Wimbledon
Federer und Murray kämpfen im Halbfinal um die Gunst der Fans

Heute kommt es hart auf hart. Nummer zwei und drei der Weltrangliste liefern sich ab ca. 16.30 Uhr (MEZ) das Duell der Superlative. Andy Murray geniesst als Brite den Heimvorteil, während Roger Federer weltweit als Publikumsliebling gefeiert wird.

Michael Wehrle, Wimbledon
Drucken
Teilen
Roger Federer oder Andy Murray: Wer schafft den Einzug ins Wimbledon-Final?

Roger Federer oder Andy Murray: Wer schafft den Einzug ins Wimbledon-Final?

Keystone

Auf diesen Halbfinal haben die Fans seit zwei Wochen gewartet, seit der Auslosung. Lokalmatador Andy Murray fordert Publikumsliebling Roger Federer. Erstaunlicherweise war die Warteschlange gestern so kurz wie noch nie. Um neun Uhr standen lediglich 18 Zelte, dabei dürfen die Fans ab sechs Uhr aufbauen. Das sah bisher ganz anders aus. Vor einigen Tagen waren die 500 Tickets für den Centre-Court schon kurz nach sechs Uhr vergeben. Wer später kam, der ergatterte nur noch ein Ticket für Court 1.

Wahrscheinlich spielte der U-Bahnstreik gestern eine Rolle. Heute wird das ganz anders aussehen. Plätze im Centre-Court gibts für die Fans in der Warteschlange dann keine mehr, dafür noch auf dem Henman Hill, vor der grossen Leinwand. Dort drängen sich die Menschen, sobald Murray über den grossen Bildschirm flimmert.

Federer erwartet ein tolles Publikum, aber keine aufgeheizte Atmosphäre. «Sie stehen hinter Andy, aber sie feuern auch mich an», sagt Federer. Es liegt wohl an der Leistung der beiden, wem die Herzen zufliegen. Vor dem ersten Ballwechsel steht es unentschieden.

Das Publikum als Gegner

Klar, Murray erlöste Grossbritannien vor zwei Jahren, als er 77 Jahre nach Fred Perry die Trophäe endlich wieder auf die Insel holte. Doch Murray ist und bleibt ein Schotte, der einst provozierte, es gebe nichts Schöneres, als wenn Schottland im Fussball England schlage.

«Roger ist sehr beliebt, deshalb werden mich die Fans wohl nicht so stark unterstützen wie in anderen Matches», sagt Murray selbst. Federer hatte in Wimbledon das Publikum auch schon gegen sich. «Als ich vor 14 Jahren hier gegen Tim Henman im Viertelfinal verloren habe, da standen die Fans wie eine Mauer hinter ihm, das hat ihm vielleicht schon geholfen», sagt Federer.

Nur, da war er noch ein junger Kerl. Heute ist Federer weltweit ein Idol. Es sei aber schon speziell in Wimbledon, sobald ein Einheimischer spiele, werde es laut. Es werde nicht geklatscht, sondern gebrüllt.

Noch viel schlimmer aber sei es beim US Open gewesen, 2005 im Final gegen Andre Agassi. «Da jubelte das Publikum selbst bei meinen Fehlern frenetisch, ich war tatsächlich ein bisschen geschockt, so hatte ich es nicht erwartet», erinnert sich Roger Federer: «Aber das hat mir die Augen geöffnet, ich wusste dann, dass ich auch das aushalten kann.»

Der legendäre Sommer 2012

Heute kommt es zum 24. Duell zwischen Murray und Federer. Der Schweizer führt 12:11. In Wimbledon steht es unentschieden. Vor drei Jahren trafen sie sich innerhalb von vier Wochen in zwei Finals. Bittere Tränen flossen bei Murray, als ihm Roger Federer den Pokal mit der goldenen Ananas wegschnappte. Zum 17. und bisher letzten Mal triumphierte der Schweizer damals bei einem Grand-Slam-Turnier. Murray revanchierte sich schnell, fegte Federer beim Kampf um Olympiagold vom Centre-Court.

«Dieser Sieg war der Wendepunkt in meiner Karriere», blickt er zurück. Wenig später gewann er in New York endlich sein erstes Grand-Slam-Turnier und mit diesem Rückenwind beendete er ein Jahr später auch das britische Trauma in Wimbledon. Murray gehörte endgültig zu den Big 4 mit Federer, Novak Djokovic und Rafael Nadal.

«2012 war ein grosser Sommer für uns beide», sagt Federer. Und der Weg zum erneuten Treffen mit Murray in Wimbledon sei lang gewesen. «Aber ich fühle mich frisch und habe noch genug Energie im Tank für ein hoffentlich grossartiges Match gegen Andy», sagt er. Was bisher war, zähle nun nichts mehr: «Jetzt beginnt die Zeit, wo es kracht, wo du zeigen musst, ob dein Tennis wirklich auf der Höhe ist.»

Alles wieder bei Null

Das sieht Murray genauso: «Im Einzelsport zählen vergangene Matches nicht mehr, alles hängt von deiner Vorstellung am Spieltag ab.» Natürlich könne er aus vergangenen Matches etwas mitnehmen, probieren, ob dieselbe Taktik funktioniere wie bei Olympia: «Aber Roger kann diesmal ganz anders spielen, dann muss ich mich anpassen.»

Heute hoffen die Fans auf ein grosses Duell. Es wird laut werden, im Centre-Court und auf dem Henman Hill. Dorthin stürmen die Zuschauer, sobald sie auf der Anlage sind. Dann warten sie stundenlang, bis das Spektakel beginnt.

Aktuelle Nachrichten