zum fünften Mal und bislang letzten Mal die US Open.