Interview
FCSG-Sportchef Sutter vor dem Neustart: «Es ist machbar, jeden dritten Tag zu spielen, man sollte also kein Drama daraus machen»

Am Freitag nimmt die Super League nach vier Monaten Unterbruch die Meisterschaft wieder auf. Wie sieht Alain Sutter den FC St.Gallen vor dem Wiederbeginn in Sitten? Der Sportchef des Leaders über Belastungen, Bauchgefühle und Bedenken. Und über seinen Trainer Peter Zeidler, den womöglich Hoffenheim verpflichten will.

Interview: Patricia Loher und Christian Brägger
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Alain Sutter ist zum ersten Mal Sportchef eines Super-League-Clubs.

Alain Sutter ist zum ersten Mal Sportchef eines Super-League-Clubs.

Gian Ehrenzeller (Bad Ragaz, 5.Juni 2020

Ein verrückter Fussballsommer steht bevor – kann der Sportchef seine Lust beschreiben auf das, was alles auf den FC St.Gallen zukommt?

Alain Sutter: Ich freue mich. Trainer Peter Zeidler hat das perfekte Wort gewählt – es wird ein «Abenteuer». Wir wissen nicht, was kommt, jeder wird bis zum Äussersten gefordert sein. Es geht Schlag auf Schlag, abhaken, weiter geht’s, das nächste Spiel, wieder konzentrieren. Ich bin gespannt, wie wir das meistern. Ich liebte es schon als Spieler, jeden dritten Tag eine Partie zu bestreiten – weil ich nicht so gerne trainierte und mir aussergewöhnliche Situationen stets gefielen. Vielleicht ist es eine Charaktereigenschaft von mir, dass nicht alles Routine sein muss.

Wie nehmen Sie das Team wahr?

Die Freude ist da, die Begeisterung im Training ist dieselbe wie zuvor. Schön war zu sehen, dass nichts verloren gegangen ist in der Pause. Ich habe die Mannschaft sofort wiedererkannt. Dass die Intensität gesteigert und physisch wieder der Aufbau gemacht werden musste, war logisch. Aber was den Fussball und das Mentale anbelangt, war alles noch da.

Ist St.Gallen als Leader der Super League Jäger oder Gejagter?

Es ist dasselbe wie vorher. Es geht immer von Spiel zu Spiel, alles andere ist völlig uninteressant.

Sie machen sich tatsächlich keine Gedanken, was möglich sein wird?

Nie. Mich interessiert nicht, was sein könnte. Man verpasst das Leben, wenn man nicht bewusst erlebt, was gerade passiert. Ich will im Jetzt präsent sein. Alles andere kommt von selbst.

Im letzten Spiel vor der Zwangspause zünden die St.Galler gegen die Young Boys im ausverkauften Kybunpark ein Feuerwerk: Lukas Görtler bejubelt in der 91. Minute das 3:2. Die Partie endet 3:3.

Im letzten Spiel vor der Zwangspause zünden die St.Galler gegen die Young Boys im ausverkauften Kybunpark ein Feuerwerk: Lukas Görtler bejubelt in der 91. Minute das 3:2. Die Partie endet 3:3.

Urs Bucher

Also haben Sie das 3:3 gegen die Young Boys schnell abgehakt?

Ja. Man muss die Sache gedanklich sofort abschliessen, es geht weiter. Nach dem Spiel ist es bei mir vorbei, es hat keine Relevanz mehr. Ich habe nur einmal und rein zufällig in dieses 3:3 reingezappt. Beruflich kümmert man sich gewiss länger um ein Spiel, weil es für die Analyse wichtig ist.

Wie sah Ihre Arbeit während der Coronazwangspause aus?

Ganz abschalten vom Fussball konnte ich nie. Es ist mein Job, mir über die Zukunft Gedanken zu machen und mit dem Trainer das Gespräch zu suchen. Mit wem verlängern wir? Wo sind Transfers offen? Was für Spieler suchen wir? Wo beobachten wir Akteure? Nahtlos konnte ich natürlich nicht weitermachen, aber der Inhalt blieb gleich.

Die Konsequenzen für den Club sind nicht absehbar.

Unsicherheiten gibt es nur hinsichtlich der Entscheide, die wir fällen müssen. Wir denken in Szenarien, in denen wir skizzieren, was sie für den Club bedeuten. In dieser Phase musst du flexibel bleiben. Der Verwaltungsrat hat mir einfach seine Richtlinien durchgegeben, auch fürs Budget.

Bleibt es bei 7,6 Millionen Franken?

Wir bewegen uns schon am unteren Ende, grosse Sprünge sind nicht möglich. Weil wir in den vergangenen zwei Jahren den Betrag bereits um 1,5 Millionen gesenkt haben, ist es unser Ziel, dass wir auf diesem Niveau in der Krisenzeit versuchen, weiter zu machen.

Es hiess lange, der Fussball brauche keine finanzielle Unterstützung vom Staat, da sowieso alle genug verdienen. Nervt das?

Nein, ich rege mich selten auf über Aussagen anderer. Sie werden Gründe dafür haben, das so zu sehen. Wichtig ist, dass die Entscheidungsträger den Überblick haben und faire Beschlüsse fassen, wo es Unterstützung braucht. Vielleicht nervt es auch nicht, weil man weiss, dass es in Wahrheit anders ist.

Die Schweizer Clubs verpassten es aber, sich in der Krise ein gutes, einheitliches Image zu geben.

Es gab halt verschiedene Meinungen, weil für jeden andere Parameter gelten. Es gibt Konkurrenz, jeder schaut für sich und versucht, das Beste für sich herauszuholen. Einige taten dies öffentlich kund, andere nicht, da hat jeder Verein seine eigene Strategie. Am Ende hat man dann einen Mehrheitsentscheid als gemeinsamen Nenner.

Weshalb beginnt die Schweizer Liga trotz früher Pause erst jetzt?

Ich weiss es nicht, bin aber um jeden Tag mehr Vorbereitung froh, nur schon wegen der Gesundheit der Spieler. Der Körper muss wieder aufgebaut werden, sich an die Belastung herantasten. Wir haben Verantwortung für die jungen Menschen, damit diese so gesund wie möglich durch die Karrieren kommen.

Wird die Gesundheit einer zu grossen Belastung ausgesetzt?

Mannschaften wie Bayern München oder Real Madrid sowie Nationalspieler zeigen Jahr für Jahr, dass es machbar ist, jeden dritten Tag zu spielen. Man sollte also kein Drama daraus machen, sondern mit den Begebenheiten umgehen. Für Schweizer Teams ist das Tempo gewiss unglaublich, sie sind sich das nicht gewohnt, dazu diese lange Pause. Die Situation ist jedoch aushaltbar, aber natürlich werden es extreme Wochen.

Verändert sich mit den Geisterspielen der Fussball?

Der Fussball nicht. Aber das Erlebnis. Ich weiss von meiner Zeit in Deutschland, dass Spiele dort oft nicht besser waren als in der Schweiz. Aber sie sehen viel besser aus, sind unterhaltsam, wenn man in einem vollen Kessel das Spiel macht und es tobt links und rechts. Wenn wir die gleiche Partie vor halbleeren oder leeren Rängen anschauen müssen, erlebt man diese ganz anders.

«Selbst wenn wir eine solche Situation bereits erlebt hätten, wären Prognosen schwierig»: Alain Sutter.

«Selbst wenn wir eine solche Situation bereits erlebt hätten, wären Prognosen schwierig»: Alain Sutter.

Gian Ehrenzeller/Keystone

Aus Deutschland gibt es die Beobachtung, dass Spieler besser werden, wenn keine Zuschauer im Stadion sind. Weil der Druck von den Rängen wegfällt.

Das sind Vermutungen von Journalisten. Gewiss, alles hat eine Auswirkung. Man weiss aber noch nicht, wovon und wie die Spieler beeinflusst werden. Den einen beflügelt ein volles Stadion, ein anderer ist blockiert. Selbst wenn wir eine solche Situation schon erlebt hätten, wären Prognosen schwierig. Weil wir die Zeit ja weitergelaufen ist, die Betroffenen sich entwickelt haben und keine Roboter sind.

Hat es Sie überrascht, wie schnell es gelungen ist, eine Mannschaft auf die Beine zu stellen, die bis zur Coronapause all das umsetzte, was dem Club vorschwebt?

Wenn ich jetzt sage, dass ich überrascht bin, impliziert das: Es ist nur zufällig passiert. Deshalb mag ich das Wort «Überraschung» nicht. Natürlich hat uns die Mannschaft richtig grosse Freude bereitet. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass sie so stark aufgetreten ist. Wenn wir aber sagen, das war Glück, heisst das auch, dass wir die Augen schlossen, würfelten, und dann ist es passiert. Ich bin sehr achtsam mit den Worten, die ich brauche. Es wäre auch überheblich zu behaupten, wir hätten gewusst, dass es genau so kommt.

Hilft vor allem das Bauchgefühl?

Am Schluss ist es eine Kombination aus Bauchgefühl und Erkennen von fussballerischen Fähigkeiten. Mit Lukas Görtler beispielsweise hat Peter Zeidler öfters telefoniert. Aber trotzdem weiss man dann noch nicht, wie jemand ist, weil man ihn noch nicht kennt. Es fehlt an der Zeit, einen Spieler im Vorfeld eines Transfers ein paarmal zu besuchen. Viel hat mit Beobachten und Intuition zu tun. Peter Zeidler war ja Pädagoge, er hatte schon immer mit Menschen zu tun. Ich habe während meiner Coachingzeit das Gefühl für Menschen bekommen. Das spielt alles mit. Wichtig ist, ehrlich zu sein und deshalb ist es völliger Schwachsinn, zu behaupten, wir hätten gewusst, dass das alles so gut kommt. Und es hat ja auch nicht mit allen Spielern funktioniert. Wir haben nicht das Gefühl, wir könnten über Wasser gehen.

Wird sich die Mannschaft nach dieser Saison stark verändern?

Im Moment ist das schwer absehbar. Wir haben ein junges Team, das stark gespielt hat. Viele zuvor unbekannte Akteure haben sich ins Schaufenster gespielt, auf sich aufmerksam gemacht. Genau das wollen wir ja. Was alles in den nächsten Wochen passiert, ob wir erfolgreich sind oder nicht, ob jeder Einzelne gut spielt oder nicht, wird definieren, wie es im Sommer weitergeht.

Die Vertragsverlängerungen von Babic, Fazliji und Guillemenot suggerieren, dass St.Gallen weiterhin auf die jungen Spieler setzt.

Wir setzen alles daran, so viele Spieler wie möglich aus diesem Team zu behalten, weil wir glauben, dass jeder einzelne und die Mannschaft noch besser werden können.

Hoffenheim hat den Trainer entlassen, Peter Zeidler soll einer der Kandidaten sein. Was lösen solche Gerüchte bei Ihnen aus?

Trainer Peter Zeidler verfügt in St.Gallen noch über einen Vertrag bis 2022.

Trainer Peter Zeidler verfügt in St.Gallen noch über einen Vertrag bis 2022.

Michel Canonica

Ich bin sehr realistisch. Es ist ein Teil des Geschäftes. Peter Zeidler macht in St.Gallen einen fantastischen Job. Es ist ein Kompliment für den FC St.Gallen, für ihn und für die Mannschaft. Immer wenn bei einem anderen Club sein Name fällt, ist das ein Auszeichnung für uns. Trainer wie er sind begehrt. Ich wäre vielmehr überrascht, wenn sein Name nirgends auftauchen würde.

Als sie vor einem Jahr mit Zeidler verlängerten, hiess es, das sei voreilig und ohne Not passiert. Nun erhalten Sie recht.

Es war auch damals das Bauchgefühl, wir spürten, dass es passt. Und wir sagten ja von Beginn an, dass wir über eine längere Zeit zusammenarbeiten möchten. Natürlich, die Leute dürfen eine andere Meinung haben. Aber am Schluss müssen wir entscheiden.

Es kann ja auch passieren, dass Sie das Interesse anderer Vereine wecken.

Das kann sein. Jeder, der sich im Umfeld eines Clubs bewegt, der einigermassen vernünftig spielt, kann Interesse wecken.

Der Sportchef des Leaders

Am Samstag startet der FC St.Gallen quasi zum dritten Mal in die Saison 2019/20 – und steht mit 13 Ligaspielen in sechs Wochen vor einem Mammutprogramm. Mittendrin seit zweieinhalb Jahren ist Sportchef Alain Sutter, der den Ostschweizern mit Trainer Peter Zeidler ein Profil verpasst hat mit hohem Wiedererkennungswert. In diese finale Phase, die für Sutter viele Unwägbarkeiten bringen wird, geht St.Gallen aus der Pole Position. Der 52-Jährige sagt: «Ich freue mich auf das bevorstehende Abenteuer.» (cbr)

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