Fussball
FCB-Sport-Direktor: «Es findet eine Abrechnung mit Sousa statt»

Basels Sportdirektor Georg Heitz im Interview über die Vergangenheit mit Paulo Sousa und die Zukunft mit Urs Fischer

Etienne Wuillemin
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Urs Fischer (l.) und Georg Heitz: «Wir sind nicht süchtig nach Trainerwechseln.»

Urs Fischer (l.) und Georg Heitz: «Wir sind nicht süchtig nach Trainerwechseln.»

KEYSTONE

Die letzten Wochen rund um den FCB waren wieder einmal Fussball-Zirkus in seiner reinsten Form – oder haben Sie sich manchmal wie in einem schlechten Film gefühlt?

Georg Heitz: Es war sicher nicht etwas, das wir aktiv gesucht hätten. Dieser gewisse Unterhaltungswert ist unfreiwillig. Aber er gehört dazu. Nicht nur beim FC Basel.

Der Trainerwechsel hat aber auch einen anderen Effekt. Der FC Basel ist und bleibt ständig im Gespräch. Sogar im grossen Zürich dominiert er – FCZ und GC finden in den Randspalten der hinteren Zeitungsseiten statt.

Glauben Sie mir, eine Strategie ist das sicher nicht – auch wenn unser Marketingchef Martin Blaser vielleicht ab und zu schmunzeln muss.

Wie ist die Gefühlslage nach diesen zwei Wochen?

Es war wichtig für uns, einen Schlussstrich zu ziehen. Das haben wir getan. Jetzt zählt die Zukunft. Wichtig ist, dass wir uns ständig selbst reflektieren. Uns fragen, welche Fehler wir gemacht haben.

Die Frage muss eine andere sein: Was hat der FC Basel richtig gemacht? Denn trotz der fünf Trainerwechsel in den letzten sechs Jahren wurde er seit 2010 immer Meister.

Es sind zu viele Wechsel für unseren Geschmack. Viel zu viele. Und nein, wir sind nicht süchtig nach Trainerwechseln. Aber es stimmt, es gibt auch eine andere Seite. Die Seite, die sagt, dass wir die Ziele stets erreicht haben. Das ist genauso wichtig und das dürfen wir – gerade bei aufkommender Kritik, die wir als überzeichnet wahrnehmen – durchaus auch in die Waagschale werfen. Vielleicht ist es eben doch so, dass durch die verschiedenen Trainerwechsel einige Impulse in den Verein getragen wurden, die mithalfen, diese Titel zu gewinnen.

Die Stadt Basel befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen nationaler und internationaler Grösse. Dasselbe gilt für den Fussball. Provoziert dieses Spannungsfeld manchmal etwas gar viel Unruhe?

Das ist so. Diese grosse Bühne, wie man sie so schön nennt, bietet immer viele schöne Möglichkeiten. Für Spieler. Für Trainer. Es ist für uns immer ein Spagat zwischen den Hausaufgaben, die wir in der Schweiz machen müssen, und den internationalen Herausforderungen. Die Priorität ist und bleibt national. Und wir müssen wissen, wo wir international hingehören. Wir dürfen nicht ins Träumen geraten. Trotzdem muss es möglich sein, immer wieder internationale Ausrufezeichen zu setzen.

War dieser Spagat, diese Konzentration auf die Schweiz, einer der Gründe, die bei Paulo Sousa die Motivation schwinden liessen?

Es ist wohl banaler. Nämlich so, dass er die Möglichkeit sah, sich aus seiner Sicht zu verbessern. Und uns deshalb die Signale aussandte, dass es wohl besser ist, wenn wir uns trennen.

Dachten Sie vor einem Jahr daran, dass ein solches Theater um Sousa möglich wäre?

Natürlich sahen wir seine Biografie. Deshalb ist dieses Ende nicht nur überraschend. Gleichwohl hofften wir, dass die Zusammenarbeit über ein Jahr dauert.

Wurden Sie vom eigenen Erfolg – gerade in der Champions League – überrundet?

Das ist so. Das kann mit einem Spieler passieren. Nun ist es eben mit dem Trainer passiert. Der Fussball ist ein Geschäft voller Dynamik. Nichts kennzeichnet den Fussball besser als diese unglaubliche Dynamik.

Gelingt es Ihnen, diese Schnelllebigkeit zu akzeptieren?

Ja, das ist nicht nur ungesund. Nicht allein die Trainerwechsel haben uns einige gute Impulse beschert. Auch der sogenannte Umbruch, der uns jedes Jahr erfasst, bringt uns immer wieder neue, hungrige Spieler, die zeigen wollen, dass sie gleich gut sind wie ihre Vorgänger, und sich auch für eine grössere Liga präsentieren wollen.

Gilt wieder einmal die Maxime, dass der FCB vor der schwierigsten Saison während Ihrer Tätigkeit steht?

Das ist Kaffeesatzlesen. Das hiess es immer wieder. Und ja, jede Saison war auch schwierig. Unsere Bilanz sieht vielleicht makellos aus, aber sie ist mit sehr vielen kleinen Krisen verbunden.

Wird der Verein dadurch stärker?

Rein resultatmässig gibt es nicht mehr wahnsinnig viel Luft nach oben – vor allem international. Aber wenn Sie den Zusammenhalt in der Führung des Klubs ansprechen, dann ist die Antwort klar: Krisen schweissen zusammen.

War Urs Fischer schon in der vergangenen Saison ein Thema als Trainer?

Er stand sicher schon unter Beobachtung. Aber es fanden keine Gespräche statt.

Warum haben Sie sich für ihn entschieden?

Er hat uns überzeugt. Fachlich, aber auch in den Gesprächen. Ja, wir wollten einen deutschsprachigen Trainer. Aber die Deutung, dass wir einem Muster folgen wollten, dass wir nach Paulo Sousa einfach dessen Gegenteil verpflichten wollten, halte ich für etwas gar simpel.

Wie viele Trainer haben sich beworben?

Man muss unterscheiden zwischen bewerben und angeboten werden. Meistens werden Trainer von irgendwelchen Beratern portiert. Das waren bestimmt eher fünfzig als zehn.

Sie sagten bei der Präsentation von Urs Fischer, Sie mussten sich in den letzten Tagen enorm ärgern. Worin gründet dieser Ärger?

Zwei Hauptpunkte: Wenn man sich lustig macht über die Datenerhebung, die Paulo Sousa mit nach Basel gebracht hat, ist es billig. Diese Massnahmen des Trainers waren ein Grund dafür, warum wir so wenige Verletzungen hatten in dieser Saison. Sehr viele europäische Mannschaften benutzen diese Hilfsmittel längst auch. Manchmal bekomme ich das Gefühl, es findet eine Abrechnung mit Paulo Sousa statt. Es ist bei weitem nicht alles lächerlich, was er gemacht hat. Zum anderen bin ich enttäuscht, wie viele Dinge in der Schweiz als Fakten übernommen wurden, die in den italienischen Medien auftauchten und frei erfunden waren. Zahlen beispielsweise. Das sind Galaxien zwischen Behauptungen und Realität.

Die Erzähl-Kultur im fussballbegeisterten Italien ist eben eine andere. Dichtung und Realität kann da durchaus mal verschmelzen.

Ja, das gehört in Italien tatsächlich dazu. Und das will ich auch nicht kritisieren. Aber ich habe Mühe damit, wenn der angebliche Lohn von Paulo Sousa auf einem italienischen Online-Portal verbreitet wird – und plötzlich im Schweizer Radio auftaucht. Das ist für mich nicht seriös.

Haben Sie das Gefühl, die Verabschiedung von Marco Streller ging in der Hektik der letzten Tage etwas unter?

Nein, nein, das wäre übertrieben. Den Abschied von Marco Streller – und damit meine ich jenen im letzten Super-League-Spiel der Saison – finde ich sehr gelungen. Der Fussball schreit jeden Tag nach neuen Geschichten. Das weiss auch Marco.

Hat Sie das fast beispiellose Theater um Paulo Sousa überrascht?

Nein, nicht wirklich. Das hängt auch damit zusammen, wie begehrt er im italienischen Markt ist, wo Fussball eine Religion ist. Und darum auch aus jedem Detail eine riesige Story entsteht.

Wirklich ruhig war es um Sousa ja auch während der Saison nie.

Es gab sicher relativ früh einige Animositäten gegenüber der Person von Paulo Sousa. Ich glaube aber beispielsweise immer noch, dass Fabian Schär die richtigen Schlüsse aus seiner vorzeitigen Auswechslung im Spiel bei GC gezogen hat. Natürlich kann man diskutieren, ob der Wechsel vor der Pause sein musste oder ob auch während der Pause gereicht hätte. Ich denke, das hat Fabian Schär zu einer sehr guten Saison angetrieben.

Konnte sich Paulo Sousa an die Schweiz anpassen?

Ja, er hat sich angepasst. Natürlich ist es schwierig, sich in elf Monaten komplett zu integrieren. Und es war wohl auch nicht das Allerschlauste, bei der ersten Medienkonferenz zu versprechen, er lerne Deutsch. Gerade, wenn man weiss, wie aufwendig der Job des Trainers heute ist.

Was gibt Ihnen die Gewissheit, dass Urs Fischer den FC Basel weiterbringt?

Gewissheit gibt es nicht. Wir haben ein grosses Vertrauen in ihn und seine Fähigkeiten. Wir haben den Trainer des Jahres 2014 verpflichtet, keinen Anfänger! Man muss ihn nun auch nicht schon in den Himmel loben. Aber er ist ein sehr erfolgreicher Trainer und wird das auch in Basel unter Beweis stellen.

Also liegt der Schluss nahe: Mit dem FCB und Fischer arbeiten das beste Team und der beste Trainer miteinander. Das ist ja unerträglich für YB, das nach dem ersten Meistertitel seit 30 Jahren lechzt, der Meister 2016 kann nur Basel heissen!

Nein! Weil die Entscheidungen in den letzten sechs Jahren meistens sehr knapp waren. Weil das Team 2014/15 auch schon wieder Geschichte ist! Wir werden wieder einige personelle Veränderungen haben. Gewisse stehen schon fest, andere folgen. Kein Mensch kann voraussagen, wie schnell das wieder greift.