Schauplatz soll das Arthur Ashe Stadium sein und damit die grösste Bühne, die das Welttennis zu bieten hat, beim Grand-Slam-Turnier der Superlative, den US Open, wo es lauter, schriller und verrückter zugeht als überall sonst, wo die Tennis-Karawane einmal im Jahr ihre Zelte aufschlägt.

Das Spektakel trägt den Namen «Grapple in the Apple», was sinngemäss als «Handgemenge in New York» übersetzt werden kann, promotet wird es von keinem Geringeren als dem grossen Don King (86), dem Exzentriker mit der markanten Frisur, der mit dem «Rumble in the Jungle» und dem «Thrilla in Manila» zwei der legendärsten Kämpfe der Boxgeschichte inszenierte.

Es ist Freitag, 22. August 2008, in New York und Roger Federer, der in diesem Sommer erstmals seit fünf Jahren wieder in Wimbledon verloren hatte und nach vier Jahren auch die Führung in der Weltrangliste an Rafael Nadal hat abgeben müssen, lächelt amüsiert, wirkt irgendwie aber auch etwas befremdet an diesem Anlass, den der gemeinsame Sponsor Nike aufgegleist hatte.

Er und Nadal sind alles andere als Schwergewichtsboxer, aber sie spielen das Spiel munter mit. In der einen Ecke Federer, der «Magician of Precision», der Magier der Präzision, in der anderen sein Herausforderer Nadal, der «Matador of Spain». Sie, so sieht es das Drehbuch in jenem Jahr vor, sollen zwei Wochen später den US-Open-Sieger im Final ermitteln.

New York als weisser Fleck

Doch dazu kommt es nicht. Am Ende ist es Federer, der zum fünften Mal in Folge und zum letzten Mal die Silberware holt. Nadal gewinnt später zwei Mal bei den US Open, 2010 und 2013. Auf den «Grapple in the Apple» warten die New Yorker neun Jahre später aber noch immer.

37-mal in 14 Städten rund um den Globus haben die beiden gegeneinander gespielt, darunter bei jedem anderen Grand-Slam-Turnier mindestens dreimal, zehnmal davon in einem Final, aber noch immer nicht bei den US Open.

Mehrfach fehlt nur eine Haaresbreite. Sechsmal trennt nur ein Sieg die beiden vor einem Duell. Zweimal, 2010 und 2011, vergibt Federer gegen Novak Djokovic jeweils im fünften Satz des Halbfinals zwei Matchbälle.

Selten waren die Aussichten, dass das «Handgemenge in New York» doch noch zum Kassenschlager wird, so gut wie in diesem Jahr, dem Jahr der Renaissance der beiden alternden Giganten.

Del Potro der Spielverderber

Doch wie schon 2009, als Nadal im Halbfinal sein Opfer wurde, ist es Juan Martin del Potro (28, ATP 28), der damals auch die US Open gewann, der zum Spielverderber wird. Diesmal ist Federer der faule Apfel, der die Uraufführung verhindert.

Diesmal hatte sich das drohende Unheil angekündigt. Schon vor dem Spiel hing Schwergewicht Federer in den Seilen. Rückenprobleme. Früh im Turnier musste er zwei Fünfsätzer bestreiten. «Ich wusste nicht, ob ich überhaupt antreten kann.»

Ihm blieb nur die Hoffnung auf Besserung, doch die kam nicht. «Ich spielte nicht gut genug, um das Turnier zu gewinnen, darum ist es besser, dass ich draussen bin und ein anderer die Chance hat. Ich verdiene den Platz im Halbfinal nicht.»

Und doch gab es Momente, über die sich Federer hätte ärgern können. Zwei Mal schenkt er del Potro mit einem Doppelfehler ein Break – im ersten Satz zum 5:6, im zweiten zum 0:2. Zwar kehrt Federer nach einem 1:4-Rückstand in den Satz zurück und dominiert das Tiebreak über weite Strecken. Doch er lässt alle vier Satzbälle ungenutzt, während del Potro bei erster Gelegenheit zuschlägt.

Am Ende steht eine 5:7, 6:3, 6:7, 4:6-Niederlage. Müde und unsicher habe er sich gefühlt. Nie habe er den Rhythmus gefunden und immer das Gefühl gehabt, zu vieles hänge von seinem Gegner ab, «und das mag ich nicht». Die Niederlage schmerze, aber weil er seine eigenen Erwartungen bei weitem übertroffen habe, falle es ihm leichter, diese dereinst wegzustecken.

«Negatives Gefühl» gegen Nadal

Gegen Rafael Nadal, den Federer bei einem Halbfinal-Sieg als Nummer eins der Welt abgelöst hätte und den er in diesem Jahr drei Mal in Folge hatte bezwingen können, wäre er mit einem negativen Gefühl in den Match gegangen, wie er selber sagt. «Ich wäre okay gewesen, aber nicht so stark wie in Australien, Indian Wells und Miami. Ich denke, Juan Martin hat bessere Chancen als ich, Rafa zu besiegen.» Dem «Matador aus Spanien» eröffnet sich nun eine einmalige Gelegenheit.

Auf dem Weg in die Halbfinals traf Nadal auf keinen Spieler aus den Top 50 der Welt. Seit Januar 2014 in Doha hat er kein Turnier mehr auf einem Hartplatz gewonnen, nun muss er dazu keinen einzigen Spieler aus dem Zirkel der Top Ten besiegen. Den anderen Finalisten ermitteln mit dem Südafrikaner Kevin Anderson (31, ATP 28) und Nadals Landsmann Pablo Carreno Busta (26, ATP 19) zwei Halbfinal-Debütanten.

Antipode Federer hingegen freut sich auf eine Pause. «Es ist noch nicht vorbei. Ich habe in diesem Jahr noch Grosses vor.» Ende September bestreitet er den Laver Cup, danach Schanghai, die Swiss Indoors Basel, Paris und die World Tour Finals in London. «Ich hatte schon so ein wundervolles Jahr. Alles, was jetzt noch kommt, ist Bonus.»

Nadal, der sich lange geweigert hatte, sich zum «Grapple in the Apple» zu äussern, sagte dann doch etwas: «Hier wäre ein Final gegen Federer spezieller, leider war das in diesem Jahr nicht möglich.» Also müssten sie es im nächsten Jahr wieder versuchen. Vielleicht klappt es ja im elften Anlauf mit dem «Handgemenge in New York».