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FCB-Star Fabian Schär: «Zu provozieren, ist nicht meine Absicht»

«Manche sagen, mein Stil wirke lustlos.» Ändern will Fabian Schär dennoch nichts. Mathias Marx

«Manche sagen, mein Stil wirke lustlos.» Ändern will Fabian Schär dennoch nichts. Mathias Marx

Fabian Schär spielt ruhigen und überlegten Fussball. Neben seiner Karriere absolvierte er eine Bankenlehre. Morgen trifft er mit dem FCB auf Champions League-Gegner Chelsea – im Interview spricht er über Jugendidole und Pöbeleien in Zürich.

Was bedeutet Chelsea für Sie?

Fabian Schär: Absolute Topmannschaft, viele Erfolge in der Vergangenheit – und für den FC Basel gute Erinnerungen. Rückblickend kann man den Coup (2:1-Sieg; die Red.) an der Stamford Bridge nicht hoch genug einschätzen, ich werde das Spiel nie vergessen.

Wann und wie haben Sie als Teenager den FC Chelsea erstmals wahrgenommen?

Chelsea ist ja nicht wie Manchester United seit Jahrzehnten top. Erst nach dem Einstieg von Roman Abramowitsch (1. Juli 2003; d. Red.) hat sich die Mannschaft in eine Startruppe verwandelt. Seither verfolge ich die Entwicklung genau.

Der FC St. Gallen spielte einst im Uefa-Cup gegen Chelsea. Haben Sie als Wiler Erinnerungen daran?

Davon wusste ich gar nichts.

Nicht? Das war im Jahr 2000.

Da erwischen Sie mich jetzt auf dem falschen Fuss (lacht). Ich war nie ein Fan von St. Gallen, als Wiler drücke ich dem FCW die Daumen. Und damals war ich sowieso erst neunjährig.

Am Dienstag treten Sie mit dem FC Basel erneut gegen Ihre Jugendidole an. Was bedeutet das für Sie?

Dass es eine riesige Herausforderung für einen jungen Verteidiger wie mich ist, mich mit solchen Weltklassestürmern zu messen. Ich sehe das pragmatisch und will vor allem eines: dazulernen. Und zum Begriff «Jugendidole» . . .

Ja?

Es gab für mich nie einen Spieler, dem ich alles nachmachen wollte.

Hatten Sie als Kind denn überhaupt vor, Fussballer zu werden?

Welches Kind hat das schon nicht vor? (lacht) Der Traum war immer da. Aber als Kind kann man noch nicht glauben, dass Träume wahr werden.

Ihnen wurde als Junior nachgesagt, sie seien zu bequem. Beim kleinen FC Wil fielen sie durch den Raster, der Weg zeigte in Richtung Breitenfussball.

Jeder entwickelt sich anders. Bei mir haben die entscheidenden Fortschritte sehr spät eingesetzt. Während andere mit 15 Jahren in Basel Profiverträge unterschreiben und Juniorenländerspiele bestreiten, war bei mir plötzlich Stillstand.

Körperlich, fussballerisch oder mental?

Schwierig zu sagen. Bis dahin konnte ich viel mit meinem Talent wettmachen, was aber irgendwann nicht mehr reicht. Da brauchte ich Zeit, um zu realisieren: Wenn ich es packen will, muss ich jetzt Gas geben.

Gab es Momente, wo Sie den Glauben verloren haben? Sie haben nie bedingungslos auf Fussball gesetzt, sondern auch eine Banklehre abgeschlossen.

Nur Fussball stand für mich nie zur Debatte. Erstens gab es nie entsprechende Angebote, zweitens wollte ich immer ein sicheres Standbein neben dem Sport. Was aber nicht heisst, dass ich den Fussball vernachlässigt oder den Glauben verloren habe. Beides unter einen Hut zu bringen, war anstrengend, heute bin ich sehr froh darüber.

Was sind die Vorteile Ihres Weges?

Ich habe beide Seiten gesehen. Viele Fussballer wissen nicht, wie es ist die Schulbank zu drücken oder stundenlang am Bankschalter zu bedienen. Dadurch weiss ich auch viel mehr zu schätzen, welch grosses Privileg ich jetzt habe.

Und was sind die Nachteile?

Für mich persönlich gibt es keine.

Auf dem Platz wirken Sie immer sehr gelassen. Hat das mit dem Weg zu tun, den Sie hinter sich haben?

Möglich, wobei das einfach meinem Charakter entspricht. Ich habe schon immer so gespielt. Manche sagen, mein Stil wirke lustlos. Aber das bin ich und ich möchte daran auch nichts ändern.

Manchmal, so haben wir den Eindruck, reizen Sie es auch aus. Indem Sie lange mit dem Abspiel warten und Sie der Gegner dann doch noch erwischt und Ihnen den Ball klaut.

Andere dreschen den Ball einfach nach vorne, wenn sie unter Druck sind. Ich möchte immer eine konstruktive Lösung finden, das dauert manchmal etwas länger und führt dazu, dass es eng wird. Aber etwas auszureizen oder zu provozieren, ist nicht meine Absicht.

Zurück zum Spiel gegen Chelsea. Kann der FC Basel morgen eine Leistung wie in London wiederholen?

Absolut. Wir haben in diesem Jahr öfters gezeigt, wozu wir fähig sind. Tottenham und Zenit St. Petersburg waren absolute Topmannschaften, die wir besiegt haben. Wir brauchen einen super Tag, dann ist es möglich.

Wenn man die Resultate des FCB in der Gruppenphase der Champions League betrachtet, könnte man zum Schluss kommen: Der Sieg in London war Gift, weil er danach nicht bestätigt werden konnte.

Das glaube ich nicht. Die Erwartungshaltung stieg in atemberaubende Sphären, einige haben uns schon als Gruppensieger gesehen. Wir Spieler wussten, dass der Weg in die Achtelfinals ein sehr langer ist und wir uns für den Chelsea-Sieg nichts kaufen können.

Wie schätzen Sie die Entwicklung von Chelsea vom Hinspiel bis heute ein?

Damals war die Saison noch jung. Auch bei Chelsea klappt dann noch nicht alles, wenn ein neuer Trainer da ist. Mittlerweile sind sie ins Rollen gekommen, was es für uns nicht einfacher macht.

Ein Sieg gegen Chelsea käme einem Befreiungsschlag gleich, wenn man die letzten Resultate und die Unruhen rund um den FC Basel betrachtet.

Es wäre ein wichtiger Sieg, aber in die Achtelfinals bringt er uns noch nicht. Drei Punkte würden uns pushen für die letzten Spiele vor Weihnachten.

Braucht der FCB überhaupt einen Befreiungsschlag?

Gute Frage. Es wird viel geschrieben über Unruhen und schlechte Stimmung. Aber wie es wirklich in der Mannschaft aussieht, wissen nur wir Spieler. Ich sehe das Ganze längst nicht so dramatisch, wie es in den Medien rüberkommt.

Aber auch die Resultate waren nicht immer so, wie man sich das in Basel vorstellt.

Natürlich. Aber wir sind in der Champions League, Cup und Meisterschaft so dabei, wie wir uns das erhofft haben. Darum denke ich nicht, dass wir einen Befreiungsschlag brauchen.

Das Rumoren beim FCB ist Neuland für Sie. Wie gehen Sie damit um?

Ich will mich einzig und allein auf den Fussball konzentrieren. Würde ich mir alles zu Herzen nehmen, hättedas negative Auswirkungen auf meine Leistung.

Wie fest nehmen Sie sich denn zu Herzen, dass Arsenal, Juventus und Dortmund an Ihnen interessiert sein sollen?

Nicht gross. Ich weiss mittlerweile, wie schnell und grundlos ein Gerücht entsteht und in der Zeitung steht.

Stört Sie das Geschriebene?

Nein, das dann schon nicht.

Wissen Sie vom Interesse gewisser Vereine?

Interesse ist schnell einmal da. Aber ich bilde mir nichts darauf ein. Wenn, dann bin ich einer von vielen auf der Liste eines Topklubs.

Haben Sie einen Karriereplan?

Ja, es gibt es eine grobe Zukunftsplanung. Aber zu weit möchte ich nicht in die Zukunft blicken. Ich weiss aus meiner Vergangenheit, wie unsicher das Gerüst im Fussball ist und dass schnell alles vorbei sein kann.

Denken Sie, ein spezieller Spieler zu sein?

Was meinen Sie damit?

Schon drei Länderspieltore nach drei Länderspielen. Gut vier Monate nach Ihrem Abgang beim FC Wil Stammspieler beim FCB. Ihre Ruhe am Ball. Für einen 21-jährigen Verteidiger schon speziell.

So bin ich, so spiele ich. Ich hatte im letzten Jahr sicher auch das Glück, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es ist vieles für mich gelaufen. Das heisst aber nicht, dass ich mich mit dem Erreichten zufrieden gebe.

Welchen Einfluss hat Murat Yakin auf Ihre rasante Entwicklung?

Es ist für jeden Spieler wichtig, dass ihm der Trainer Vertrauen schenkt. Ausserdem profitiere ich enorm davon, dass er als Spieler auf der gleichen Position gespielt hat. Seit Yakin hier ist, habe ich einen weiteren, riesigen Schritt gemacht.

Hat Yakin Ihnen schon mal gesagt, Sie seien ein spezieller Spieler?

Nein. Ich glaube, das macht kein Trainer.

Vor einem Jahr konnten Sie unbemerkt durch Basel streifen. Heute werden Sie fast überall erkannt. Wie gehen Sie mit der verlorenen Anonymität um?

Diese Popularität ist neu für mich. Es ist nicht immer einfach, wenn man überall erkannt wird. Schliesslich habe ich auch ein Privatleben, das ich geniessen will. Mit der Aufmerksamkeit umzugehen, muss man erst lernen.

Ein schwieriger Lernprozess?

Es gibt schwierige Situationen.

Zum Beispiel?

Wenn man beim Essen gestört wird. Oder wenn man in Zürich unterwegs ist und dabei einiges einstecken muss, nur weil man beim FCB spielt.

Wie viele neue Freunde haben Sie?

Auch das gehört dazu. Aber als Freunde bezeichne ich immer noch die gleichen Menschen wie vor zwei, drei Jahren. Ich bin schliesslich auch der gleiche Mensch geblieben.

Ist Fussball ein Drecksgeschäft?

Teilweise. In jedem Business gibt es Dinge, die nicht sauber laufen. Aber mich betrifft das nicht.

Wurde Ihr Lohn beim FCB schon angehoben?

Über meinen Lohn müssen wir nicht sprechen.

Kümmern Sie sich als gelernter Bankangestellter selbst um Ihre Finanzen?

Ja. Das ist sicher auch ein Vorteil meines Werdegangs.

Was empfehlen Sie als Geldanlage?

Das hängt von den Bedürfnissen und der Risikobereitschaft des Anlegers ab.

Haben Sie Twitter-Aktien gekauft?

Nein. Aber der Hype war natürlich nicht überraschend.

Beraten Sie auch Ihre Mitspieler in Geldfragen?

Nein. Die meisten haben einen Finanzberater oder kümmern sich selbst darum.

Zum Schluss noch ein paar Daten: Was war am 29. November 2009?

Mein erstes Challenge-League-Spiel mit dem FC Wil. Ein 0:0 in Nyon.

Richtig. Kennen Sie alle Resultate Ihrer Karriere?

Ja, zumindest von jenen Spielen, die ich nach der Juniorenzeit bestritten habe.

Wann war Ihr erster Einsatz für Basel?

Keine Ahnung.

Am 29. August 2012.

Auswärts gegen Cluj bin ich kurz vor Schluss eingewechselt worden. Wir haben 0:1 verloren.

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